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Full text of "Kant contra Haeckel"

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ANDOVER-HARVARD THEOLOGICAL 
LIBRARY 



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CAMBRIDGE, MASSACHUSETTS 



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Kant contra H^eckei, 

Für den Entwicklungsgedanken *• 
" g^en naturwissenschaftlichen 

Dogmatismus. OBaeaasiSEiissB Von 

Erich Adickes, «»««BÄiiMaBaB 

ProffcMor dernPhilosophie an der Univenitit Tfibingen. 
Zweite, verbesserte und erweiterte Auflage. 




Berlin 1906. SE^SB^SBxaasE^eBt 
Verlag von Reuther & Reichard. 



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Alle Rechte, auch das der Übersetzung vorbehalten. 



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Aus dem Vorwort zur ersten Auflage. 



Als ich meine Bemerkungen niederschrieb, kannte ich nur 
Haeckels Werk selbst, noch nicht die Hymnen seiner Anhänger. 
Einige derselben sind mir jetzt in H. Schmidts Schrift: »Der Kampf 
um die Welträtsel« zu Gesicht gekommen, und sie hätten mir 
auf. jeden Fall die Feder in die Hand gezwungen. Beim Meister 
stößt einen schon der Unfehlbarkeitsdfinkel, die Selbstgenügsamkeit 
und Unduldsamkeit ab. Ganz uneriräglich wird die Sache, wenn 
nun die Haeckelianer die Lärmtrommel der Reklame rühren, wenn 
man hören muß, erst der Jenenser Zoologe habe »der Philosophie 
einen festen Boden bereitet«, er sei »der Begründer der modernen 
Naturphilosophie« und damit auch der »Philosophie der Zukunft«, 
wenn von seinem »Reichtum an philosophie-geschichtlichen Kennt- 
nissen« oder gar von den »Feinheiten der Wortbedeutungen« in 
den »Welträtseln« die Rede ist 

Im Gegensatz dazu muß — wie auch von anderer Seite schon 
geschehen ist — auf das Schärfste betont werden, daß Haeckels 
Werk, als philosophisches, ein ganz »klägliches Gewächse« und 
Konsequenz des Denkens eine Eigenschaft ist, die man vergebens 
in ihm sucht 

Ich will diesen Nachweis ohne Voreingenommenheit führen, 
weder von theologischem noch von metaphysischem, sondern von 
dem allein wissenschaftlichen: nämlich dem erkenntnistheoretischen 
Standpunkt aus. 

Mich hindern auch nicht etwa »eingeimpfte theologische Vor- 
urteile« , Haeckels philosophischen Verdiensten gerecht zu werden. 
.... Ich bin Monist und Pantheist, nicht wie Haeckel, sondern 
im Gegensatz zu ihm. 

Er ist in Wirklichkeit Atheist und Materialist, und der Mate- 
rialismus kann mit aller Strenge als Höhepunkt der Absurdität er- 
wiesen und wideriegt werden. Darum ist Haeckel auch durchaus 
nicht befugt, seine Weltanschauung als die notwendige Konsequenz 



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THEOLCX..ALUBRA5 X/%^ä 



moderner Naturwissenschaft hinzustellen; vielmehr ist mit der letz- 
teren eine weniger radikale, wirklich monistische Metaphysik viel 
besser vereinbar. Nicht nur in Fragen der Weltanschauung, sondern 
auch auf rein wissenschaftlichem Gebiet ist Haeckel stark von sub- 
jektiven Qlaubensüberzeugungen beeinflußt, sie machen ihn gewalt- 
tätig gegen die Tatsachen, unduldsam und großsprecherisch; darum 
ist er doppelt im Unrecht, wenn er Anderer Glauben schmäht und 
verfolgt 

Das sind die Thesen, die ich zu beweisen suche. Ich erwarte 
nicht etwa, Haeckel zu überzeugen, noch weniger seine Anbeter 
und Nachtreter, die auf ihn eingeschworen sind. Da wäre aller 
Liebe Müh' umsonst Dogmatiker, wie sie es sind, lassen sich 
durch nichts in ihren Ansichten erschüttern. Und ein echter 
Schüler ist immer noch ein gut Teil orthodoxer als sein Meister. 
Ein Haeckel glaubt bedingungslos an seine Dogmen, ein Heinrich 
Schmidt glaubt außerdem noch an die Partei und an die Person 
seines Lehrers. 

Meine Schrift wendet sich an die, welche, geblendet von 
Haeckels berühmtem Namen und wohlverdientem wissenschaftlichen 
Ruf, auch in philosophischen Fragen von ihm Auskunft erwarten. 
Sie möchte den philosophischen Nimbus, der ihn umgibi, zerstören 
und so an ihrem Teil der Vernunft zum Durchbruch verhelfen. 

Vorwort zur zweiten Auflage. 



In dieser zweiten Auflage ist die Einleitung umgearbeitet und 
stark erweitert Kleinere stilistische Verbesserungen ziehn sich 
durch das ganze Werk. Wichtigere Zusätze oder Änderungen finden 
sich hauptsächlich auf den Seiten 19/20, 44/5, 60/1, 66/7, 70, 84—8, 
104/5, 112-5, 133-5. 

Außerdem ist die Schrift durchgehends ergänzt durch Bezug- 
nahme auf Haeckels »Lebenswunder« und seine drei Berliner Vor- 
träge. 

Zu einer materiellen Änderung meiner Ansichten und Ein- 
wände fand ich keinen Anlaß. 



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Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Einleitung 1—11 

a) Haeckel als Macht des Rückschritts 2—4 

b) Haeckel contra Kant 4 — 8 

c) Kant contra Haeckel. Sinn des Titels. Absicht 

der Schrift • 8-^11 

Erstes Kapitel. Haeckels Weltanschauung: nicht 

Monismus, sondern Materialismus 12—34 

Erster Abschnitt Kennzeichen des Materialismus 13—18 

Zweiter Abschnitt Haeckels Scheinmonismus . . 18—26 

a) Einheit von Oott und Natur 18-22 

b) Einheitliche Konstitution des Weltalls 22—26 

Dritter Abschnitt Haeckels Materialismus . . . 26—34 

a) Allgemeinere Wendungen. — Oehimphysiologie und 
Psychologie 26—31 

b) Bestimmtere Ausspräche über die Abhängigkeit des 
Psychischen vom Physischen 31 — ^34 

Zweites Kapitel. Widerlegung des Materialismus. . 35—74 
Erster Abschnitt. Unfähigkeit des Materialismus, 

die Existenz des Psychischen zu erklären. 35 — 49 

a) Psychische Vorgänge nicht Eigenschaften der Ma- 
terie 35-38 

b) Psychische Vorgänge nicht mit Bewegungen iden- 
tisch 38-42 

c) Psychische Vorgänge nicht Wirkungen von Be- 
wegungen 42—43 

d) Der Materialismus und das Energiegesetz .... 44—49 



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VI 

Sdte 
Zweiter Abschnitt Absurdität des Materialismus^ 

da die Materie nur unsere Vorstellung ist. 49—73 

a) Erkenntnistheoretischer Idealismus 49 — 53 

b) Subjektivität der primären Qualitäten 54—58 

c) Subjektivität unseres Bewußtseinsraums. . . . 58—63 

d) Analyse des Atombegriffs 63—73 

1. Die Atome als Hilfsbegriffe der Mechanik. . 64—70 

2. Die Atome als angebliche Dinge an sich . . 71—73 
Zusammenfassung 74 

Drittes Kapitel. Der wahre Monismus 75—106 

Erster Abschnitt Parallelistische Qedanken- 

gängebeiHaeckel 75—79 

Zweiter Abschnitt Die Theorie der Allbe- 
seelung und des psycho-physischen Pa- 
rallelismus als Grundlage des wahren 

Monismus ,. . 79—92 

a) Spinoza. — Weltbild des universellen Parallelis- 
mus 79—81 

b) Aufgabe und Grenzen der Naturwissenschaft. . 81—83 

c) Der universelle Parallelismus führt zu einem wirk- 
lichen Monismus 83—85 

d) Die Allbeseelung keine Phantasterei, sondern eine 
berechtigte Hypothese 85—90 

e) Bedeutung des Psychischen. Monismus und 
Religion 90—92 

Dritter Abschnitt. Der wahre Monismus und die 

natürlicheEntwicklung 92—106 

a) Generatio aequivoca und kontinuierliche Entwick- 
lung als Postulate der Naturwissenschaft . . . 93—94 

b) Haeckels Kryptovitalismus 94—96 

c) Analyse des Kraftbegriffs 96—101 

d) »NatürlicheEntwicklung« mit Annahme besonderer 
»organischer Kräfte« vereinbar 101—106 

Zusammenfassung 106 

Yiertes Kapitel. Ungläubig — und doch gläubig. 107—145 
Erster Abschnitt. Die Weltanschauung: das Ge- 
biet nicht des Wissens, sondern des 

Glaubens 108-123 

a) Wissen und Glauben 108—112 

b) Die christlichen Dogmen nicht streng wideriegbar. 113—123 

1. Theismus 115—118 

2. Unsterblichkeitsglaube 118—123 



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VII 

SeHe 

Zweiter Abschnitt Haeckel — der Erzgläubige. 123—144 

a) Glaube inmitten der Wissenschaft Haedcels 
Leichtfertigkeit im Behaupten 125—129 

b) Haeckels Unduldsamkeit 129—138 

c) Haeckels Wissenshochmut und Größenwahn . . 138—144 
Zusammenfassung 144—145 

Fünftes Kapitel» Der Erfolg der »We Iträtsel« als 

ZeichenderZeit 146—160 

Die vier Zeitströmungen , denen die »Welträtsel« als 
Credo dienen können: 

a) Überschätzung der Naturwissenschaften .... 146—150 

b) Philosophische Tendenz 150 — 153 

c) Übertriebener Radikalismus gegenüber den Forde- 
rungen des Gemüts 153 — 156 

d) Antichristliche resp. antikirchliche Strömung . . 156 — 160 



Zu berichtigen: 
Seite 23 Zeile 17 v. u. lies statt »noch!«: »noch [!]« 
„ 123 „ 11 V. o. „ „ »Schmerz«, sie: »Schmerz«! Sie 
„ 139 „ 12 V. u. „ „ Bambusse: Bambusen. 



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Einleitung. 



Seit Büchners »Kraft und Stoff« (1855), der Bibel des 
Materialismus, ist kein philosophisches Werk in deutscher 
Sprache veröffentlicht, das einen so durchschlagenden Erfolg 
gehabt hätte, wie E. Haeckels »Welträtsel« (1899). Büchners 
Schrift erschien 1898 in 20. Auflage. Von den »Weifrätseln« 
wurden bis 1903 in 8 Auflagen 16000 Exemplare verkauft 
Dann veranstaltete der Verleger eine billige Volksausgabe 
und setzte von ihr schon im ersten Jahr mehr als 100000 
Exemplare ab. Viel bedeutende gedankenvolle philosophische 
Werke sind in den letzten 50 Jahren geschrieben, darunter 
manche von bleibendem Wert auch für kommende Jahr- 
hunderte. Trotzdem: die meisten unter ihnen mußten sich 
mit einer beschränkten Anzahl von Lesern begnügen. Haeckel 
darf sagen: veni, vidi, vici. Und nicht ein kleines populäres 
Büchelchen fan^ solch rasche Verbreitung, sondern ein re- 
spektabler Band von 473 S. gr. 8^, vollgepfropft mit Fremd- 
wörtern und durchaus nicht arm an Detailgelehrsamkeit 

Den »Welträtseln« folgten 1904 die »Lebenswunder«, 
»gemeinverständliche Studien über biologische Philosophie«, 
auch sie sind jetzt schon in 10000 Exemplaren verbreitet Ein 
Jahr später hielt Haeckel drei Vorträge^) in der Beriiner 
Sing-Akademie, die großen Staub aufwirbelten, obwohl sie 
keinen einzigen Gedanken bringen, der nicht schon aus 
seinen früheren Schriften bekannt gewesen wäre. 



1) Veröffentlicht unter dem Titel: »Der Kampf um den Entwick- 
lungfs-Oedanken« (1905). 

Adickes, Kant contra Haeckel. 2. Aufl. 1 



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a) Haeckel als Macht des Rückschritts. 

Ohne Zweifel, Haeckel ist eine geistige Macht heut- 
zutage. Aber nicht, wie er sich rühmt, Lichtbringer und 
Kulturträger, sondern eine Macht der Finsternis und des 
Rückschritts. In Weltanschauungsfragen steht er auf einem 
Standpunkt, den das moderne Denken längst überwunden 
hat Und es genügt ihm nicht, seine Gedankentorheiten 
und Unklarheiten unter eigner Firma auf den Markt zu 
bringen — dann würden sie kaum wirken — : er verkündet 
sie als die notwendigen Konsequenzen der Naturwissen- 
schaft und im besondem der Entwicklungslehre; dadurch 
diskreditiert er beide und erschwert es ihnen, auch bei den 
Anhängern des Alten den Orad von Bedeutung und Einfluß 
zu gewinnen, auf den sie mit Recht Anspruch machen 
können. Wenn die Orthodoxie noch immer gegen die Ent- 
wicklungslehre eifert, so ist in erster Linie der Radikalismus 
Haeckels und seiner Gefolgschaft daran schuld. Und schließ- 
lich auch der Naturforschung selbst kann sein seichtes Phi- 
losophieren nur zum Schaden gereichen. Auf dem W^e 
der Naturphilosophie ä la Schelling hätte sie nie ihre 
großen Erfolge errungen; metaphysische Hypothesen und 
Träume in streng wissenschaftliche Untersuchungen ein- 
mengen taugt nun einmal nicht. Und gerade darin ist 
Haeckel groß. Er hat sich immer wieder von neuem als 
völlig unfähig erwiesen, Tatsachen und Theorien, Gegebenes 
und dessen Deutung scharf und gewissenhaft voneinander 
zu sondern (und doch beruht darauf das Heil der Wissen- 
schaft !). Hypothesen werden ihm zu Dogmen, die Grenzen 
zwischen Möglichem und Unmöglichem verwischen sich, 
und selbst das Unmögliche erscheint ihm als notwendig,, 
wenn es in den Zusammenhang seines Denkens paßt. 

Haeckel ist eben durch und durch Dogmatiker, darin 
steht er mit Büchner auf einer Stufe. Aber als Naturforscher 
überragt er ihn weit: in seiner früheren besseren Zeit hat er 
neue Wege eingeschlagen, reiche Anregungen sind von ihm 



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ausgegangen, wichtige Resultate verdankt man seiner Arbeit. 
Beide Männer drängte es zu Synthesen, der intellektuelle 
Einheitstrieb war stark in ihnen entwickelt, mit einem 
Prinzip suchten sie die ganze Welt zu umfassen. Und 
trotzdem : als Philosophen sind beide vollständige Nullen ! 

Wie kommt das? Sie sind ganz und gar von dem 
einen Trieb erfüllt. Über dem Bedürfnis nach Einheit 
vergessen sie die in der Welt faktisch herrschende Vielheit 
und übersehen die Schwierigkeiten, welche sich ihrer Welt- 
formel eben wegen deren Einfachheit entgegenstellen. In 
die einmal gefaßte Meinung sind sie völlig verrannt Mögen 
die Oegeninstanzen noch so zahlreich sein, mögen sie sich 
in der nächstliegenden Erfahrung noch so stark aufdrängen : 
sie werden nicht beachtet, die Augen beider Forscher sind 
wie geschlossen für alles, was mit ihren Theorien nicht in 
Obereinstimmung steht 

Und vor allem, es fehlt ihnen das, was zwar nicht 
genügt, einen zum Philosophen zu machen (dazu gehören 
noch manche andere Dinge!), was aber, wenigstens heut- 
zutage, die ganz unentbehrliche Vorbedingung für jedes 
Philosophieren ist: die er kenn tnistheo retische Durch- 
bildung. Daß es Grenzen für das menschliche Erkennen 
gibt, und zwar sehr enggesteckte, unüberschreitbare, wissen 
sie wohl vom Hörensagen, aber ihr Denken hat dies Wissen 
nicht in sich aufgenommen, seine Siegesgewißheit ist da- 
durch nicht herabgestimmt Und wenn Haeckel sich auch 
dann und wann etwas reservierter ausdrückt, so sind das 
doch nur flüchtige Anwandlungen von edler Bescheidenheit 
oder — greisenhafter Schwäche, die auf jeden Fall das 
Ganze seiner Denkungsweise durchaus nicht zu modifizieren 
vermögen und sofort verschwinden, wenn es bei den Einzel- 
fragen zur Entscheidung kommt Dann ist des Rätsels Lö- 
sung doch stets entweder schon in Haeckels Hand oder 
steht wenigstens in naher Aussicht; die naturwissenschaft- 
liche Forschung ist durch keine Schranken eingeengt, es 
gibt für sie kein undurchdringliches Dunkel. Auch nur ein 



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»Ignoramus« zu sprechen, fällt Haeckel schwer: an 
»Ignorabimus« würde ihm nicht weiser Selbstprfifung, 
sondern feigem Mißtrauen in die eigene Kraft oder träger 
Zufriedenheit mit halb Erreichtem zu entstammen scheinen. 

Für so manches, was ein jeder, der im philosophischen 
Denken auch nur einigermaßen geschult ist, als Binsen- 
wahrheiten betrachtet, geht Haeckel (ebenso wie Büchner) 
jedes Verständnis ab. Vor allem für die Fundamental- 
erkenntnis, daß die uns nächstli^ende Erfahrung die geistige 
ist, daß nicht materielles, sondern psychisches Oeschehn 
das uns Bestbekannte und primär O^ebene ist So kommt 
es denn, daß ihre Weltanschauungen nicht, wie andere Welt- 
anschauungen, Aufrisse sind, denen an sich ein wirkliches 
Gebäude entsprechen könnte, daß sie vielmehr Pläne dar- 
stellen, auf Grund deren nirgends, nicht einmal in einem 
Wolkenkuckucksheim, einen Bau aufzuführen möglich wäre, 
Pläne, bei denen das Dach in der Erde ruht, während die 
Grundmauern hoch oben in den Lüften schweben. 

Das ist der Grund, weshalb man die Unhaltbarkeit 
ihrer Systeme erweisen kann:, zie zählen nicht unter 
die zwar nicht demonstrierbaren, eben darum aber auch 
nicht widerl^baren Weltanschauungen. Sie können, wie 
ich zeigen werde, ad absurdum geführt werden auf Grund 
erkenntnistheoretischer und methodologischer Erwägungen. 

b) Haeckel contra Kant 
Haeckel hat dieser Schrift die Ehre erwiesen, sich mit ihr 
zu beschäftigen, sowohl in den »Lebenswundem« (S. 505 ff.) 
als in dem »Glaubensbekenntnis der reinen Vernunft«, das 
er der Volksausgabe der »Welträtsel« als Nachwort mit auf 
den W^ gab (S. 164 ff.). Daß es zu keiner sachlichen Po- 
lemik kommen werde, war vorauszusehn. Er hat es ver- 
lernt zu hören, fremde Ansichten unentstellt in sich auf- 
zunehmen. Gründe und G^engründe objektiv und unpar- 
teiisch g^eneinander abzuwägen. Wer nicht für ihn ist, 
wird zum Dualisten gemacht. 



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Dies Verdammungsurteil trifft auch mich, obwohl die 
Tendenz meines Denkens, wie ich stark betont hatte, eine 
durchaus monistische ist. Er operiert g^en mich mit 
der Unterscheidung zwischen Kant I, dem Physiker, Monisten, 
Atheisten mit reiner Vernunft, und Kant 11, dem Antiphysiker, 
Dualisten und Theisten mit reiner Unvernunft. Diese O^en- 
flberstellung spukte schon in den >WelträtseIn« (S. 107/8, 
401 ff., 453 ff.), jetzt ist eine geschlossene Theorie daraus 
geworden: in den »Lebenswundem« (S.528) formuliert eine 
Tabelle in acht Punkten die einander entg^engesetzten An- 
sichten der beiden Kante, die als zeitlich aufeinander folgend 
gedacht werden (denn »im Veriauf einer dualistischen und 
dogmatischen Metamorphose« ist nach den Berliner Vor- 
trägen — S. 86 — Kant I zu Kant II geworden; jener ist 
den »Welträtseln« — S. 107/8 — zufolge der jugendliche, 
wirklich kritische Kant, dieser der gealterte, dogmatische, 
wonach dann freilich seine Jugend etwas lange, bis ins 57. 
Jahr, gedauert haben mußte!). Kant I soll das Ding an sich 
für eine bloße Grille erklärt haben, eine immaterielle Oeister- 
welt für ein Luftgebilde der Phantasie, den Oottesglauben 
für bloße Dichtung; er ist der Begründer der monistischen 
Kosmogenie, der kritische Ergründer der reinen Vernunft, 
Kant II dagegen der Verfasser der dualistischen Kritik der 
Urteilskraft, der dogmatische Erfinder der praktischen Ver- 
nunft mit ihren »drei mystischen Phantasie-Gebilden« (Oott, 
Freiheit, Unsterblichkeit). Nun bin ich gewiß der letzte, der 
versucht wäre, die zahlreichen Widersprüche und Inkon- 
zinnitäten in Kants Philosophie zu leugnen oder zu ver- 
schleiern. Aber die Gegensätze, die Haeckel hier konstruiert, 
bestehen nur in seiner Phantasie, und beweisen lediglich das 
Eine zur Evidenz, daß Kants Persönlichkeit wie Kants Lehre 
ihm gleichermaßen böhmische Wälder sind. Er hat keine 
Ahnung davon, daß die Postulate der praktischen Vernunft 
schon 1781 in der »Kritik der reinen Vernunft« auftreten 
(ja! dem Grundgedanken nach sogar schon 1766 in den 
»Träumen eines Geistersehers«), daß Kant sein Leben lang 



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Theist und überzeugter Anhänger des Unsterblichkeitsglaubens 
war, daß er gerade in seiner früheren (nach Haeckel: mo- 
nistischen) Zeit einen neuen Beweis für das Dasein Gottes 
aufstellte, daß er anderseits an der »monistischen Kosmo- 
genie« bis zuletzt festhielt. 

H. E. Zitier in Jena meint, ^) die »offiziellen Philosophen« 
hätten, wie aus ihren Entgasungen ersichtlich sd, Haeckel 
seine abfällige Kritik Kants sehr übel genommen. Was mich 
betrifft, so bekenne ich gern, daß Haeckels Weisheitssprüche 
über Kant stets nur erheiternd auf mich gewirkt haben. Um 
sie übel zu nehmen, müßte man sie vor allem erst einmal 
ernst nehmen. Das ist aber wirklich zu viel verlangt bei 
solch apriorischen Konstruktionen, die mit den Tatsachen 
auch nicht mehr die entfernteste Aehnlichkeit haben. Der 
Himmel mag wissen, auf Grund welch seltsamer Nachrichten 
dies noch seltsamere Bild von Kants Philosophie in Haeckels 
grauer Himsubstanz — denn die besorgt bei ihm ja ganz 
allein das Denken! — entstanden ist Kant selbst gelesen 
hat er sicher nicht; wäre es der Fall, so könnte selbst ein 
Haeckel nicht so unklar und verworren reden. Vielleicht 
taucht hier mit der Zeit noch ein Saladin II als Quelle auf: 
ein G^enstück zu dem obskuren Gewährsmann, dem Haeckel 
seine Kenntnisse über Bibel und Christentum verdankt (vgl. 
S. 131 dieser Schrift). Von ihm mag er auch zu der kost- 
baren Anmerkung auf S. 453—5 der »Welträtsel« anger^ 
sein, wo Kant das Zeugnis ausgestellt wird, daß er es 
eventuell zu einer ganz anständigen Philosophie hätte bringen 
können, wenn er nur fleißig organische Naturwissenschaften 
studiert, im 3. Jahrzehnt seines Lebens (seiner Hauslehrer- 
zeit) weite Reisen gemacht und — eine Frau genommen 
hätte. In den »Lebenswundem« (S. 367) werden die wohl- 
tätigen Einflüsse des Ehestandes weiter entwickelt: hätte 
Kant Kinder gehabt und ihre geistige Entwicklung schritt- 



1) »Entwicklungslehre oder Apriorismus? Haeckel oder Kant?«, 
in : Das freie Wort (Frankfurt a. M. 1904. S. 18-24.) 



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weise verfolgt, so hätte er seinen Apriorismus aufgegeben 
und wär6 konsequenter Monist geworden. Ein Jammer, 
daß Kant nicht 100 Jahre später lebte, und in Haeckels Nähe. 
Haeckel als Heiratsstifter, um den Gefährdeten zu Beginn 
der drohenden dualistischen Metamorphose durch zarte 
Bande auf dem rechten Wege zu erhalten: es wäre ein 
rührendes, erhebendes Bild gewesen! 

Auch H. E. Zitier (a. a. O. S. 24) ist der Ansicht, daß 
Kant seinem Apriorismus hätte entsagen müssen, sobald er 
sich zu Entwicklungslehre und genetischer Psychologie be- 
kannte. »Der O^ensatz zwischen Haeckel und den Kanti- 
anischen Philosophen ist unvermeidlich. Es ist der innere 
Widerstreit der genetischen Auffassung und des Apriorismus. 
Wir finden hier auch auf dem erkenntnistheoretischen Gebiet 
den Widerspruch zwischen der Entwicklungslehre und dem 
Schöpfungsglauben . . . Wer auf dem Boden der Ent- 
wicklungslehre steht, dem erscheint die Lehre vom Aprioris- 
mus als wertlos«. Ahnlich heißt es in den »Lebenswundem« : 
was ontogenetisch als a priori erscheint, »ist ursprünglich 
phylogenetisch durch eine lange Reihe von Gehirn-An- 
passungen unserer Vertebraten-Ahnen erworben worden, durch 
unzählige Sinneswahrnehmungen und Erfahrungen a poste- 
riori« (S. 76/7; vgl. auch S. 11/2). 

Kant würde darauf antworten, daß die G^^er das von 
ihm erörterte Problem nicht richtig erfaßt haben; es handle 
sich für ihn absolut nicht um irgend welche Psychologie, 
um Genesis von Vorstellungen und geistigen Funktionen 
sei es im einzelnen Menschen sei es im ganzen Menschen- 
geschlecht, sondern nur um die rein transzendentale Frage 
nach den Grundbedingungen aller Erkenntnis, um die Mög- 
lichkeit menschlicher Erfahrung überhaupt; seine Antwort 
auf diese Frage sei mit jeder genetischen Psychologie und 
jeder Entwicklungsgeschichte, soweit sie den Tatsachen der 
Erfahrung entsprechen, vereinbar. 

Ich für meine Person habe es noch bequemer: jene An- 
griffe treffen mich gar nicht, da ich Kants Apriorismus und 



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8 

Rationalismus in dem Sinne, in welchem Haeckel und Zit- 
ier davon sprechen, nicht teile. Ich bin Empirist und 
erkläre Notwendigkeit und Allgemeingfiltigkeit der Mathe- 
matik wie der Naturwissenschaft vom Standpunkt der Er- 
fahrung aus. Auch bin ich fiberzeugt, daß die Dinge an sich 
in räumlich-zeitiichen Ordnungen stehn, die denen der Er- 
scheinungswelt entsprechen. Kants Versuch, in seinen Postu- 
laten der praktischen Vernunft etwas einem Beweise auch 
nur von fem Ähnliches zu liefern, halte ich ffir ganz ver- 
fehlt. Im O^ensatz zu ihm bin ich Pantheist und strenger 
Determinist, glaube also nicht an einen auBerweltiichen Oott, 
nicht an eine Schöpfung der WeH durch ihn, auch nicht an 
ein vom Körper getrenntes immaterielles Seelenwesen. Ich 
stehe ganz auf dem Boden genetischer Auffassung, nehme 
einen lückenlosen allumfassenden Kausalzusammenhang an 
und eine »natüriiche« Entwicklung von der anorganischen 
Weh zur organischen und in dieser hinauf bis zum Men- 
schen (diesen eingerechnet!). 

Dies mein monistisches Glaubensbekenntnis habe ich 
schon in der 1. Auflage dieser Schrift im Vorwort ausge- 
sprochen. Haeckel sollte es also kennen. Trotzdem rechnet 
er mich — in direktem Widerspruch mit den 
Tatsachen — zu den »eifrigen dualistischen 0^[nem der 
Welträtsel« und behauptet, ich stfitze mich ganz und gar 
auf die von Kant II mit Hülfe der praktischen Vernunft ent- 
worfenen dualistischen Prinzipien der intelligibeln Welt (Nach- 
wort der Volksausgabe der »Welträtsel« S. 165/6). 

c) Kant contra Haeckel. Sinn des Titels. 
Absicht der Schrift 

Wenn ich trotz des Gegensatzes, in dem ich in sehr 
vielen Punkten zu Kant stehe, den Titel »Kant contra Haeckel« 
wählte, so geschah es, weil Kant die beiden g^en Haeckel 
vorzubringenden Hauptargumente zwar nicht als erster in 
die philosophische Betrachtung einführte, wohl aber sie be- 
sonders eindringlich geltend machte und so nicht wenig 



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dazu beitrug, daß aus ihnen »ewige Wahrheiten« wurden, 
die heutzutage unter allen Wissenden als etwas durchaus 
Selbstverständliches gelten. Der Titel soll also darauf hin- 
weisen, daß meine wichtigsten Einwände nicht auf mich als 
Einzelpersönlichkeit zurQckgehn, daß sie vielmehr (zum alier- 
mindesten der erste von ihnen) durch Kant zum Gemeingut 
der ganzen modernen wissenschaftlichen Philosophie ge- 
worden sind, als deren Sprecher ich nur auftrete. 

Die beiden Hauptargumente lauten folgendermaßen: 
1) Es ist ebenso unmöglich wie absurd, aus der Materie 
und ihren Bewegungen das geistige Leben erklären zu wollen; 
denn das Geistige ist das Primäre, die ganze materielle Welt 
dag^en (also die Weh der Naturwissenschaft) nur eine Welt 
von Erscheinungen und die Materie nichts als eine Schöp- 
fung unseres Geistes. 2) Außerhalb der Erscheinungswelt 
ist für die Naturwissenschaft und für die Wissenschaft über- 
haupt leerer Raum; vom Transzendenten gibt es kein 
Wissen, sondern nur Glauben. 

Es sind die Grundgedanken des erkenntnistheoretischen 
Idealismus, die ich g^en Haeckel ins Feld führe. Und in 
ihnen weiß sich nicht nur die ganze heutige Philosophie 
eins, soweit si6, an Kant oder Hume anknüpfend, er- 
kenntnistheoretisch orientiert ist, sondern auch die eigentlich 
führenden Geister auf naturwissenschaftlichem Ge- 
biet sind von ihrer Richtigkeit durchdrungen. 

Kant bedeutet also das erkenntnistheoretische Panier, um 
das alle G^[ner Haeckels sich scharen können. Das sollte 
der Nebentitel der ersten Auflage zum Ausdruck bringen: 
»Erkenntnistheorie gegen naturwissenschaftlichen Dogmatis- 
mus«; aus erkenntnistheoretischen Erwägungen ergab sich 
als sicheres Resultat, daß Haeckel ein Dogmatiker vom reinsten 
Wasser, ein Erzgläubiger ist, daß er Metaphysik, und zwar 
schlechteste Metaphysik, treibt, wo er behauptet streng na- 
turwissenschaftlich vorzugehn. 

Wenn der Nebentitel in dieser zweiten Auflage etwas 
anders lautet (»Für den Entwicklungsgedanken — gqgen 



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10 

naturwissenschaftlichen Dogmatismus«), so li^ dem nicht 
ein Stellungswechsel zugrunde — dazu war keinerlei Anlaß — ; 
es sollte nur auch schon im Titel der Inhalt der ganzen 
Schrift wenigstens angedeutet werden. Denn mit jenen Ge- 
danken des erkenntnistheoretischen Idealismus beschäftigen 
sich nur das zweite und vierte Kapitel, mit denen das erste 
eng zusammenhängt, da es nachweist, daß Haeckel nicht Mo- 
nist, sondern Materialist ist Im dritten Kapitel dag^en trete 
ich (nicht in Kants, sondern im eigenen Namen) für den 
Entwicklungsgedanken ein, für die Anschauung, daß eine 
natüriiche einheitliche Entwicklung aus dem Reich des 
Anorganischen hinüberführt in das organische Gebiet und 
hier aufwärts von der einfachsten Zelle bis zum komplizierten 
Organismus des Menschen mit seinem hochentwickelten 
Geistesleben. Aber während der Dogmatiker Haeckel das zu 
wissen vorgibt und es als tatsächlich nachweisbar 
behauptet, bin ich bescheiden und glaube es nur, stelle es 
nur als ein Postulat der Naturwissenschaft und Metaphysik 
hin. Und zugleich zeige ich, daß die Konsequenzen, die 
Haeckel aus dem Entwicklungsprinzip zieht, weder aus diesem 
noch aus sonstigen Lehren modemer Naturwissenschaft mit 
irgend welcher Art von Notwendigkeit herfließen. Ein- 
heitlichkeit der Weltanschauung läßt sich auch auf anderem, 
philosophischerem Wege erreichen, als Haeckel es unter- 
nimmt. Seinem Scheinmonismus wird im Anschluß an Spi- 
noza, auf den er sich oft, aber mit Unrecht beruft, der wahre 
Monismus entgegengestellt, nicht als beweisbares Faktum, 
sondern als persönliche Glaubensüberzeugung. Und es er- 
gibt sich, daß dieser konsequente Monismus samt seiner 
Theorie der Allbeseelung und des psychophysischen Paralle- 
lismus mit der Naturwissenschaft, ihren Tatsachen, Folge- 
rungen und Forderungen in bester Harmonie steht und ihr 
vollste Aktionsfreiheit gewährt 

Haeckels Weltanschauung, mit der er so gern paradiert 
als mit einem notwendigen Ergebnis des Entwicklungsprinzips, 
ist in Wirklichkeit auch nichts als ein individueller Glaube, 



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11 

hervorgehend aus gewissen radikalen Tendenzen seiner Natur 
und daher stammenden eigenartigen Oemfitsbedfirhiissen. 
Daß dem so ist, dafür sind Lamarck und Darwin Zeugen, 
die Haeckel für seinesgleichen auszugeben und auf das 
Niveau seiner philosophischen Bildung herabzuziehen liebt, 
auch hier wieder im Widerspruch mit den Tatsachen; denn 
Lamarck bekennt sich in seiner »Philosophie zoologique« auf 
das Unzweideutigste zu dem deistischen Glauben an einen 
Gott und Schöpfer, und von Darwin ist eine briefliche 
Äußerung bekannt, nach der er nie ein Atheist in dem Sinne 
gewesen sein will, daß er die Existenz eines Gottes ge- 
leugnet hätte. 



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Erstes Kapitel. 

Haeckels Weltanschauung: nicht MonismuSt 
sondern Materialismus. 

Motto: »Konsccraentes Denken bleilit eine 
seltene Nmtnr-EredieinniiB^.« 

Haccketo WeHritsdTcS. 439). 

Haeckel hat wiederholt dag^en protestiert, daß man 
ihn zu den Materialisten rechne. Als Monismus oder Hylo- 
zoismus will er seine Weltanschauung betrachtet wissen und 
erblickt in ihr eine Vereinigung der O^ensätze des Ma- 
terialismus und Spiritualismus (Lebenswunder 97). In einem 
Vortrag des Jahres 1892 beklagt er sich bitter darüber, daß 
g^en seine »monistische Ansicht des Verhältnisses von 
Kraft und Stoff, von Oeist und Materie« so häufig der Vor- 
wurf des Materialismus erhoben werde. »Ich habe schon 
früher wiederholt dargetan, daß mit diesem vieldeutigen 
Schlagworte gar nichts gesagt ist; man könnte an seine 
Stelle ebensogut das scheinbare O^enteil ,Spiritualismus^ 
setzen. Jeder kritische Denker, der die Geschichte der Philo- 
so^ie kennt, weiß, daß solche Schlagworte in den wech- 
selndien Systemen die verschiedenste Bedeutung annehmen. 
. . . Klar und unzweideutig ist dag^en unser Begriff des 
Monismus oder der ,Einheits-Philosophie' ; für ihn ist ein 
,immaterieller lebendiger Oeisf ebenso undenkbar, als eine 
,tote geistlose Materie^; in jedem Atom ist beides untrennbar 
verbunden«.^) 



1) Haeckel: Der Monismus als Band zwischen Religion und 
Wissenschaft .Glaubensbekenntnis eines Naturforschers, vorgetragen am 



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13 

Ich meine doch, die Geschichte der Philosophie lehrt 
etwas anderes. Sie zeigt zwar klar, daß mit den kurzen re- 
sümierenden Bezeichnungen auf »— ismus, —ist, — ianer« 
oftmals großer Mißbrauch getrieben ist, aber anderseits auch 
nicht weniger klar, daß »Monismus« gerade eines der viel- 
deutigsten Schlagworte, ^) »theoretischer Materialismus« da- 
g^en ein relativ bestimmter, fest b^;renzter Begriff ist. 
Womit nicht geleugnet werden soll, daß er im Lauf der 
Entwicklung Schwankungen und Fortbildungen unterworfen 
gewesen ist Fr. A. Lange hat uns in vortrefflicher Weise 
ihre Geschichte geschrieben. Aber das Gemeinsame über- 
wi^ doch bei weitem das, was die verschiedenen B^;riffs- 
bedeutungen voneinander trennt. Durch alle Wandlungen 
hindurch hat sich eine gewisse Summe von Merkmalen als 
bleibender Kern erhalten. 



Erster Abschnitt. 
Kennzeichen des Materialismus. 

Ein Zwiefaches kommt vor allem in Betracht 1. Für 
jede Art des Materialismus ist die Welt ohne innere Einheit, 
ohne Sinn, ohne Zweck, ohne Plan; das Ganze wie das 
Einzelne, Leben und Tod: nichts hat tiefere Bedeutung. Eine 
stetig fortschreitende Entwicklung in aufsteigendem Sinn 
gibt es nicht Wohl fiberlebt das Zweckmäßige. Aber wie 



9. Oktober 1892 in Altenburg beim 75 jährigen Jubiläum der Natur- 
forschenden Gesellschaft des Osterlandes. 8. verb. Aufl. Bonn. 1899. 
S. 26/7. Von mir zitiert als M., die »Welträtsel« als W. (nach dem voll- 
ständigen Text der großen Ausgabe), die »Lebenswunder« als L., die 
Berliner Vorträge (»Der Kampf um den Entwiddungs-Oedanken«) als K. 
1) Als solches erweist er sich auch bei Haedcel, wenn es L 341 
heißt: »Unsere monistische Weltanschauung (— gleichviel ob man sie 
als Energetik oder als Materialismus — richtiger als Hylozoismus auf- 
faßt—)«, und wenn er L. 92,93 sowohl für seinen Monismus-Hylozois- 
mus als ffir den theoretischen Materialismus den Terminus Hylonismus 
einsetzt 



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14 

lange? Das ganze organische Leben ist ja nur eine Episode; 
ist sie beendet, dann gibt es wieder nur Unbeld)tes, wie 
es in der Unendlichkeit der Vergangenheit vor Entstehung 
des ersten Organismus nur Unbelebtes gab. Und das geistige 
Leben? Es ist noch viel, viel nichtiger und flüchtiger. Nicht 
das eigentliche Wesen der Welt haben wir in ihm zu er- 
blicken, sondern einen Ausnahmefall, eine Abnormität, zwar 
durchaus gesetzmäßig entstanden, aber doch eine Seltsam- 
keit, die zum andern nicht so recht passen will Dem 
kurzen Spiel einer Eintagsfli^e ist es vergleichbar, schwe- 
bend über dem Meer der Ewigkeit und Unendlichkeit 
(Büchner). Daher ist es ohne dauernde Früchte. Ja, die 
geistigen Schöpfungen sind noch vergänglicher als die ma- 
teriellen Dinge, denn von diesen bleibt doch wenigstens die 
Materie, mögen die Formen, welche sie annimmt, noch so 
sehr wechseln. Aber Gedanken, Ideen — was bleibt von 
ihnen? Sie werden verweht, als wären sie nimmer dagewesen. 
Nur soweit sie sich materiell darstellten und verkörperten, 
auf Papier durch Tinte und Druckerschwärze, oder in Stein 
und Eisen, Farbe und Ton: soweit bleibt wenigstens die 
Materie ihrer Verkörperung. Und indem sie allein bleibt 
und beharrt durch tausend und aber tausend neue Gestal- 
tungen und Zusammensetzungen hindurch, legt sie ein be- 
redtes Zeugnis ab für ihre Suprematie über jene Welt des 
Geistes, auf die der Mensch so stolz ist Den letzten Grund 
hat die Suprematie darin, daß 2. alles Geistige durch Materie 
verursacht ist. Es ist eine Wirkung, die hier und dort bei 
besonderen Konstellationen der Materie eintritt Nicht nur, 
daß es Geistesleben da allein gibt, wo Materie ist — 
dann wäre ein Parallelismus zwischen beiden denkbar. Der 
Materialismus behauptet mehr: das Psychische soll in 
direkter Abhängigkeit von der Materie stehen. 

Wird die materialistische Weltanschauung ganz streng 
durchgeführt, so darf als wirklich nichts angenommen werden 
außer bewegter Materie und leerem Raum. Und das Nächst- 
li^ende ist, die Materie atomistisch zu denken: ihre letzten 



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15 

Teile also nur durch Größe und Form verschieden, ohne 
irgend welche innem Qualitätsunterschiede. Aus der mannig- 
faltig verschiedenen Lage, Anordnung und Bewegung der 
einzelnen Atome müßte dann die ganze vielgestaltete, bunte, 
leuchtende, tönende Welt erklärt werden. 

In dieser starren unerbittlichen Konsequenz, bei der 
die Tollheit doch wenigstens noch Methode hätte, ist der 
Materialismus nie aufgetreten, selbst im Altertum nicht. Da- 
mals kam er ihr am nächsten. Aber den Atomen wurde 
auch verschiedene Schwere angedichtet : angeblich ein bloßer 
Quanti tat s unterschied wie Größe und Form, in Wirklich- 
keit aber ein innerer Qualitätsunterschied oder, wie wir 
heute uns auszudrücken pflegen, die Wirkung einer Kraft: 
der Anziehungskraft. 

Was im Altertum sich nur heimlich einschlich, wird 
heutzutage mit Pomp empfangen : neben der Materie ist jetzt 
die Kraft ein Grundpfeiler des Materialismus. Und die 
Materialisten ahnen nicht einmal, daß sie damit im Grunde 
schon ihr ganzes System prinzipiell aufgeben. Kraft wirkt 
in die Feme, wirkt also auch da, wo die Materie selbst nicht 
ist, wenn sie auch nur von irgend welcher Materie auszu- 
gehn vermag. Streng mechanistisch wäre der Materialismus 
dann, wenn allein Druck und Stoß (nicht das Unbekannte, 
was wir mit dem Ausdruck »Kraft« bezeichnen, ohne 
es zu erklären) bewegungserteilend wirkten. Aber seit 
Newton hatte sich (trotz Newton !) unsere Naturwissenschaft 
an Kräfte so gewöhnt, daß man den Gegensatz zwischen 
Mechanismus und Kraftwirkung nicht mehr empfand. Erst 
neuerdings versuchen manche (Faraday, Maxwell, H. Hertz) 
die streng mechanistische Denkungsweise wenigstens für 
die anorganische Welt wieder aufzunehmen und damit zu 
der alten Parole der Anschaulichkeit bis ins kleinste hinein 
zurückzukehren, während sich freilich zu gleicher Zeit die 
energetische Schule in gerade entg^engesetzter Richtung 
bew^ 

Echte Materialisten aber sind die modernen Kraft- und 



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16 

Stoff-Männer zweifelsohne, wenn auch einige von ihnen, 
darunter sogar Büchner, eine andere Bezeichnung vorzögen. 
Die Kräfte, zu deren Annahme sie sich gezwungen sehen, 
sind die allgemeinen chemisch -physikalischen der ganzen 
Natur. Und dieselben sollen nicht etwa innere Qualitäts- 
unterschiede in den Atomen b^[rfinden: sie wirken nur be- 
w^[ungserteilend und sind notwendig, nur um die Bewe- 
gungserscheinungen zu erklären. Bew^e Materie und leerer 
Raum: das ist also auch heute noch für den Materialisten 
das einzige, was wirklich existiert Nur daß die Materie 
mit Kräften als mit Bewegungsprinzipien ausgestattet gedacht 
wird. Aber nicht aus diesen Kräften als aus etwaigen Innen- 
zuständen der Materie entwickelt sich Empfinden, Denken 
und Selbstbewußtsein, sondern allein gewisse, seltene Ver- 
hältnisse der Lagerung und Zusammensetzung der kleinsten 
Teilchen erzeugen das gesamte geistige Leben. Der materia- 
listische Standpunkt wird erst da verlassen (dann aber auch 
sofort und grundsätzlich), wo die Materie als denkend oder 
empfindend gedacht wird oder wenigstens als mit Innen- 
zuständen versehen, die sich in allmählicher gesetzmäßiger 
Entwicklung zum Empfinden und Denken erheben. Wo das 
nicht zutrifft, wo die Materie empfindungslos ist und bar 
an qualitativ verschiedenen Innenzuständen, wo also aus der 
äußeren Konstellation der Atome alle Mannigfaltigkeit und 
Vielgestaltigkeit der Welt, das ganze geistige Oeschehn ein- 
gerechnet, hervorgehn soll : da ist echter Materialismus, auch 
wenn seine strenge Konsequenz durch Zulassung des Kraft- 
begriffs aufg^eben wird. 

Das ist eine Erkenntnis von fundamentaler Wichtigkeit : 
in ihr besitzt man ein Schibboleth, die Geister zu scheiden. 
An diesem Maßstab gemessen, gibt sich Haeckels Monis- 
mus als Materialismus zu erkennen, wenn auch — der Un- 
klarheit seines ganzen Denkens entsprechend — als ein 
Materialismus, der jeden Augenblick in andere Anschauungs- 
weisen übergeht. 

Den Kern aller Probleme bildet für den Materialisten 



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17 

dasVerhältnis des Psychischen zum Physischen. 
Da ist sein »hie Rhodus, hie salta!« Andere Standpunkte 
könnten ihr Ignoramus eingestehn: der Materialismus ist 
verbunden zu erklären, zu beweisen, anschaulich darzustellen. 
Denn er will ja nicht nur eine mögliche Hjrpothese sein, er 
behauptet vielmehr mit völliger Gewißheit, daß nichts existiert 
als die Materie und ihre Kräfte, daß aus ihr und ihren Kon- 
stellationen alles abzuleiten ist. 

Freilich, gerade so gut könnte er erklären wollen, wie 
aus Brot Körner werden, statt aus Körnern Brot, oder wie 
Lettern Gedanken hervorbringen, wo doch Gedanken in 
Lettern nur ihre Verkörperung finden. Erklären, wo in Wirk- 
lichkeit das Gegenteil von dem stattfindet, was man erklären 
will, ist eben ein unmöglich Ding. Da wird man sich denn 
nicht wundern, wenn der Materialismus, statt die Entstehung 
des Psychischen aus dem Physischen anschaulich und be- 
greiflich zu machen, es bei allgemeinen Redensarten bewenden 
läßt, und wenn noch dazu diese Redensarten unklar und 
verschwommen sind und teilweise stark voneinander ab- 
weichen. Wo das Problem auf den Kopf gestellt wird und 
in der Sache selbst deshalb Unklarheit herrschen muß, da 
kann man nichts anderes erwarten als schwankende und 
schillernde Ausdrücke. 

Auf drei Typen lassen sich die verschiedenen Äuße- 
rungen der Materialisten über die Abhängigkeit des Psychi- 
schen vom Physischen zurückführen, und alle drei Typen 
Irifft man sehr oft in einem und demselben Werk friedlich 
nebeneinander in lieblichster Verwirrung. 

Es wird behauptet: 1. Empfindung- Gedanke sind Eigen- 
schaften der Materie, welche dieser aber nur unter ge- 
wissen besondern Umständen zukommen ; 2. sie sind in Wirk- 
lichkeit Bewegungen und erscheinen uns nur als etwas 
anderes. Geistiges; 3. Bewegung bringt Empfindungen und 
Gedanken als ihre Wirkungen hervor. 

Alle drei Behauptungen finden sich auch bei Haeckel. 
Selbst in diesem Durcheinander bewährt er sich als getreuen 

A dickes, Kant contra Haeckel. 2. Aufl. 2 



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18 

Vasallen des Materialismus. Bevor ich hierfür Bd^[steUen 
anführe, bedarf das Aushängeschild der Welträtsel, der Mo- 
nismus, dieser »klare und unzweideutige Begriff«, noch der 
Erörterung. 



Zweiter Abschnitt. 
Haeckels Scheinmonismus. 

Was sagt das Wort? Doch nur, daß die betreffende 
Weltanschauung auf irgend welche Einheit Wert legt und 
sich damit in Gegensatz zu irgend welchem Dualismus oder 
Pluralismus stellt. Aber welcher Art diese Einheit ist? auf 
welche Gebiete sie sich bezieht? ob sie Materialismus oder 
Spiritualismus ein- oder ausschließt? darüber ist aus dem 
B^;riff »Monismus« nichts zu entnehmen. 

Faktisch, in der näheren Ausführung, handelt es sich 
bei Haeckel um eine dreifache Art von Einheit: 1. um 
die Einheit von Gott und Natur: sie wird von 
Haeckel behauptet, ist aber, wie sich gleich zeigen wird, 
in seinem System in Wirklichkeit nicht vorhanden, da das- 
selbe nur die Natur, aber nichts Göttliches kennt; 2. um 
die Einheitlichkeit in der Weltentwicklung: hier 
liegt seine Force, aber der Preis, den er zahlt, ist ein un- 
nötig hoher; das dritte Kapitel wird nachweisen, daß man 
alles Wertvolle an seinen Behauptungen aufrecht erhalten 
kann, ohne die Voraussetzungen, Folgerungen und — Un- 
klarheiten zu teilen; 3. um die einheitliche Konsti- 
tution des Weltalls: hier kann überhaupt nicht von 
Monismus, sondern nur von Dualismus die Rede sein. 

a) Einheit von Gott und Natur. 
Zwar, offiziell führen die »Welträtsel« sich ein als Er- 
neuerung des Spinozistischen Systems. Sie »halten fest an 
dem reinen und unzweideutigen Monismus von Spinoza: 
Die Materie, als die unendlich ausgedehnte Substanz, und 



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19 

der Oeist (oder die Energie), als die empfindende oder 
denkende Substanz, sind die beiden fundamentalen Attribute 
oder Grundeigenschaften des allumfassenden göttlichen Welt- 
wesens, der universalen Substanz« (W. 23). Also die Materie 
eine Substanz und zugleich die Eigenschaft einer Substanz ! 
Ein künftiger Philosoph würde schon durch diesen einen 
Ausdruck völlig gerichtet sein! Bei Haeckel muß man, was 
Bestimmtheit, Klarheit, Adäquatheit der Begriffe betrifft, von 
vornherein Ernst machen mit dem Wort: Lasciate ogni spe- 
ranza voi ch' entrate. 

Das tritt womöglich noch stärker in den »Lebenswundem« 
hervor. Nach L. 92, 519/20 sind Haeckels und Spinozas Mo- 
nismus ein und dasselbe, L. 521 spricht dagegen von den 
»Schwierigkeiten, welche die Verbindung unseres Monismus 
mit der Substanz-Lehre von Spinoza darbietet«. Nach L. 92 
versteht Spinoza unter seinem Attribut des Denkens (cogitatio) 
die unbewußte Empfindung, nach L. 520 »in allgemeinstem 
Sinne die Energie«, dicht daneben werden die spinozistischen 
Attribute ganz materialistisch als Stoff und Kraft gedeutet, 
L. 522 aber erfahren wir auf einmal, daß »tatsächlich ja die 
Energie, auf welche die moderne Energetik alle Erscheinungen 
zurückführen will, in der Substanzlehre von Spinoza keinen 
selbständigen Platz neben der Empfindung« findet, und 
Haeckel fühlt jetzt das dringende Bedürfnis, den Begriff der 
Energie von der Empfindung abzulösen und auf die Me- 
chanik zu beschränken, so daß die Bewegung als eine dritte 
Orundeigenschaft der Substanz neben die Materie und die 
Empfindung tritt. Gegen Ende des Werkes erscheint daher 
plötzlich eine »Dreieinigkeit der Substanz« auf der Bühne, 
und in nicht minder überraschender Weise wird ihr die 
Eigenschaft zugesprochen, daß sie die sicherste Basis für 
den modernen Monismus bietet. Spinoza ist entthront, weil 
seine Identitätslehre (»die ältere«, im Gegensatz zur Haeckel- 
schen) in Schwierigkeiten verwickelt; darum wird sein »Attribut 
des ,Denkens' (oder der Energie) in zwei koordinierte Attri- 
bute zeriegt, in Empfindung (Psychoma) und Bewegung 

2* 



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20 

(Mechanik)«. Nach dieser Orgie der B^ffsverwirrung (man 
denke: Bewegung bei Spinoza auf Seiten des Attributs co- 
gitatioü) wird sodann in einer Tabelle (L 527) die »moni- 
stische Trinität der Substanz« mit ihren drei Attributen der 
»dualistischen Trinität der Gottheit« mit ihren drei Personen 
gegenübergestellt und so die neue Religionsgrfindung vollendet 

Doch genug von diesem terminologischen Tohuwabohu! 
Es braucht kaum darauf hingewiesen zu werden, daß die 
Gleichsetzung von Geist und Energie (W. 249: Geist = die 
allumfassende denkende Substanz-Energie) oder gar von Co- 
gitatio und Energie im Sinne von bewegender Kraft (cf. 
W. 250) ganz und gar nicht spinozistisch ist Und einer 
der wichtigsten Glaubensartikel Spinozas: seine einheitliche 
unendliche Substanz (ens absolute infinitum) wird von Haeckel 
völlig aufgegeben. Was dieser Substanz nennt, entpuppt 
sich bei näherer Betrachtung als eine bloße Summe des 
Existierenden: die Gesamtheit des vorhandenen Stoffes und 
der vorhandenen Kraft. Gott kann bezeichnet werden »als 
die unendliche Summe aller Naturkräfte, als die Summe aller 
Atomkräfte und aller Ätherschwingungen«. Wie wohl müssen 
sich die Anhänger der monistischen Religion unter ihrem 
Papst und Propheten Haeckel fühlen, der ihnen mit so 
liebenswürdigem Entgegenkommen freie Auswahl unter all 
diesen schönen Dingen gestattet Denn »auf den Namen 
kommt es nicht an«, nur »auf die Einheit der Grundvor- 
stellung, auf die Einheit von Gott und Welt, von Geist und 
Natur« (M. 33). 

Aber wo ist hier denn eine Einheit? Ich sehe nichts 
als eine Summe. Wenn ich mir ein Dutzend Hyazinthen- 
zwiebeln kaufe, sie vor mir fein säuberlich auf dem Tisch 
ausbreite und mit den Ziffern 1—12 etikettiere: werden sie 
dadurch zu einer Einheit? Bei einer wahren Einheit müßte 
das Ganze doch wenigstens ideell den Teilen vorangehn. 
Soll die eine Substanz (Gott oder die »Natur«) Materie 
und Energie als zwei untrennbare Attribute an sich auf- 
weisen, so muß sie doch entweder auch unabhängig von 



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21 

diesen beiden Attributen, für sich, existieren oder wenigstens 
ihnen realiter zu Gründe liegen und ideell vorhergehn: sie 
darf nicht vollständig in ihnen aufgehn, kann nicht ganz 
und gar identisch mit ihnen sein. Bei Haeckel ist weder 
das erste noch das zweite, ja nicht einmal das dritte der 
Fall. Für ihn ist Gott überhaupt nichts realiter Existie- 
rendes, er ist nur eine Idee, nur eine Benennung, er existiert 
nur in unserem Gehirn, wenn wir alles Vorhandene (Stoff 
und Materie) in Gedanken zusammenfassen und mit einem 
einheitlichen Namen belegen. Seine B^ffe von Gott, Natur, 
einheitlicher Substanz haben also keine andere Funktion und 
keine andere Bedeutung als unsere Zahlen und Maßbegriffe, 
wie z. B. Dutzend oder Schock, Liter oder Ar. Eben darum 
hat aber Haeckels Anschauungsweise mit der Spinozas auch 
nicht die entfernteste Ähnlichkeit. Spinoza betont die Ein- 
heit und Einheitlichkeit seiner Substanz so sehr, daß die 
Einzeldinge darüber ihre Selbständigkeit vertieren. Bei Haeckel 
ist der letzteren Selbständigkeit so groß, daß von Einheit 
überhaupt nicht mehr die Rede sein kann. 

Nicht Monismus und Pantheismus müßte er seine Welt- 
anschauung also nennen, sondern Pluralismus und Ato- 
mismus. Für etwas Göttliches bleibt kein Platz, und die 
Welt ist keine Einheit, sondern eine Vielheit von innerlich 
zusammenhangslosen Stoffen und Kräften. Verbunden sind 
sie allein durch die Einheit der Entwicklung, durch die Ein- 
heit des allumfassenden Kausalzusammenhanges: aber diese 
Verbindung ist nur eine äußere, sie bewirkt nur eine Einheit 
des Werdens, nicht des Seins. Die Gesamtsumme an Stoff 
und Kraft bleibt zwar stets dieselbe, aber sie bleibt auch 
stets eine bloße Summe, also ein Vielfaches: nie wird sie 
allein durch Beharren zu einer wirklichen Einheit. Einheit 
haben nur die Begriffe »Stoff« und »Kraft«, aber eine 
Einheit, die in der Natur nirgends vorkommt, die nur im 
Geist des Menschen ihren Sitz hat. Denn »Stoff« und 
»Kraft« (im Singular) sind bloße Abstraktionen, keine phy- 



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22 ' 

sischen Einheiten; in der realen Wirklichkeit gibt es nur 
einzelne Stoffe und einzelne Kräfte. 

b) Einheitliche Konstitution des Weltalls. 

Und weiter: auch hinsichtlich der Konstitution des 
Weltalls bringt Haeckel es zu keinem wirklichen Monismus. 
Mit großem Nachdruck betont er stets, daß nirgends im All 
Stoff ohne Kraft oder Kraft ohne Stoff vorkommt Es sd 
der Fall: dann stünden Kraft und Stoff zwar stets mit ein- 
ander in engstem Zusammenhang, aber auch stets nur als 
eine Zweiheit, die nie zur Einheit wird. Bei Spinoza ist 
eine solche Einheit vorhanden, weil Denken und Ausdeh- 
nung nur zwei Attribute einer und derselben Substanz sind. 
Aber Haeckel kennt, wie wir sahen, diese Substanz nicht; 
er kann darum auch nicht die Einheit von Stoff und Kraft 
behaupten, sowenig wie eine menschliche Hand, die sich 
ein ganzes Jahrzehnt von ihrem Handschuh nicht trennte, 
dadurch mit ihm zu einer Einheit verwachsen würde. 

Der Zusammenhang zwischen Stoff und Kraft macht 
Haeckel im allgemeinen keine Schmerzen. Er ist eben da, 
als etwas Gegebenes, Unbestreitbares, und braucht nicht 
weiter erklärt zu werden. Und bei fast allen Einzelfragen 
tritt auf das Klarste hervor, daß Haeckel die Materie als die 
Substanz, den Träger betrachtet, die Kraft als ihre Eigen- 
schaft, als ihr Attribut, oft auch, so unausdenkbar der Ge- 
danke ist: als ihre Wirkung. Da ist also auch das letzte 
geschwunden, was noch an Spinoza erinnern könnte. Wir 
befinden uns ganz und gar auf dem Boden des theoretischen 
Materialismus. Dafür spricht auch die Tatsache, daß Haeckel 
seine Anschauungsweise in Gegensatz stellt zu der » pa- 
rallel! stischen Psychologie«, zu der Spinoza sich heutzutage 
gerade bekennen würde (W. 248. L 520). Ganz materia- 
listisch gedacht ist es femer, wenn Haeckel die drei trans- 
szendenten Welträtsel du Bois-Reymonds (Wesen von Ma- 
terie und Kraft, Ursprung der Bewegung, Entstehen der ein- 
fachen Sinnesempfindung und des Bewußtseins) durch seine 



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23 

»monistische« Auffassung der Substanz für »erledigt« hält 
(W. 18). 

Das Gewissen scheint freilich unserm Philosophen doch 
etwas zu schlagen, wenn er der Welt diese frohe Botschaft 
verkündet. Denn auf derselben Seite 18 hören wir: »die 
monistische Philosophie wird schließlich nur ein einziges, 
allumfassendes Welträtsel anerkennen, das Substanz-Problem«. 
Und damit sind wir zu einer kleinen Gruppe von Stellen 
gekommen, in denen sich zu Spinozismus und Materialismus 
noch ein dritter Standpunkt gesellt: Kantischer Kritizismus. 
Wahriich, eine reichbesetzte Tafel! Schade nur, daß Ge- 
richte zusammengestellt sind, die in einem philosophischen 
Magen nicht zusammenpassen wollen. Kantischer Kritizismus 
(oder allgemeiner: erkenntnistheoretische Betrachtung) hätte 
die Grundlage des ganzen Werkes bilden müssen. Aber 
freilich ! Dann wäre es ungeschrieben geblieben. Darum 
bringt Haeckel die meisten derartigen Stellen vorsichtiger- 
weise nur in Anmerkungen oder Schlußbetrachtungen. Da 
hören wir denn auf einmal, daß er in der »Grundfrage von 
dem Zusammenhang von Materie und Kraft« eine »noch! 
wirklich vorhandene Grenze des Naturerkennens bereitwillig 
anerkennt«, daß uns das »eigentliche Wesen der Substanz 
immer wunderbarer und rätselhafter wird, je tiefer wir in 
die Erkenntnis ihrer Attribute, der Materie und Energie, ein- 
dringen, je gründlicher wir ihre unzähligen Erscheinungs- 
formen und deren Entwicklung kennen lernen«. »Was als 
,Ding an sich' hinter den erkennbaren Erscheinungen steckt, 
das wissen wir auch heute noch nicht. Aber was geht uns 
dieses mystische ,Ding an sich* überhaupt an, wenn wir 
keine Mittel zu seiner Erforschung besitzen, wenn wir 
nicht einmal klar wissen, ob es existiert oder nicht? Über- 
lassen wir daher das unfruchtbare Grübeln über dieses ideale 
Gespenst den reinen Metaphysikern« (M. 40. W. 437/8). 

Fürwahr, Haeckel hat seinen wahrsten Beruf verfehlt: 
er hätte Verwandlungskünstler werden sollen, und die »phä- 
nomenalsten« Erfolge wären ihm sicher gewesen. Welch' 



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24 

unübertreffliche Kunst in dieser kleinen Stelle! Wirklichkdts- 
froh beginnt sie mit dem »eigentlichen Wesen der Sub- 
stanz«, das ja immerhin etwas Rätselhaftes sein mag, aber 
doch zweifelsohne wirklich existiert Dann wird es zum 
Ding an sich, ohne zunächst auch nur einen Schatten von 
Realität einzubüßen. Aber plötzlich erhebt sich ein leichter 
Nebel auf der Bühne, das Ding an sich wird mystisch, schon 
weiß man nicht mehr recht, ob es überhaupt existiert, und 
— hocus pocus abracadabra — entschwunden ist es als 
»ideales Gespenst«. 

Aber nur auf kurze Zeit ! Denn bald taucht es an anderm 
Ort wieder auf, und zwar diesmal in der Gestalt des Sen- 
senmannes. »Drohend schwingt er seine Hippe«, um dem 
ganzen Haeckelschen Monismus den Garaus zu machen. 
»Von fundamentaler Bedeutung«, hören wir, »werden stets 
Kants kritische Prinzipien der Erkenntnistheorie bleiben, der 
Nachweis, daß wir das eigentliche tiefste Wesen der Sub- 
stanz, das ,Ding an sich* (— oder den ,Zusammenhang von 
Materie und Kraft* — ) nicht zu erkennen vermögen ; unsere 
Erkenntnis bleibt subjektiver Natur; sie ist bedingt durch 
die Organisation unseres Gehirns und unserer Sinneswerk- 
zeuge und vermag daher bloß die Erscheinungen zu be- 
greifen, welche uns die Erfahrung von der Außenwelt über- 
mittelt« (M. 40). 

Eine sehr interessante Stelle, die uns in einen boden- 
losen Abgrund von Unklarheit schauen läßt! Daß der »Zu- 
sammenhang von Materie und Kraft«, also eine bloße Re- 
lation, identisch ist mit dem so vielumstrittenen und in so 
heißer Sehnsucht gesuchten Ding an sich : das ist eine Ent- 
deckung, ebenbürtig der früher (S. 19) mitgeteilten, durch 
welche die Materie aus einer Substanz zur Eigenschaft einer 
Substanz gemacht wurde. — Mit dem Monismus ist es jetzt 
endgültig vorbei. Denn vermögen wir den Zusammenhangs 
von Stoff und Kraft nicht zu erkennen, so ist er eben für 
uns nicht vorhanden. Hinter den Erscheinungen, im Ding 
an sich, mag verborgene Einheit sich finden. Die Er- 



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25 

scheinungswelt, In deren Grenzen wir ja gebannt sind, zeigt 
auf jeden Fall nur Zwei h ei t: Stoff und Kraft, zwar stets 
verbunden, aber ohne daß wir die Art ihres Verbundenseins 
erkennen oder begreifen könnten. 

Was aber die Hauptsache ist: haben wir es überall nur 
mit subjektiv bedingter Erkenntnis, nur mit Erscheinungen 
zu tun, dann wird dem Materialismus der Boden völlig 
entzogen. Haeckel sägt mit dem Zugeständnis, das er Kant 
in der zitierten Stelle macht, selbst den Ast ab, auf dem er 
sitzt. Lieber hätte er Kant ganz ignorieren sollen, als an 
einem so prinzipiellen Punkt eine Nachgiebigkeit zeigen, 
deren Tragweite er nicht einmal ahnt. Er gliche dann dem 
Berauschten, der allein nüchtern zu sein glaubt unter lauter 
Trunknen: »rechter Hand, linker Hand, beides vertauscht«. 
So aber ist er wie ein Don Quixote, der seine eigne Ge- 
schichte liest und, statt aus seinem Traumleben zu erwachen, 
sie noch weiter kolportiert und aus ihr Begeisterung zu 
neuen Heldentaten schöpft. 

Und lieber Kant gar nicht nennen, als seine Ansicht so 
entstellen! Unsere Erkenntnis ist nach seiner Lehre — be- 
hauptet die obige Stelle — durch die Organisation unseres 
Gehirns bedingt und kann »daher« bloß Erscheinungen 
begreifen. Möchte Haeckel doch bei seinem Kollegen Lieb- 
mann In die Schule gehen und dort lernen, was »Erschei- 
nungen« sind! Ist etwa das Gehirn keine Erscheinung? ist 
es etwa das Ding an sich ? oder, was ja nach Haeckel das- 
selbe sein müßte : finden wir im Gehirn den gesuchten Zu- 
sammenhang von Materie und Kraft? Ist das aber nicht der 
Fall, ist auch das Gehirn nur eine Erscheinung: wie kann 
dann unsere Erkenntnis bedingt sein durch ein Etwas, das 
In Wirklichkeit von ihr, von unserer Art aufzufassen ab- 
hängig ist? Alles was erscheint, ist erst durch uns, durch 
unsere Erkenntnisfunktionen. Und diese Erkenntnisfunktionen 
sollten wieder in Erscheinungen besteh n? Ja, ja, Haeckel 
hat recht: »konsequentes Denken bleibt eine seltene Natur- 
erscheinung« (W. 439), 



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26 

Doch bevor Ich diese Gedankenreihe weiter verfolge 
und in ihrer ganzen siegreichen Kraft gegen den Materialist 
mus zur Geltung bringe, will ich, um Haeckels Materialis- 
mus, den er selbst ja nicht wahrhaben will, zu erweisen, 
einige seiner Äußerungen Ober die Abhängigkeit des Psy- 
chischen und Physischen anführen: zunächst allgemeinere 
Wendungen, dann bestimmtere Aussprüche nach den drei 
oben (S. 17) aufgestellten Typen geordnet. 



Dritter Abschnitt. 
Haeckels Materialismus. 

a) Allgemeinere Wendungen. — Gehirn- 
physiologie und Psychologie. 

Schon in den allgemeineren Wendungen, die keine 
eigentliche Theorie enthalten, tritt Haeckels materialistische 
Auffassung der geistigen Vorgänge auf das Klarste hervor. 

Das Seelenleben ist nach ihm eine Summe von Lebens- 
erscheinungen, die gleich allen anderen an ein bestimmtes 
materielles Substrat gebunden sind (W. 105). Denken und 
Vernunft beruhen auf materiellen Vorgängen (W. 256). Die 
Erkenntnis der Wahrheit ist ein physiologischer NaturprozeB 
(L. 26). 

Ein Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissen- 
schaften kann demgemäß für Haeckel nicht vorhanden sein. 
Die Psychologie gehört zu den Naturwissenschaften, sie ist 
ein Zweig der Physiologie, und diese wieder ein Teil der 
Biologie. Die Seelenlehre steht als nächstverwandte Wissen- 
schaft neben Sinneslehre, Bewegungslehre, den Lehren vom 
Stoffwechsel und von der Zeugung als den vier übrigen 
Teilen der Physiologie (W. 124). Am wichtigsten und un- 
entbehriichsten ist demgemäß für den Psychologen die ge- 
naue Kenntnis des Gehirns als des wichtigsten Organs des 
Seelenlebens. Weil es daran so oft fehlt, ist »der größte Teil 



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27 

der gewaltigen psychologischen Literatur heute wertlose Ma- 
kulatur« (W. 111). »Oleich der neueren Physiologie und Pa- 
thologie muß auch die Psychologie und Psychiatrie der Zu- 
kunft sich zellular gestalten, und in erster Linie die 
seelischen Funktionen der Zellen untersuchen« (M. 22). 

Also fort mit psychologischer Analyse! Weg mit dem 
Streben, das psychische Geschehen in uns präzis zu er- 
fassen und klar zu beschreiben! Nicht Menschenseele! Zell- 
seele — das ist das Wahre. Haeckel sagt es, und Haeckel 
muß es wissen, denn er hat ja die »Zellseelen« entdeckt 

Die Herren Oehimforscher sind heutzutage manchmal 
sehr geneigt, die ganze introspektive Psychologie einfach 
zum alten Eisen zu werfen. Auf dem dritten Psychologen- 
kongreß zu München (18Q7) sprach der russische Irrenarzt 
V. Dechterew diese Überzeugung in so krassen Worten aus, 
daß eine gegenseitige Verständigung nicht möglich schien 
und der Vorsitzende empfahl, die Debatte zu schließen. Fast 
könnte einem der verbrecherische Wunsch aufsteigen, es 
möchten noch einige Dutzend Werke in der Art der »Welt- 
rätsel« erscheinen: vielleicht verginge den Herren dann der 
Wunsch, von der Plage der Psychologie befreit zu werden. 

Es ist instruktiv zu sehen, wie Haeckel, vom Rettungs- 
seil der angeblich altersschwachen Psychologie nicht ge- 
halten, auf dem wogenden Meer unklarer Begriffe hoffnungs- 
los untergeht. Da wird das Denken zu einer »subjektiven 
Empfindung« (W. 52). »Bewußte Empfindung« gibt es zwar 
erst beim Menschen und bei den höheren Tieren; aber 
schon das einfachste Psychoplasma als solches ist empfind- 
lich und hat Gedächtnis, auf den höheren Stufen der Or- 
ganisation entwickeln sich spezifische Sinnesorgane, durch 
»Assozion« (ein Wort Haeckelscher Prägung! der gewöhn- 
liche Sterbliche sagt »Assoziation«) der früheren isolierten 
Empfindungen entstehen Vorstellungen — alles aber unbe- 
wußt. Femer gibt es ein unbewußtes zellulares und »Histo- 
nal«-Oedächtnis. In diesem Stil geht es munter fort, seitenlang. 



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28 

Und es sind das nicht etwa Ausdrucke, die man vom 
Standpunkt des psychophysischen Parallelismus aus zu ver- 
stehen hat Dann gäben sie eventuell noch Sinn: Empfin- 
dungen, Vorstellungen etc. wären stets mit parallelen Be- 
w^^ngsvorgängen verbunden; kämen unter gewissen Be- 
dingungen die Empfindungen etc. nicht zum Bewußtsein 
(würden sie nicht apperzipiert), so könnte man die betreffen- 
den Bewegunsvorgänge als unbewußte Empfindungen 
etc. bezeichnen. Aber bei Haeckel sind die betreffenden Aus- 
drücke durchaus materialistisch aufzufassen ! Das Bewußtsein 
ist für ihn ein physiologisches Problem (W. 211), die Seele 
eine Summe von physiologischen Funktionen (M.21), Emp- 
findung, Denken, Urteilen, Schließen sind physiologische 
Vorgänge (W. 234), die Sprachen (wie Deutsch, Französisch, 
nicht etwa das Sprechen!) physiologische Tätigkeiten. 

Die Worte (nicht Begriffe!) »physiologische Tätigkeiten, 
Funktionen« etc. sollen die Brücke bilden, die Haeckel vom 
Physischen zum Psychischen hinüberführt. Unter jenen Worten 
vereinigt er die disparatesten Dinge: psychisches Ge- 
schehen und die wirklichen physiologischen Vorgänge, 
d. i. Bewegungserscheinungen. Jene Worte oder Namen (denn 
mehr sind sie nicht!) erlauben ihm, alles durcheinander zu 
werfen und dieselbe Sache unterschiedslos bald als Seelen- 
tätigkeit, bald als Bewegungsvorgang zu betrachten. Seine 
unbewußten Empfindungen etc. sind eigentlich nur rein 
biologische resp. physiologische Vorgänge (also Bew^fungs- 
erscheinungen). Da aber bei ihm alle Seelentätigkeit auch 
nur Gehimfunktion und alle Gehirnfunktion auch Seelen- 
tätigkeit ist, stellt er wirklich den Begriff von einer Empfin- 
dung auf, die nicht nur zeitweilig unter bestimmten Ver- 
hältnissen unbewußt bleibt, sondern die überhaupt nicht 
empfunden werden kann, von niemand, von keiner Zelle 
und keinem komplizierteren Organismus, und ebenso den 
Begriff von Vorstellungen, die p r i n z i p i e 1 1 nicht, in ke i n em 
Bewußtsein, vorgestellt werden können. 



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29 

Die Folge ist eine Unklarheit und Verschwommenheit 
der ganzen psychologischen Terminologie, die jedem, der 
auch nur etwas an klares Denken und reinliche Scheidung 
der Begriffe gewöhnt ist, nach kurzer Zeit auf die Nerven 
fällt Doch das wäre noch zu ertragen. Schlimmer ist, daß 
Haeckel darüber die wichtigste Eigenschaft des Forschers 
völlig verioren geht: das Gefühl für das Tatsächliche, wirklich 
Gegebene. Er wirft Tatsache und Theorie, das Gegebene 
und die Interpretation dieses Gegebenen in ganz un- 
wissenschaftlicher Weise durcheinander. So will er bei 
Bildung der Keimblase (Blastula) unmittelbar psychologische 
Tatsachen, teils Bewegungen, teils Empfindungen, beobachten 
können (W. 180). Welche Verwirrung der Begriffe! Die Be- 
wegung eine psychologische Tatsache! Und Empfindungen 
beobachtet, unmittelbar beobachtet bei der Zellteilung des 
befruchteten Eis! Als ob man je etwas anderes sähe als 
Bewegungen und als ob Empfindungen (abgesehn von 
den eignen!) je anders als erschlossen werden könnten! 

Dieselbe Gefahr, der Haeckel hier unteriegen ist, droht 
auch den Gehimanatomen und -physiologen, wenn sie mit 
der Psychologie nichts zu schaffen haben wollen. Die Psy- 
chologie läßt sie doch nicht los : fliehen sie die wissenschaft- 
liche, so fallen sie der unwissenschaftlichen, populären an- 
heim oder irgend welchen Gespinsten, die sie im eignen 
Hirn ausgebrütet haben. Galls Beispiel sollte sie warnen; 
hätte er eine bessere, wissenschaftlichere Psychologie gehabt: 
auch seine Theorie wäre besser geworden. Könnte ein 
Mensch im Gehirn herumspazieren wie in einer Fabrik und 
verstünde er jedes Ineinandergreifen der Räder und Schrauben: 
was sähe er? Bewegungen und immer wieder Bewegungen 
und nichts anderes! Und v. Dechterew könnte so alt 
werden wie Methusalem: er würde den eigentlichen Sinn 
dieser Bewegungen nie durchschauen, wenn er nicht in sein 
eignes Innere blickte und von seinen geistigen Er- 
fahrungen sich Rat holte! Die Sprache der Gehimvorgänge 
bedarf der Interpretation eben so sehr wie die Mienen- und 



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^^ 30 

Gebärdensprache. Ein Forscher, der allein aus den Gehirn- 
bewegungen ohne weiteres entnehmen wollte, was sie be- 
deuten, gliche einem Tor, der eine fremde Sprache lernen 
will, ohne auch nur das Alphabet zu kennen, und der nun 
über den stummen Zeichen brütet, um sie zu enträtseln^ 
während doch im Nachbarhaus ein Sprachlehrer wohnt^ 
bereit ihm zu helfen. Wer nicht die Tatsachen seines geistigen 
Lebens, die elementaren wie die komplizierten, kennt: wie 
kann der sie in diesen oder jenen Gehimvorgängen wieder- 
erkennen? Und läge diese Kenntnis auf der Gasse: wie wäre 
es dann erklärlich, daß so viele widersprechende Ansichten 
in der Psychologie einander abgelöst haben? Auch der Ge- 
hirnphysiologe muß deshalb psychologisch geschult sein; 
durch scharfe eindringliche Analyse muß er sich gewöhnt 
haben, Tatsachen und Theorien, Wirklichkeit und Einbildung 
zu scheiden. Er braucht sich keiner psychologischen Schule 
anzuschließen: es wäre sogar schädlich, täte er es. Denn 
jede Schule schwört zu einer Theorie, und nicht um Theorien 
handelt es sich für den Physiologen, sondern allein um das 
im geistigen Leben tatsächlich Gegebene: das hat er klar 
aufzufassen, reinlich zu sondern, und dann mit seinem Ge- 
himbefunde in Verbindung zu bringen. 

Dazu bedarf es aber vor allem auch einer Klärung des 
Wustes überkommener Begriffe: nicht Anschluß an die Un- 
bestimmtheit und Vieldeutigkeit populärer Psychologie muß 
die Losung sein, sondern kritische Prüfung und Reinigung 
derselben. Und auch das ist eine Arbeit, die nicht so neben- 
bei von jedem getan werden kann. Sie setzt vielmehr tüch- 
tige psychologische Durchbildung und historisch-genetische 
Auffassungsweise voraus. Ob, um beides sich anzueignen, 
der Besuch von Zirkus, Hunde- und Affentheatern, den 
Haeckel allen »Psychologen vom Fach« zur Öffnung ihrer 
blöden Augen so ganz besonders warm ans Herz 1^ 
(W. 453), das Richtige und in erster Linie Empfehlens- 
werte ist? 



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31 

Bei Haeckel hat er auf jeden Fall nicht den wünschens- 
werten Erfolg gehabt. Sonst würde ich mich jetzt, wo es 
giW Beispiele anzuführen für den ersten der S. 17 genannten 
drei Typen, nicht in Zweifel darüber befinden, ob gewisse 
oft gebrauchte Ausdrücke dem ersten oder dritten Typus 
zuzurechnen sind. 

b) Bestimmtere Aussprüche über die Abhängig- 
keit des Psychischen vom Physischen. 

Mit Voriiebe bezeichnet Haeckel die Seele als eine 
Funktion des menschlichen Organismus; Vernunft und Ver- 
stand, Denken und Bewußtsein als Gehimoperationen, als 
Funktionen der Ganglienzellen der Großhirnrinde. Das Ge- 
hirn ist demgemäß das Werkzeug des Bewußtseins und 
aller höheren Seelentätigkeiten, das wichtigste Organ des 
Seelenlebens; es heißt auch direkt Seelenorgan und Denk- 
organ. 

Häufig wird man bei diesen Ausdrücken an den dritten 
Typus denken müssen: Funktion ist gleich Leistung oder 
Betätigungsweise, und es wird also behauptet, daß die be- 
treffenden Organe (genauer: die Bewegungsvorgänge in den- 
selben) die einzelnen psychischen Akte hervorbringen. An 
anderen Stellen aber scheinen jene Ausdrücke besagen zu 
wollen, das Psychische stehe zu den materiellen Organen in 
einem Eigenschaftsverhältnis: indem di6 Materie sich zu 
diesen komplizierten Organen verbinde, gewinne sie neue 
Eigenschaften, die geistigen. So wird das unbewußte Ge- 
dächtnis als eine »allgemeine höchst wichtige Funktion aller 
Plastidule« bezeichnet, zugleich heißt es aber auch: die 
Plastidule »besitzen Gedächtnis« (W. 139). Ganz klar liegt 
der erste Typus vor, wenn das Psychoplasma als Träger der 
Seele (W. 128) oder materielle Basis aller psychischen Tätig- 
keit (W. 105) bezeichnet und der Zellkern der materielle 
Träger psychischer Spannkräfte (!) genannt wird. Als Sitze 
der Vorstellungen gelten besondere Seelenzellen (W. 134, 138), 
zugleich sind diese letzteren Elementarorgane des Willens 



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32 

(W. 149). Alles Psychoplasma ist unbewußt-empfindlich 
(W. 129), jede lebendige Zelle besitzt psychische Eigen- 
schaften. Eine solche Eigenschaft, von der unentschieden 
bleibt, wo sie in der aufsteigenden Stufenreihe der Wesen 
beginnt, ist auch das Bewußtsein: »die subjektive Spiegelung 
der objektiven inneren Vorgänge im Neuroplasma der Seelen- 
zellen« (W. 198 f., 149). 

Zu andern Zeiten setzt Haeckel an Stelle des Attributs- 
verhältnisses das der Identität: alles geistige Geschehn 
ist in Wirklichkeit Bewegung und erscheint uns nur als 
etwas anderes. Das ist der zweite der drei oben aufge- 
führten Typen. Da heißt es denn z.B.: »Wie man früher die 
leuchtende Flamme durch einen besonderen Feuerstoff, das 
Phlogiston, erklärte, so die denkende Seele durch eine be- 
sondere gasförmige Seelensubstanz. Jetzt wissen wir, daß 
das Flammenlicht eine Summe von elektrischen Äther- 
Schwingungen ist, und die Seele eine Summe von 
Plasma-Bewegungen in den Ganglienzellen« 
(M. 45). 

Bei unserem Tode gehen »die komplizierten chemischen 
Verbindungen unserer Nervenmasse in andere Verbindungen 
durch Zersetzung über, und die von ihr produzierten leben- 
digen Kräfte [d.i. Empfindungen, Gedanken etc] werden in 
andere Bewegungsformen umgesetzt« (M. 24). Bei den 
Pflanzen kann »die Reizleitung [also ein Bewegungsvorgang!] 
ebenso als ,Seelentätigkeif bezeichnet werden, wie die voll- 
kommenere Form derselben bei Nerventieren« (W. 183). Bei 
den niedersten Organismen (den Chromazeen) beschränkt 
sich »die Seelentätigkeit auf Lichtempfindung und chemische 
Umsetzung, wie bei einer ,empfindlichen* photographischen 
Platte« (W. 446). Bei den Bakterien erscheinen die »diffe- 
renten Funktionen der Empfindung und Bew^^ng in ein- 
fachster Form als chemische und physikalische Prozesse. 
Di6 Plasma-Seele, als mechanischer Naturprozeß, 
offenbart sich hier als ältester Ausgangspunkt des tierischen 
Seelenlebens« (W.447). Die Geistestätigkeit steht als physio- 



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33 

logischer (genauer: physikochemischer) Prozeß auf einer 
Stufe mit den Muskelzuckungen (K. 71, 76/7. Ähnlich L. 
382, 386). 

Daneben findet sich natürlich auch der dritte Typus, 
der relativ klarste Ausdruck der materialistischen Theorie: 
Psychisches ist die Wirkung physischer Vorgänge, Die 
oben besprochenen Wendungen vom Gehirn als dem Seelen- 
organ und der Seelentätigkeit als seiner Funktion gehören 
teilweise hierher, so sicher ein Satz auf L. 17, nach dem die 
Großhirnrinde in demselben Sinn das Organ des Denkens 
ist wie das Herz das zentrale Organ des Blutkreislaufes. 
Andere Beispiele: »Die Arbeit des Psychoplasma, die wir 
,Seele' nennen, ist stets mit Stoffwechsel verknüpft« (W. 128. 
Ähnlich K. 59). Die Nervenzellen »bewirken« Vorstellen und 
Denken (W. 268). »Das Bewußtsein ist in gleicher Weise, 
wie die Empfindung und der Wille der höheren Tiere, eine 
mechanische Arbeit der Ganglienzellen, und als solche auf 
chemische und physikalische Vorgänge im Plasma derselben 
zurückzuführen« (M. 23. Ähnlich L. 13, 15, 25). Als »eigent- 
liche Faktoren der Erkenntnis« müssen die chemischen Vor- 
gänge in den Ganglienzellen der Großhirnrinde betrachtet 
werden (L. 20). 

Nach Ausweis dieser Stellen, die sich leicht um ein Be- 
deutendes vermehren ließen, ist also Haeckels Theorie des 
Geistigen eine rein materialistische*). Und ebenso wie 
Büchner und verwandte Geister, die auf Kosten der Klarheit 
und Bestimmtheit Popularität erkaufen, zeigt auch Haeckel 
schon durch den Gebrauch so verschiedener, einander teil- 
weise widersprechender Ausdrücke seine Verlegenheit, sobald 
es gilt die Theorie im einzelnen durchzuführen und die Ab- 
hängigkeit des Psychischen vom Physischen anschaulich 
darzustellen. 

Was diese Herren behaupten, ist an sich unbegreiflich. 



1) Andere Äußerungen klingen freilich parallelistisch. Davon in 
Kap. III, Abschn. 1. 
Adickes, Kimt contra HaeckeL 2. Aufl. 3 



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34 

Fruchtlos bleibt darum natflrlich auch ihr Bemühen, es be- 
greiflich zu machen. Es ist, wie wenn jemand ein Bade- 
bassin auspumpen und mit Heu fallen ließe, sich dann auf 
das Heu l^e, mit Beinen und Armen um sich stieße und 
meinte, — er schvdmme. Die Materialisten stellen die Sache 
direkt auf den Kopf, schneiden sich jede Möglichkeit einer 
Erklärung ab und verlangen dann, man solle bloße Be- 
hauptungen und Postulate als Erklärungen und Bewdse 
hinnehmen. 



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Zweites Kapitel. 
Widerlegung des Materialismus. 

Motto: «Kant hat die uralte Naivität des Sinnenslaiibens, 
die dem Materialismus zugrunde Uefft, snrker er- 
schfittert, als es je ein System des materiakn 
Idealismus vermochte.» 

Fr. A. Lange. 

Erster Abschnitt 

Unfähigkeit des Materialismus, die Existenz des 
Psychischen zu erklären. 

a) Psychische Vorgänge nicht Eigenschaften 
der Materie. 

Man hat versucht, die Unbestimmtheit in den Wendungen 
des ersten Typus durch Bilder zu verschleiern: Bewußtsein, 
Gedanken seien mit dem Leuchten des Phosphors oder 
faulen Holzes zu vergleichen. Nur unter besonderen Um- 
ständen komme der Materie die Eigenschaft des Leuchtens 
zu: so tauche auch nur hier und da, unter günstigen Vor- 
bedingungen, Bewußtsein auf. 

»Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen.« Aber 
sieht man sich die Sache genauer an, so verliert das Gleichnis 
allen Wert. Was heißt Ding? was heißt Eigenschaft? 

Ich reibe zwei Stücke Holz: sie werden heiß. Da haben 
zwei Dinge eine neue Eigenschaft bekommen. Aber was 
ist denn dies Ding, Holz genannt, nach naturwissenschaft- 
licher Ansicht? Eine Masse von »Dingen«, ein Konglo- 
merat von Atomen, *) die in bestimmter Weise zu Molekülen 



1) resp. von Energie- oder Kraftzentren. Aber dieser Unterschied 
zwischen atomistischer und dynamischer Naturauffassung spielt hier, wo 
es sich nur um ein Verständnis der Begriffe »Ding, Eigenschaft« handelt, 
keine Rolle. 

3* 



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36 

verbunden sind; und diese Moleküle sind in fortwährender 
Schwingung begriffen. Infolge des Reibens ändert sich die 
Intensität der Schwingungen. Ihre Gesamtheit verursachte 
zuerst gewisse Ätherbewegungen, die in mir eine schwache 
Temperaturempfindung erregten. Durch das Reiben wird 
die auf mich ausgestrahlte Bewegung intensiver; die un- 
mittelbare Folge ist eine veränderte Temperaturempfindung: 
ich nenne das Holz jetzt heiß. 

Das ist der »eigentliche« Vorgang nach naturwissen- 
schaftlicher Auffassung. In Wirklichkeit ist also nicht ein 
einheitliches Ding da, an dem verschiedene Eigenschaften 
wechseln. Sondern es gibt nur Bewegungen kleinster, mit- 
einander in bestimmtem Zusammenhang stehender Teilchen. 
Die Form und Art dieser Bewegungen ändert sich; damit 
ist auch die Einwirkung der ausgestrahlten Bewegungen auf 
uns eine andere: wir sagen, das betreffende Ding hat sich 
verändert, es hat eine neue Eigenschaft bekommen. 

Ähnlich ist es mit dem Leuchten des Phosphors. Für 
sich allein leuchtet Phosphor nicht, sondern nur in Ver- 
bindung mit Sauerstoff. Und was ist das Neue, das dieser 
Verbindung entspringt? Ein langsamer Oxydationsprozeß 
wird eingeleitet, d. h. es finden molekulare Umlagerungen 
statt, durch welche der Äther in schnelle Schwingungen 
versetzt wird. Und diese erscheinen in unserm Bewußtsein 
als Leuchten. Was also in der Natur vorgeht, sind wieder 
nur Bewegungsänderungen. Auf sie läßt sich überall das 
Auftauchen »neuer Eigenschaften« zurückführen. 

In Wirklichkeit sagt also die Wendung des ersten Typus 
nichts, als daß bewegte Materie, die zwar im allgemeinen 
nicht psychisch tätig ist, es unter besonderen Umständen 
(bei gewissen sehr komplizierten, äußerst wandelbaren La- 
gerungsverhältnissen) werden kann. 

Wie aber eine solche Wandlung vor sich gehen könne, 
bleibt völlig unbegreiflich. Jedes einzelne Atom ist emp- 
findungslos, es ist nur Träger chemisch - physikalischer 
Kräfte, die für den Materialisten nicht Innenzustände un- 



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37 

bestimmter Art sind, sondern nur die eine Bedeutung und 
Aufgabe haben, Bewegungen hervorzubringen. Und bei 
einer gewissen Kombination von Atomen sollen nun 
auf einmal, ganz unmotiviert und unvermittelt. Innenzustände 
auftreten: Empfindungen, Vorstellungen, Bewußtsein? 

Es wäre das auf jeden Fall das Wunder der Wunder. 
Denn was für Vorzüge kann eine größere Summe von 
Atomen vor dem einzelnen Atom oder ein paar Atomen 
voraushaben? Doch nur die Kompliziertheit der Bewegungen 
und Lagerungsverhältnisse ! Aber von da zu Innenzuständen 
führtkeinWeg! Nur quantitativer, nicht qualitativer 
Art sollen ja der Voraussetzung gemäß die Unterschiede 
zwischen den einzelnen Atomen (resp. Atomverbindungen) 
sein: nur Unterschiede der Größe, Gestalt, Lagerung, Ge- 
schwindigkeit , Bewegungsart , Bewegungsrichtung dürfen 
in Frage kommen. Und vollends alle unkontrollierbaren, 
unqualifizierbaren Innenzustände sind ausdrücklich ausge- 
schlossen; die Kräfte der Materie sind nur zugelassen, um 
Bewegung hervorzubringen resp. zu erklären. 

Infolgedessen kann auch nie und nimmer eine Brücke 
geschlagen werden, die uns von der bewegten Materie und 
ihren chemisch -physikalischen Kräften zu Qualitätsunter- 
schieden, geschweige denn zu Bewußtseinszuständen führte. 
Vielmehr: alle Qualitätsunterschiede würden schon ein Be- 
wußtsein voraussetzen, welches sie auffaßt, oder genauer: 
welches sie zu dem macht, was sie nicht an sich sind, 
als was sie uns aber erscheinen. Die ganze Welt des 
Materialismus wäre im besten Fall tot und stumm: ein 
bloßes System ununterbrochener, rastloser Bewegungen — , 
bis das erste Bewußtsein käme. Mit einem Schlage gäbe 
es dann Qualitätsunterschiede, freilich nur in der Auffassung 
des Bewußtseins. Statt des Systems bloßer Bewegungen 
wäre die tönende, leuchtende, farbenglühende Welt da. 

Aber das Bewußtsein selbst? Es wäre wie aus einer 
andern Welt hereingeschneit. Aus der Materie würde es 
nicht zu erklären sein: so wenig und noch weniger als die 



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38 

Qualitätsunterschiede, die allein sein Werk wären. Ist es 
dem einzelnen Atom unmöglicli, zu empfinden und be- 
wußt zu sein : so vermag aucli die komplizierteste Lagerung 
und Bewegung vieler Atome daran nichts zu ändern. 

Will der Materialist auf seinem Standpunkt bdiarren, 
so muß er versuchen, diesen prinzipiellen Einwand zurück- 
zuweisen. Dann ist er aber genötigt, die unbestimmten 
Wendungen des ersten Typus aufzugeben und sich ent- 
weder zum zweiten oder zum dritten Typus zu bekennöi. 
Er wird behaupten müssen, entweder daß Bew^fung 
Empfindungen und Bewußtsein hervorbringt, oder daß 
alle psychischen Vorgänge in Wirklichkeit, an sich, 
nichts sind als eine eigenartige Bewegungsform und uns 
nur etwas anderes zu sein scheinen. 

b) Psychische Vorgänge nicht mit Bewegungen 

identisch. 

Dies letztere ist ein klarer entschiedener Standpunkt 
Ja, noch mehr! Er kann nicht wideriegt werden; ebenso 
wenig wie der konsequente Solipsismus. FQr diesen gibt 
es höchstens eine Widerlegung: man sperrt den Solipsisten 
in ein Tollhaus. Und in die Oegend ungefähr gehört auch 
der Materialist, wenn er obige Behauptung im Ernst und 
im Bewußtsein ihrer Tragweite aufstellt Denn seine Be- 
griffsverwirrung hat dann einen Grad erreicht, der eine 
Radikalkur als notwendig erscheinen läßt Bei Haeckel läuft 
die Formel nur so mit durch, neben andern, und wahr- 
scheinlich ist er sich nicht einmal recht dessen bewußt, 
was sie besagt 

Die Formel klingt, als hätten die Materialisten von Kant 
gelernt Zwischen Erscheinung und Ding an sich unter- 
scheiden sie. Aber das Ding an sich ^ist die bewegte 
Materie, die Erscheinung — das Bewußtsein. Unwillkürlich 
fragt »man«: wem oder wo erscheint die Bewegung so? 
Die Antwort könnte nur lauten: in einem Bewußtsein. 
Diese Frage und die einzige Antwort, die es darauf gibt. 



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39 

genügten eigentlich schon, um den Materialisten ad absurdum 
zu führen, wenn er Gründen überhaupt zugänglich wäre. 
Aber er sieht nichts mehr als seine Materie, blickt nicht 
rechts, blickt nicht links,, und vor allen auch nicht — in 
sich. Und so kommt er denn dazu, die Welt völlig umzu- 
kehren. Das einzige, was uns überhaupt direkt gegeben 
ist, unsere BewuBtseinszustände : sie sollen eine zufällige 
Beigabe sein. Das wahrhaft, objektiv Seiende ist allein die 
Materie und ihre Bewegung: alles Psychische ist »bloß« 
etwas Subjektives. Selbstbewußtsein im »objektiven« Sinn 
würde nur bei einem Menschen vorhanden sein, der die 
Oehimbew^[ungen fühlte oder mit einem inneren Auge 
gleichsam sähe. Empfindungen haben und denken könnte 
er ja nebenbei auch noch, — wenn es denn durchaus nötig 
ist. Die eigentliche Sache, der objektive Vorgang würde 
auf jeden Fall dadurch in keiner Weise berührt 

Wenn nur — um von erkenntnistheoretischen Ober- 
legungen hier ganz zu schweigen! — die innere Erfahrung 
nicht wäre! Klar und unzweideutig sagt sie: Empfindung 
ist nicht Bewegung, sondern etwas ganz anderes. Eigen- 
artiges, das durchaus nicht mit Bewegungen, Umlagerungen 
und Ähnlichem verglichen, geschweige denn identifiziert 
werden kann. 

Doch: »was schiert mich die innere Erfahrung!«, ant- 
wortet der Materialist; »ich behaupte ja eben, daß sie bloße 
Erscheinung ist, eine subjektive Auffassung von Vorgängen, 
die in Wirklichkeit ganz anders geartet sind.« 

Aber dann müßte uns doch wenigstens die Entstehung 
dieses Scheins erklärt werden, der uns so sehr äfft, daß 
wir denkend, fühlend, empfindend von den eigentlichen 
Vorgängen, den Bewegungen, auch nicht das Geringste 
merken. Kant spricht ja auch von Erscheinungen, gibt uns 
aber doch wenigstens eine prinzipielle Lösung des 
Rätsels, wie das Ding an sich uns in einer Weise er- 
scheinen kann, die von der eigentlichen (zeit- und raumlosen) 
Art seiner Existenz so weit abweicht Woher die »subjek- 



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40 

tive Auffassung« mitten unter lauter Bew^fungszuständen ? 
Der Materialist muß die Antwort schuldig bleiben. Die 
erste Wahrnehmung, so geringfügig sie gewesen sein mag, 
würde für ihn eine Verdoppelung der Wirklichkeit be- 
deuten. Vor ihr war nur Bewegung, mit ihr tritt etwas 
ganz Neues ein: die Bewegung ist nicht nur, sie wiid auch 
wahrgenommen, empfunden. Welch unermeßlicher 
Abstand für den, der die Tatsachen vorurteilslos erwägt 
und, statt sie zu meistern, sich von ihnen leiten läßt! Es 
handelt sich um zwei ganz getrennte Welten. Wüßte der 
Materialist im Gehirn Bescheid wie in seiner Studierstube: 
er sähe doch nur eine endlose Kette von Bewegungen, aber 
keinen Punkt, wo das plötzliche Auftauchen dieses »Scheins« 
von Bewußtsein und Empfinden irgendwie erklärlich würde, 
keine Bewegung, von der b^^eiflich wäre, weshalb nun 
mit ihr auf einmal subjektive Auffassung und Wahrnehmung 
verbunden ist. 

Doch alle diese Erwägungen werden den Materialisten 
von echtem Schrot und Korn nicht hindern, nach wie vor 
mit Büchner das Denken »als eine besondere Form der all- 
gemeinen Naturbewegung« anzusehn, »welche der Substanz 
der zentralen Nervenelemente eben so charakteristisch ist, 
wie die Bewegung der Zusammenziehung der Muskelsub- 
stanz oder die Bewegung des Lichts dem Weltäther.« Auch 
hier ist der Glaube die Kraft, welche eine Welt überwindet, 
und zwar eine Welt ursprünglichster Tatsachen, in der wir 
ganz besonders heimisch sind: unser gesamtes psychisches 
Sein und Erleben. Tatsachen sind halsstarrige Dinge, heißt 
es zwar. Aber noch viel halsstarriger ist der Glaube, wenn 
er einer ausgesprochenen Lebenstendenz und fest bestimmten 
Willensstellung entspringt. Im Unsinn findet er Sinn; was 
ihm nicht paßt, ist nicht für ihn vorhanden. Und der Gläu- 
bige verschließt nicht etwa mit Bewußtsein böswillig die 
Augen vor der Wirklichkeit: im Gegenteil, er ist auf das 
Festeste davon überzeugt, daß alle anders Denkenden bis 
über den Kopf in Vorurteilen stecken, während er selbst 



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41 

die Dinge sieht, wie sie sind. So fest und undurchdringlich 
ist die Binde, die sein Glaube ihm vor die Augen legt Sie 
würde ihm die Wahrheit verhüllen, selbst wenn er sie suchte. 
Aber wie käme er dazu? Die ganze Wahrheit ist ja schon 
in seinem Besitz. Und was allein die Macht hätte, sein 
blindes Selbstvertrauen zu erschüttern: wachsamer Zweifel 
und weise Kritik — sie fehlen ihm gänzlich. 

Kaum irgendwo tritt die Oewalt des Olaubens, die Macht 
der vorgefaßten Meinung, oder — um mit Schopenhauer zu 
sprechen — der Primat des Willens über den Intellekt so 
klar und unzweideutig hervor, wie an diesem Punkt, da der 
Materialist, um seinen Standpunkt zu wahren, sich nicht 
anders retten kann, als indem er das für bloß subjektiven 
Schein erklärt, was doch auch seinem Leben allein Inhalt 
und Bedeutung gibt und was dazu seinen Fetisch, die 
Materie, erst schafft. 

Man denkt unwillküriich an den Vogel Strauß, wie er 
seinen Kopf in den Sand gräbt, um sich den Verfolgern 
unsichtbar zu machen, oder an die Kleinsten unter den 
Kleinen, wenn sie beim Versteckspielen die Hände vor die 
Augen halten und meinen, man sähe sie nicht. 

Versuchte der Materialist sich hinter seinem Vergleich 
mit dem leuchtenden Phosphor zu verschanzen und sähe 
er die Ähnlichkeit darin, daß hier sowohl, wie bei allen 
psychischen Vorgängen, Bewegungen als etwas erscheinen, 
was sie in Wirklichkeit nicht sind: so wäre zweieriei ein- 
zuwenden. Zunächst könnte der Vergleich auf Genauigkeit 
nur dann Anspruch machen, wenn das Leuchten ein Be- 
wußtseinszustand des Phosphors und trotzdem eigentlich 
nur Bewegung wäre. Das ist aber nicht der Fall. So wird 
denn — und das ist das zweite — unser psychisches Er- 
leben mit einem Objekt dieses Erlebens verglichen und 
das also schon vorausgesetzt, was erklärt (resp. das in die 
Eriäuterung als bekannt aufgenommen, was erst erläutert) 
werden soll. Denn das Leuchten findet ja nur in irgend 
einem Bewußtsein statt: denkt man sich jedes Bewußtsein 



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weg, so ist es auch mit dem Leuchten vorbei, und es bleibt 
nur noch Bew^;ung Qbrig. Wie es möglich ist, daß die 
vom Phosphor ausgestrahlte Bew^;ung mir als Leuchten, 
d. h. als Bewußtsdnszustand, als Empfindung erscheint: das 
will ich ja gerade wissen. 

c) Psychische Vorgänge nicht Wirkungen von 
Bewegungen. 

Es bleibt noch der dritte Typus zu besprech^i. 
Dabei kann ich (mich kurz fassen: die prinzipiellen Gründe, 
die ich bisher vorbrachte, haben auch hier ihre Geltung; dn 
neuer kommt allerdings noch hinzu. 

Berüchtigt ist Vogts Sekretionsgleichnis (in sdnen »Phy- 
siologischen Briefen« 1847): die Gedanken stünden etwa in 
demselben Verhältnis zum Gehirn wie die Galle zur Ld>er 
oder der Urin zu den Nieren. Dagegen erhob sich in ge- 
wissen Kreisen ein Entrüstungssturm; eine Herabwürdigung 
des Höchsten, eine Beleidigung aller besseren Gefühle nannte 
man den Vergleich. Sehr mit Unrecht! Denn was machte 
es unsem Gedanken, entstünden sie wie der Urin durch 
Absonderung. Bedeutung haben sie durch das was sie 
sind, nicht durch die Art ihrer Entstehung und Abstammung. 
Töricht, nicht unwürdig hätte man Vogts Sprache nennen 
sollen. Töricht, weil sie materielle Ausscheidungen (von 
Drüsen, Organen), also im letzten Grunde Bew^fungs- 
erscheinungen, gleichstellt mit psychischen Vorgängen. 

Und da sind wir wieder bei dem Kardinalpunkt ange- 
langt: so wenig Gedanken und Empfindungen an sich 
Bewegungen sind und nur subjektiv als psychisch er- 
scheinen, ebensowenig vermag die Bewegung etwas Psy- 
chisches hervorzubringen. Es gibt kdnen Kausal- 
zusammenhang, der vom Materiellen zum Psychischen hin- 
überführte. Bewegte Materie bleibt in alle Ewigkeit und 
überall bewegte Materie. Nie kann sie aus sich heraus 
Innenzustände hervorbringen, mag ihre Anordnung und Be- 
wegung noch so fein und kompliziert sein« Bewußtsein 



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43 

und Bewegung sind etwas toto genere Verschiedenes. Man 
kann das Reich der Bewegung nach allen Seiten hin durch- 
streifen: nirgends trifft man in ihm auf Bewußtsein. 

Wären alle Rätsel der Oehimanatomie und -physiologie 
gelöst, könnte man dem kindlichen Oehim sein Horoskop 
stellen und jede Bewegung darin bis zum späten Tod des 
Greises berechnen: das Rätsel der Empfindung bliebe das- 
selbe wie zuvor, auch nicht um einen Schritt wäre man 
seiner Lösung näher gerückt. Und nichts in den Nervenbewe- 
gungen verriete, daß noch etwas anderes da ist, als bloße 
Bewegung. 

Es wäre vergeblich, wollte ich diesen Oedanken noch 
weiter eriäutern und viel an ihm herumerklären. Der gute 
Wille des Lesers muß das Seinige tun. Es gilt sich von 
der Erkenntnis durchdringen zu lassen und sie ganz zu 
Ende zu denken: bewegte Materie mit ihren rein äußerlichen 
Quantitäts-, Lagerungs- und Bewegungsverhältnissen einer- 
seits, Bewußtsein, Innenzustände anderseits sind durch eine 
solche Kluft voneinander getrennt, daß keine Brücke von 
hüben nach drüben führt. Wer diese Orundtatsache begriffen 
hat, und sich vor Augen hält, was alles in ihr liegt und aus 
ihr folgt: für den ist der Materialismus ein überwundener 
Standpunkt. Er hat nur ein mitleidiges Lächeln, wenn er 
behaupten hört, es sei gelungen, Empfindung auf Bewegung 
zurückzuführen. Eher noch würde er der Botschaft Glauben 
schenken, den Danaiden sei es geglückt, ihr Faß zu füllen. 

Und der Materialist — wenn er sich Einwänden über- 
haupt zugänglich zeigt, — wird wenigstens zugeben müssen, 
daß er sein Versprechen nicht hat halten können. Er wollte 
eine durchaus verständliche Weltanschauung entwerfen, mit 
nur wenigen Ignoramus und ohne jedes Ignorabimus. Sein 
Ruhmestitel sollte eine anschauliche Erklärung des psychi- 
schen Lebens sein. Und was bietet er uns statt dessen? 
Bloße Behauptungen, Postulate, die das Wunder in Per- 
manenz erldären würden! 



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44 

d) Der Materialismus und das Energiegesetz. 

Und noch zu einem zweiten Zugeständnis könnte der 
Materialist an diesem Punkt gezwungen werden. Er zieht 
ja angeblich nur die natürlichen, unvermeidbaren 
Konsequenzen modemer Naturforschung. In Wirklichkeit 
verstößt seine Behauptung, Bewegung bringe Empfindung 
und Bewußtsein hervor, gegen die wahre Naturforschung: 
gegen das Gesetz von der Erhaltung der Energie. 

Zwar könnte er versuchen, seinen Standpunkt mit dem 
Energiegesetz durch die Annahme auszusöhnen, daß auch 
alles Geistige nur Energie sei, eine besondere Art oder 
Form derselben, die mit den übrigen, den physischen Energie- 
arten (der mechanischen, chemischen, thermischen etc.), in 
ebenso fest bestimmten, gesetzmäßigen Austauschverhält- 
nissen stehe, wie diese untereinander. — Aber das ist ein 
Ausweg, der höchstens dem Dualisten offen stünde (obwohl 
sich auch bei ihm gewichtige Bedenken dagegen erheben 
ließen), der aber dem Materialisten ganz und gar verschlossen 
ist: sobald er ihn wählt, wird er selbst zum Dualisten. 
Denn sein Stolz und sein Anspruch ist ja doch, nur die 
Materie mit ihren chemisch-physikalischen Kräften als Bau- 
steine bei seiner Weltkonstruktion zu verwerten. Neben sie 
aber träte jetzt das Geistige als besondere Energieart, nicht 
aus ihnen ableitbar, sondern ebenso ursprünglich wie sie; 
auf eine Erklärung, eine Genesis des Psychischen aus dem 
Physischen wäre Verzicht getan. 

Und welch ein für den Materialismus unannehmbarer 
Zwiespalt würde dadurch in den sonst einheitlichen Energie- 
begriff hineingetragen! Bei allen physischen Energieformen 
handelt es sich immer um Geschehn und Verhältnisse im 
Raum; wie man das Energiegesetz deute und welcher Art 
die Energie sei: sie betätigt sich doch schließlich in äußeren 
Einwirkungen, in Verändemngen, die sie an irgend welchem 
Materiellen oder an irgend welchen Spannungszuständen 
hervorbringt. Und daneben nun die geistigen Energien: 
welch ein anderes Bild! Ihre Betätigung bestünde nur in 



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Innenzuständen, in Denken, Wollen, Fühlen, Empfinden, 
Plänen, Leidenschaften, die absolut keinen räumlichen Cha- 
rakter tragen und von äußerer Lage oder Bewegung durch- 
aus verschieden sind. Spricht der Materialismus von 
geistigen Energien, so werden von ihm zwei ganz dis- 
parate Vorstellungen — nicht etwa in einen Begriff ver- 
schmolzen, sondern nur — unter ein Wort subsumiert und 
durch dieses äußerlich zusammengehalten, während sie 
sich innerlich nach wie vor fremd gegenüberstehn. 

Und nun gar, wenn man das Energiegesetz streng me- 
chanistisch auffaßt, wie der Materialismus seiner bisherigen 
Tradition nach muß, da er ja das ganze Weltgeschehn in Be- 
wegungen, Umlagerungen kleinster Teilchen auflösen will. 
Dann bedeutet Umsetzung einer Energieart in die andere 
nichts als Änderung in der Bewegungsform. Diese mecha- 
nistische Betrachtungsweise müßte aber jedesmal aufgegeben 
werden, sobald eine Umwandlung physischer Energie in 
psychische oder umgekehrt in Frage käme. Mit der Ein- 
heitlichkeit wäre es vorbei, durch die ganze Weltanschauung 
ginge ein Bruch, offenster Dualismus griffe Platz. 

Nein! will der Materialismus sich selbst treu, will er 
überhaupt Materialismus bleiben, dann darf er nicht neben 
den physischen Energien noch eine besondere geistige 
Energieart annehmen. Muß er aber darauf verzichten, dann 
kann er auch die durchgängige Gültigkeit des Energiegesetzes 
nicht aufrecht erhalten. 

Bewegung, lehrt er, bringe Empfindung und Bewußtsein 
hervor. Nun ist aber in der physischen Natur keine Arbeits- 
leistung ohne Energieaufwand möglich. Es müßte also bei 
der Produktion oder »Sekretion« der psychischen Elemente 
Bewegung aufhören und ihre kinetische Energie verlieren, 
ohne in irgend eine Form von potentieller Energie überzu- 
gehn. Bewegung würde nicht etwa nur momentan sistiert, 
wie wenn ich einen Stein auf das Dach werfe. Bleibt er 
li^en, so verwandelt sich seine kinetische Energie in Lagen- 
energie; sowie er aber ins Rollen kommt, geht diese wieder 



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in jene Ober. Bringt dagegen eine Bewegung Psychisches 
hervor, so hörte sie ffir alle Zeiten auf, Bew^;ung zu sein; 
sie nähme eine andere Form der Existenz an und könnte 
nie wieder in Bewegung zurflckverwandelt werden. Diese un- 
ausweichliche Konsequenz sollte doch die Herren Materialisten 
stutzig machen. FQr jeden , der an naturwissenschaftliches 
Denken gewöhnt ist, und weiß, auf welcher Grundlage die 
neuere Naturwissenschaft ihre Siege errungen hat, muß, wie 
mir scheint, völliges Aufhören einer Bewegung und gänz- 
licher Verlust kinetischer Energie eine unmögliche Vorstellung 
sdn. 

Vielleicht sucht man einen Ausweg in der Behauptung, 
die Empfindung sei nur ein Nebeneffekt, so daß Be- 
wegung zwar immer wieder Bewegung, aber als Nebeneffekt 
zugleich auch Empfindung hervorbringe. Aber war ursprüng- 
lich nichts Empfindungsähnliches, keinerlei Innenzustand in 
der Materie, geht also die Empfindung aus bloßer Bewegung 
hervor, so muß auch beim Schaffen der Empfindung Be- 
wegung resp. Energie verioren gehn. Sei der Verlust auch 
nur minimal : das Prinzip wäre durchbrochen, und auch das 
Minimale würde sich im Lauf der Jahrtausende aufsummen. 
Nirgends in der Welt bewegter Materie gibt es eine Wirkung, 
die nicht in der Ursache irgend welche Energie verschlingt 

D. Fr. Strauß, der trotz seines scharfen Kopfes auf 
seine alten Tage wunderbarerweise noch zum Materialisten 
wurde, suchte gerade auf das Energiegesetz seine materia- 
listische Theorie aufzubauen. Wie Bewegung sich in Wärme 
verwandle: so unter gewissen Bedingungen auch in Emp- 
findung. Die Bedingungen seien im Nervensystem gegeben. 
»Auf der einen Seite wird der Nerv berührt, in innere Be- 
wegung gesetzt, auf der andern spricht eine Empfindung, 
eine Wahrnehmung an, springt ein Gedanke hervor« (Der 
alte und neue Glaube). Welche Logik! Was ist denn 
Wärme? Doch nur ein Bewußtseinszustand! Massenbe- 
wegung geht in Molekularbewegung über, und diese bleibt, 
was jene war: nämlich Bewegung. Erst wenn ein Bewußt- 



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47 

sein die Vorgänge auffaßt, dann spiegelt es die letztere Art 
nicht als Bewegungen, sondern als Wärmeempfindung ab. 
Strauß erklärt also idem per idem! 

Die Sache hat noch eine Kehrseite, die dem Materialisten 
noch unangenehmer sein dürfte. Wie mechanische Energie 
verloren ginge, so oft Bewegung Empfindung hervorbringt, 
so müßte auch mechanische Energie neu erstehn, 
wenn ein Gedanke oder Entschluß den Körper in Bewegung 
setzt. Es würde eine Bewegung erfolgen, die ihre Ursache 
nicht in einem vorhergehenden Bewegungsvorgang, sondern 
in einer psychischen Tatsache hätte. Diese psychische Tat- 
sache wiese ja zwar wieder zurück auf eine frühere Bewe- 
gung als auf ihre Ursache. Aber zwischen dieser Bewegung 
als Ursache und jener Bewegung als Wirkung des psychi- 
schen Faktums gäbe es keine irgendwie wahrscheinliche 
Gleichung: die Kontinuität in der Welt der bewegten Materie 
wäre durchbrochen. Zwischen zwei Bewegungszustände 
schöbe sich ein Etwas ein, das einen von der Bewegung 
(und ebenso von den chemisch-physikalischen Kräften, die 
ja doch nichts sind als quantitativ bestimmbare und meßbare 
Bewegungserreger) toto coelo verschiedenen Charakter trüge. 

Auch die Ausflucht wäre nichts wert, daß die psychi- 
schen Elemente nicht etwa neue Energie schaffen, sondern 
nur der vorhandenen Energie ihre Richtung geben oder die 
im Muskel aufgespeicherte Spannkraft in lebendige Kraft 
umsetzen. Keins von beiden geschieht um nichts und wieder 
nichts. Beide Male ist vielmehr Energie erforderlich, die also 
neu geschaffen würde und neu in die materielle Welt ein- 
träte. Im Einzelfall mag es nur ein Minimum sein, was in 
Betracht kommt. Aber auch hier würden sich die Minima 
aufsummen. Und außerdem : der Bann des Energiegesetzes 
wäre auf jeden Fall durchbrochen. Auf die prinzipielle 
Stellung kommt hier alles an. Kann ich durch meinen bloßen 
Willen, also durch einen rein psychischen Einfluß, meinen 
Arm und durch ihn diesen Zweig bewegen: warum sollte 
ich dann nicht auch durch meinen Willen allein Berge ver- 



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setzen? Läßt die Naturwissenschaft das eine zu, so kann 
sie gegen das andere keine Einwendung mehr machen. 
Beide Fälle stimmen darin überein, daß in die materielle 
Welt eine neue Energie bewegungserregend eintritt, die 
aus einer andern Welt stammt Ob diese Energie groß oder 
klein ist, macht nichts aus: in beiden Fällen wäre das Ge- 
setz von der Erhaltung der Energie durchbrochen. 

Sollte aber der Materialist leugnen, daß zwischen zwei 
Bewegungen, die kontinuieriiche Kette unterbrechend, das 
psychische Element mitten hinein tritt; sollte er behaupten, 
daß eine Bewegung direkt, ohne psychisches Zwischen- 
glied, die andre auslöst und daß die psychischen Vorgänge 
nur nebenhergehn: so bleibt ihm nur zwischen zwei 
Möglichkeiten die Wahl. Entweder er muß sich zum zweiten 
der drei oben (S. 17) aufgestellten Typen und damit zu 
offnem Unsinn bekennen. Oder er wird aus einem Materia- 
listen ein Parallel ist, der — zunächst nur für das Ge- 
biet des Nervensystems — behauptet, daß jeder Bewegungs- 
vorgang von einem Inhenzustand und umgekehrt jeder Innen- 
zustand von einem Bewegungsvorgang begleitet ist, ohne 
daß jedoch irgend ein Glied der einen Reihe mit irgend 
einem Gliede der andern Reihe in Kausalzusammenhang 
stünde. Beide Reihen gehen nebeneinander her, einander 
genau entsprechend, aber nicht voneinander abhängig. 

Das ist Spinozas Standpunkt. Und auch bei Haeckel 
finden sich Gedankenreihen, welche auf ihn hinführen. Im 
ersten Abschnitt des dritten Kapitels werden sie uns be- 
schäftigen. 

Zunächst gilt es, den Kampf gegen den Materialismus 
zu Ende zu führen. Bisher versuchte ich zu erweisen, daß 
der Materialist die Versprechungen, welche er macht, in 
keiner Weise erfüllt. An die Stelle des Dualismus, den 
die Erfahrungswelt mit ihren beiden Seiten der Natur und 
des Geistes bietet, will er einen Monismus setzen, indem 
er das Psychische aus dem Physischen ableitet Aber diese 
Genesis müßte er erklären, faßlich, anschaulich machen. 



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Nichts von alledem! Zu je bestimmteren Auskünften man 
ihn zwingt, desto undurchdringlicher erscheint das Rätsel, 
desto größer werden die Schwierigkeiten, die sich seiner 
Theorie in den Weg stellen. Die Kluft, welche die kompli- 
zierteste Bewegung von dem einfachsten psychischen Zu- 
stand trennt, bleibt immer gleich groß. Und der Materialist 
muß entweder baren Unsinn vertreten, indem er das Ge- 
wisseste, was wir haben: unser Bewußtsein, zu einer rein 
subjektiven Erscheinung herabsetzt, oder er muß zugeben, 
daß bei ihm die Stelle von Erklärungen bloße Behauptungen 
einnehmen, die gerade das, was der Gegner für unmöglich 
hält, und erklärt oder bewiesen haben will, ohne Beweis 
einfach postulieren und zudem mit dem Grundgesetz 
der heutigen Naturwissenschaft in Widerspruch stehn. 



Zweiter Abschnitt. 

Absurdität des Materialismus, da die Materie 
nur unsere Vorstellung ist 

Jetzt ist es an der Zeit, das schwerste Geschütz aufzu- 
fahren. Psychisches kann nicht aus Physischem hervorgehn, 
hieß es bisher. Im Gegenteil: alles Physische geht 
aus Psychischem hervor, die Materie ist ein 
Werk unseres Geistes, sie existiert nur als Be- 
wußtseinszustand: so lautet die neue These. 

Um sie zu erweisen und um so dem Materialismus 
vollends den Garaus zu machen, bedarf es Erwägungen 
prinzipiellster Art, die man unter dem Stichwort des er- 
kenntnistheoretischen Idealismus zusammenzu- 
fassen pflegt. Teilweise waren sie schon der antiken Philo- 
sophie bekannt Heutzutage bringt man sie vor allem mit 
Kants Namen in Verbindung. 

a) Erkenntnistheoretischer Idealismus. 
Der erkenntnistheoretische Idealismus stellt sich dem 
Realismus entgegen. In beiden Lehren haben wir nicht 

A dickes, Kant contra Haeckel. 2. Aufl. 4 



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50 

eindeutig bestimmte Standpunkte vor uns. Mannigfache 
Nuancierungen sind möglich, so daß die beiden Gegensätze 
bald sich nähern, bald weiter auseinander treten. 

Die gewöhnliche Ansicht des gesunden Menschenver- 
standes ist ein »naiver« Realismus, demzufolge die Gegen- 
stände der äußeren Erfahrung durchweg unabhängig von uns 
und unseren Vorstellungen existieren und der Hauptsache 
nach an sich gerade so sind, wie sie uns erscheinen: 
farbig, tönend, weich, süß. In dieser Doppelexistenz der 
körperlichen Welt (außer uns — in unserer Vorstellung) findet 
der naive Realist keine Schwierigkeit. Ja, es kommt ihm 
nicht einmal zum Bewußtsein, daß er eine solche Doppel- 
existenz behauptet: das Wahmehmungsproblem ist für ihn 
nicht vorhanden, geschweige denn eine Wahrnehmungstheorie- 
Wie die G^enstände in uns, in unsere Vorstellung hinein- 
kommen: darüber wird nicht nachgedacht 

Die Physiologie der Sinnesorgane hat dieser An- 
schauungsweise für immer die Berechtigung entzogen (vgl. 
S. 71. 72). Seitdem man die Subjektivität der Sinnesquali- 
täten erkennen gelernt hat, ist jeder wissenschaftliche 
Standpunkt gezwungen, dem Idealismus Konzessionen zu 
machen. So ist denn der heutige naturwissenschaftliche 
Realismus auch der Ansicht, daß alle Sinnesqualitäten nur 
in u n s ihr Dasein haben, während es in der körperiichen 
Welt draußen nichts als Atome (resp. Kraftzentren) und 
deren Bewegungen gibt. Vom Materialismus unterscheidet 
sich dieser Standpunkt dadurch, daß nach ihm die körper- 
liche Welt nicht Ein und Alles ist. Vielmehr erkennt er 
auch die Existenz des Psychischen an, ohne sich über den 
Zusammenhang desselben mit der materiellen Welt eine The- 
orie zu bilden; eine solche liegt über die Grenzen der Natur- 
wissenschaft hinaus und würde stets philosophisch (er- 
kenntnistheoretisch oder metaphysisch) sein. 

Im Gegensatz dazu sagt der Idealismus: die ganze 
körperliche Welt ist nur in meinem Bewußtsein, sie 
ist nur meine Vorstellung, und wie die ganze Welt, so 



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51 

auch jeder einzelne Gegenstand in ihr. Primär das Psychische, 
das Materielle sekundär, jedes körperiiche Objekt nur durch 
und für ein Subjekt : das ist das Orunddogma des Idealismus. 

Die weitere Frage wäre dann : was entspricht dem Körper- 
lichsein im Dinge an sich, abgesehn von unserer Art, es 
anzuschauen ? Darauf gibt es mehrere Antworten, je nachdem, 
wieweit man sich in den idealistischen Gedankengängen 
vorwagt. Man kann mit Kant auch Raum und Zeit für bloße 
Vorstellungsformen erklären, kann mit gewissen unter seinen 
Nachfolgern sogar dem Ding an sich jede extramentale 
Existenz absprechen, kann aber auch die Dinge an sich 
als in Raum] und Zeit befindliche bewegte Kraftzentren 
betrachten. 

Ausgeschlossen ist dagegen für jeden, der die Probleme 
wirklich durchdacht hat, dass der Materie auch abgesehn 
von unserer Art vorzustellen Realität zukommt, dass also 
die Dinge an sich körperiich sind (vgl. S. 71 ff.). Bleibt 
der Materialist doch, allen Oegeninstanzen zum Trotz, bei 
diesem — Aberglauben, so müßte|er wenigstens das Zu- 
geständnis machen, daß wir in der angeblichen materiellen 
Welt der Dinge an sich kein Faktum vor uns haben: 
sie wäre nur erschlossen. Gegeben wäre die Materie 
nur als Bewußtseinszustand, als Vorstellung; erschlossen 
und damit unsicher wäre ihre Existenz außerhalb unseres 
Bewußtseins. Und dem Materialismus würde auch dann 
ein Ende gemacht durch die Überlegung, daß es im höchsten 
Grade unwissenschaftlich ist, das einzig Gewisse,Sichere, 
was uns gegeben ist, aus dem abzuleiten, was wir besten- 
falls als wahrscheinlich erschließen könnten. 

Aber dieser »beste« Fall ist eben ein irrealer Fall. — 
Erscheinung setzt etwas voraus was erscheint, ein Ding an 
sich: darin bin ich mit Kant einverstanden. Dies Ding an 
sich ist räumlich und zeitlich bestimmt; Raum, Zeit und 
Bewegung sind also nicht nur unsere Vorstellungsweisen, 
sondern haben auch transzendente Gültigkeit: darin weiche 
ich von Kant ab und nähere mich dem naturwissenschaftlichen 



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52 

Realismus. Aber alle Körperlichkeit, alle materielle Raum- 
erfüllung ist ein bloßes Produkt unseres Vorstellungsver- 
mögens; die Materie, der Abgott der Materialisten, ist nichts 
als eine Schöpfung unseres Oeistes. 

Diesen meinen idealistischen Standpunkt, soweit er in 
Oegensatz nicht zu Kant, sondern zum Materialismus steht, 
will ich jetzt kurz b^[ründen. 

Daß die Welt an sich nicht tönt, leuchtet und im Olanz 
der Farben prangt, daß der Tisch, an dem ich sitze, an sich 
nicht hart und bräunlich ist, der Zucker nicht süß, die Rose 
nicht duftet: das alles wird der Materialist gern zugeben. 
Auch ihm ist die Wahrheit nicht mehr verborgen, daß unsere 
Sinnesqualitäten weder den Dingen noch ihren Kräften, noch 
den Veränderungen ähneln, die mit ihnen vorgehn. 

Ja! gerade aus dieser Erkenntnis sucht er eine Stütze 
für seinen Standpunkt zu gewinnen. Das »an sich« all dieser 
Erscheinungen ist eben angeblich bewegte Materie. Nur 
unsere Sinne empfinden Farben und Licht, Süße und Härte, 
Töne und Düfte. In den Dingen selbst sind zwar auch Ver- 
schiedenheiten, aber nur äußeriiche: Variationen in der Be- 
w^^ngs- und Lagerungsart. 

Das eigentlich und einzig Wirkliche, würde der Materia- 
list also etwa sagen, sind die Atome im Raum. Um sie 
herum, die von uns als Atome nicht wahrgenommen werden, 
gruppieren wir die von uns »wahrgenommenen« Sinnes- 
eigenschaften. Letztere sind gleichsam ein glänzender Firnis, 
durch den ein gewöhnliches Auge nicht hindurchdringt. Wie 
der Maler bei einem Ölbild nachforschend, aufgrabend die 
verschiedenen Schichten entdecken kann, die dem Nicht- 
Künstler verborgen bleiben : so legt die Wissenschaft in den 
Atomen das Oerüst der ganzen Erfahrungswelt bloß. Sie 
sind die festen Punkte, um die herum wir die sinnlichen 
Eigenschaften sich kristallisieren lassen. Also ist nur die 
Außenseite der Weh um uns her subjektiv, ihr Kern 
dagegen objektiv: den im Raum bewegten Atomen kommt 
ein extramentales transzendentes Dasein zu. Undurchdring- 



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53 

lichkeit, Ausdehnung, Oestalt, Bewegung der Körper, also 
dasjenige, was schon Locke »primäre Qualitäten« nannte, 
wird durch die Subjektivität unserer Sinnesorgane nicht 
berührt 

Diese Ein- und Ausrede erscheint vielleicht manchem 
recht einleuchtend, ist aber doch durchaus nicht treffend. 
Um das einzusehn, braucht man nur das idealistische Prinzip 
zu Ende denken. Unsere ganze Erfahrungswelt ist auf Empfin- 
dungen aufgebaut und existiert nur innerhalb unseres Be- 
wußtseins. Es ist daher nichts in ihr, was nicht von uns ab- 
hängig wäre; auch ihr innerster Kern ist nur unsere Vor- 
stellung. In ihr kann das Ding an sich niemals und nirgends 
gefunden werden; es wäre nur möglich, daß dies oder das 
in ihr nicht nur auf unsere Art vorzustellen zurückgeführt 
werden müßte, sondern auch von transzendenter Bedeutung, 
auch für Dinge an sich von Oültigkeit wäre. Zunächst aber 
würde auch das nur Bewußtseinsinhalt, also Erscheinung, 
sein; seine transzendente Oültigkeit müßte erschlossen 
werden. 

In dieser Tatsache liegt ein Dreifaches. 1. Auch die 
primären Qualitäten (sowohl in der Welt um uns her, als 
am eignen Körper inkl. Oehirn) sind Wahmehmungsinhalte; 
2. die Lokalisierung der Empfindungen, d. i. ihre Anordnung 
im Raum, ist unser Werk, ist eine Folge unserer geistigen 
Organisation; 3. auch die Atome und Atombewegungen, mit 
denen die Naturwissenschaft operiert, sind nur unsere Vor- 
stellungen. Ja, sie sind sogar nur Vorstellungen zweiter 
Ordnung: nicht empfunden, sondern erdacht, nicht wirkliche 
Dinge, die wir je mit Augen sehn könnten, sondern Hilfs- 
begriffe, um Theorien entwerfen und Formeln veran- 
schaulichen zu können. 

Diese drei Behauptungen sollen jetzt weiter ausgeführt 
und b^^ndet werden. 



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^ 54 

b) Subjektivität der primären Qualitäten. 

Man ziehe einmal von den primären Qualitäten, wie die 
Körperwelt sie bietet, alles ab, was von den Sinnen her- 
stammt! Was bleibt übrig? Ich meine: nichts I Bei einem 
Blindgeborenen kann zwar, wie die Erfahrung zeigt, nicht 
nur das räumliche Orientierungsvermögen, sondern auch die 
Raumvorstellung hoch entwickelt sein. Selbst in Mathematik 
und Physik vermag er eventuell Hervorragendes zu leisten. 
Aber die unentbehrliche Vorbedingung sind dabei die Emp- 
findungen seines Haut- und Muskelsinnes. Nur vermittelst 
ihrer entsteht ihm das Gebilde des dreidimensionalen 
Raumes, sowie der Gegenstände in ihm. Denkt man sich 
einen solchen Blindgeborenen vom Schlag gerührt, verlöre 
er infolgedessen alle Sinnes- und Vitalempfindungen (vor 
allem also auch die Haut- und Bewegungsempfindungen), 
behielte aber noch eine Zeitlang die Fähigkeit vorzustellen 
und zu denken: so wäre für ihn die objektive räumliche 
Welt um ihn herum, und sein eigener Körper mit ihr, völlig 
entschwunden. Sie wäre wie Vineta, die versunkene Stadt: 
nur die Erinnerung würde noch von ihr melden. Und der 
arme Patient bestünde in seiner eignen Vorstellung nicht 
mehr »aus Körper und Geist«, sondern sein Dasein ginge 
auf in seinem Selbstbewußtsein und dessen Zuständen oder 
Inhalten. Unter ihnen gäbe es keine räumlich lokalisierten 
mehr, wohl aber noch Erinnerungsbilder an räumliche Dinge. 
Und auch diese Erinnerungsbilder würden ganz und gar auf 
seinen früheren Haut- und Bewegungsempfindungen beruhn. 

Alle primären Qualitäten gehen eben auf Empfindungs- 
inhalte zurück, ja, bestehn nur in ihnen. Körperiiche Aus- 
dehnung und materielle Raumerfüllung sind nichts als eine 
Kombination von Empfindungen der Farbe, Weichheit, Härte 
etc. In ihrer Abhängigkeit von unserer Subjektivität sind die 
primären Qualitäten um nichts besser gestellt als die sekun- 
dären. Sowie es keine Farbe ohne Auge gibt, so auch in der 
Körperwelt keine Undurchdringlichkeit ohne Hautsinn. Selbst 
in unsem Erinnerungs- und Phantasiebildem sind wir durch- 



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weg von dem Material unserer Sinnesempfindungen abhängig. 
Wohl können wir, z.B. beim Gedanken an geometrische 
Figuren oder stereometrische Objekte, ganz von Farbe, Un- 
durchdringlichkeit etc. abstrahieren. Sobald wir uns aber 
körperiiche Ausdehnung und materielle Raumerfullung an- 
schaulich vorstellen wollen, müssen wir sie uns als Emp- 
findungsinhalte denken. Das würde auch von dem angeb- 
lichen Kern oder Gerüst der Erfahrungswelt, den Atomen, 
gelten. Auch sie kann man sich nur rauh oder glatt, weich 
oder hart, und — der Sehende wenigstens'— farbig vorstellen. 
Könnte ein Mensch sie je wahrnehmen : dann nur mit diesen 
Eigenschaften. Etwas Körperliches ohne die letzteren (also 
auch ohne Farbe!) ist für mich ebensowenig anschaulich 
vorstellbar wie ein Gebäude, das weder aus Stein noch aus 
Holz noch aus sonst irgend einem Material wäre. 

Der naturwissenschaftliche Realismus läßt verschieden- 
artige Bewegungen als Reize unsere Nerven treffen und auf 
Grund davon in letzteren die Empfindungen entstehn. Und 
dabei ist er geneigt, beides für gleich wirklich und tat- 
sächlich gegeben zu halten: Bewegungen (Reize) und Emp- 
findungen. Aber weit gefehlt! Nur eins von den beiden 
ist ursprünglich und wirklich, ist Tatsache, ja sogar die 
einzig wirkliche Tatsache, die Urtatsache: die Empfindung 
nämlich und mit ihr die ganze Bewußtseinswelt. Bewegungen 
und Reize sind wirklich zunächst nur als Vorstellungen, 
als Bewußtseinsinhalte, nicht als Bewußtseins-(Empfin- 
dungs-) er reger. Ob Bewegungen oder Reize eine Be- 
deutung für sich, außerhalb der Bewußtseinswelt, also tran- 
szendente Gültigkeit haben, ist eine Frage für sich. Eine 
solche Gültigkeit wäre auf jeden Fall keine Tatsache: sie 
wäre nur erschlossen, und zwar auf Grund eines Schlusses 
von der Wirkung auf die Ursache. Nun sind aber mehrere 
derartige Ursachen möglich und vorstellbar; so wahrschein- 
lich also auch ein solcher Schluß gemacht werden kann, er 
behält doch immer etwas Problematisches an sich. 

Also das Gegebene, woraus unsere ganze Erfahrungs- 



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weit sich aufbaut, sind Empfindungen unbdcannten Ur- 
sprungs. Sie sind eben da und bilden das Material auch für 
die primären Qualitäten. Mit innerer Notwendigkeit verbinden 
wir die Empfindungen verschiedener Sinne zu dem, was 
wir äußere Gegenstände nennen. Nicht etwa weil wir 
Härte und braune Farbe an dem Tisch vor uns verbunden 
sehen, vereinigen wir beide Eigenschaften in unserm Be- 
wußtsein miteinander. Dieser Tisch ist ja erst unser 
Produkt; das Material, aus dem er besteht, sind unsere 
Empfindungen. Und zwar gilt das vom ganzen Tisch: 
nicht etwa nur von der Außenseite, sondern auch vom 
»Kern«, auch vom »Gerüst«, um welches wir die sinnlichen 
Eigenschaften nach Meinung des naturwissenschaftlichen 
Realisten gleichsam heruml^en. 

Vielleicht schüttelt letzterer hier verwundert den Kopf, 
mitleidig lächelnd ob dieser Verblendung. Weiß denn der 
idealistische Philosoph nicht, wird er fragen, daß wir 
die Luftschwingungen darstellen und sehen können, 
die als Reize das Gehirn treffen und dort in den Nerven 
gewisse Veränderungen hervorbringen, die ihrerseits 
wieder 

Nun, lieber Realist, warum stockst du? Wolltest du 
etwa fortfahren: »die Empfindungen produzieren?« Dann 
würde dies dein Stocken beweisen, daß man bei dir noch 
nicht alle Hoffnung aufzugeben braucht, das Paradoxon des 
Idealismus werde noch einmal eine Wiedergeburt deines 
Denkens herbeiführen. Denn die Worte, die du unter- 
drücktest, würde nicht mehr der naturwissenschaftliche Re- 
alist, sondern der Materialist gesprochen haben! Und 
dein Stocken zeigt, daß dir das große Rätsel des Bewußtseins 
wenigstens zu dämmern beginnt. Und darum bist du auch 
vielleicht fähig, die Tragweite der Antwort zu ermessen, die 
deinem Einwände jede Bedeutung nimmt und dein mit- 
leidiges Lächeln in Beschämung wandelt. Auch dein Ge- 
hirn ebenso wie die Gehirne aller übrigen Menschen samt 
allen Nerven darin sind ja doch nur deine und meine Vor- 



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Stellungen, sind Bewußtseinsinhalte und aus Empfindungen 
aufgebaut so gut wie der Tiscfii vor dem ich sitze. Mögen 
also Tausende von Bewegungen mein Oehim treffen: sie 
sind und bleiben sämtlich in alle Ewigkeit meine Vorstel- 
lungen; ebenso wie das ganze Oehim, in dem sie Ver- 
änderungen hervorbringen, sind sie mein Produkt, meine 
Schöpfung, mein Bewußtseinsinhalt. Und diese meine Vor- 
stellungen sollten, wenn ich z.B. bei einer starken Kopf- 
wunde einen Teil meines Gehirns im Spiegel besehn könnte, 
in mir erst die Empfindungen hervorbringen, auf denen sie 
selbst aufgebaut sind? 

Das wäre denn doch vollendeter Nonsens! Vielmehr: 
was der naturwissenschaftliche Realismus mit seiner Wahr- 
nehmungstheorie eigentlich bezweckt, ist nicht, Vorgänge 
darzustellen, die sich in unserer Erfahrungswelt ab- 
spielen, sondern Vorgänge in der transzendenten Welt 
der Dinge an sich. Nicht mein Gehirn — müßte er 
sagen — wird von Bewegungen (Reizen) getroffen, sondern 
das dem Gehirn zugrunde liegende Ding an sich. Und 
das Etwas, von dem die Bewegung ausgeht, sowie das 
Etwas, das, in Schwingungen versetzt, die Bewegung ver- 
mittelt: sie sind nicht Gegenstände unserer Erfahrungswelt, 
sondern Dinge an sich. 

Will man in dem Etwas Atome sehen — gut, dann 
bestünden die Dinge an sich aus Atomen. Aber wahrge- 
nommen würden diese Atome nicht, sie wären in keiner 
Wirklichkeit aufzuweisen: sie wären erschlossen, als 
Ursachen der Erscheinungswelt. Ebenso dann auch die 
Atome, die dem Gehirn zugrunde lägen! Was wir als 
Gehirn vor uns sehen, das körperliche Organ, ist durch und 
durch unser Produkt, es kann auf uns nicht einwirken, kann 
in uns nichts erregen, sowenig wie Tisch und Stuhl vor 
uns. Es ist nur ein Teil, ein Objekt unseres Bewußtseins, 
nie und nimmer sein Schöpfer oder auch nur sein Organ. 
Wohl sein Werk, aber nie sein Werkzeug! Dag^en was 
dem Gehirn zugrunde liegt als Ding an sich: das mag in 



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anderer Beziehung zu meiner Bewußtseins weit stehn. Aber 
wir kennen es nicht! wir können nur Rückschlüsse darauf 
machen ! 

Die Atomlehre des Realismus ist — wenigstens bei 
vielen seiner Vertreter — ein solcher Rückschluß. Ein wie 
unglücklicher, unwahrscheinlicher: das wird sich unter d, 
(S.63ff.) zeigen. 

c) Subjektivität unseres Bewußtseinsraums. 

Zunächst gilt es nachzuweisen, daß, wie der ganze In- 
halt der Erfahrungswelt unsere Schöpfung ist, so auch 
ihre äußere Form: der Raum. Die Lokalisation der 
Empfindungen im Raum ist unser Werk, ist eine Wirkung 
unserer geistigen Organisation. Damit wird durchaus noch 
nicht der Frage präjudiziert, ob der Raum nicht zugleich 
auch etwas Objektives, den Dingen an sich Zukom- 
mendes ist. Ich bejahe diese Frage und bin der Meinung, 
daß unsere räumliche Welt die Rekonstruktion einer 
extramentalen räumlichen Welt ist, keine völlige Neu- 
schöpfung. 

Aber zunächst ist auf jeden Fall das räumliche An- 
schauen eine Funktion unserer Psyche. Der transzen- 
dente Raum ist uns nicht gegeben und kann uns nie ge- 
geben werden, wir können ihn darum auch nie mit unserm 
Bewußtseinsraum daraufhin vergleichen, ob beide über- 
einstimmen. Wir können auch nie letzteren nach ersterem 
formen. Gegeben sind uns allein Empfindungen, Bewußt- 
seinszustände und -Inhalte. Unsere meisten Empfindungen 
tragen von vornherein einen räumlichen Exponenten an sich : 
indem sie uns zum Bewußtsein kommen, sind sie auch schon 
außer uns im Raum geordnet. Die Härte eines Tisches emp- 
finde ich nicht erst in mir, sondern sogleich außer mir; 
der operierte Blindgeborene sieht Licht und Farben sofort 
außerhalb seines Auges, wenn auch noch nicht in »richtiger« 
Weise lokalisiert. Aus diesen Empfindungen bauen wir unsere 
Erfahrungswelt auf: sie ist also ganz unser Werk, unser 



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ist auch die Art, wie wir die Empfindungen der verschie- 
denen Sinne miteinander verbinden und sie zu dem räum- 
lichen Oebilde verschmelzen lassen, das wir »Gegenstand« 
nennen. Bei diesem Zusammenschweißen folgen wir keinem 
bewußten Plan, keiner vorgefaßten Absicht, ebensowenig 
lassen wir uns von unserer Willkur leiten: alles geschieht 
gesetzmäßig, aber nach uns unbekannten Gesetzen. Die 
Verbindung der Empfindungen und ihre Form wird uns 
gerade so aufgedrängt und aufgezwungen wie die Empfin- 
dungen selbst. Wir geben uns weder das eine noch das 
andere: beides empfangen wir, haben wir, »finden« wir »in« 
uns. Im hpchsten Grade tätig, sind wir doch zugleich auch 
empfangend. Aber die Quelle, woher uns das wird, was wir 
empfangen, kennen wir nicht. Der Zwang, aus dem Rohstoff 
der Empfindungen diesen oder jenen Gegenstand zu formen, 
tritt nicht von außen her an uns heran, etwa von den Ge- 
genständen der Bewußtseinswelt — wie wäre das möglich, 
da sie ja erst infolge dieses Zwangs entstehn! ~, er liegt 
vielmehr in uns, ist in und mit den Empfindungen gegeben. 
Wir also sind es allein, die den Empfindungen ihre 
räumliche Stelle bestimmen, ohne uns dieser Tätigkeit be- 
wußt zu sein. Und was uns dabei leitet, können nur quali- 
tative Unterschiede der Empfindungen sein. Räumlich 
geordnete Empfindungen: das wäre eine contradictio in ad- 
jecto. Denn wie könnte etwas Psychisches ausgedehnt, im 
Raum nebeneinander sein! Räumlich|| geordnete Reize im 
Gehirn, etwa wie das Netzhautbild im Auge: das wäre we- 
nigstens vorstellbar. Aber helfen würde es nichts, denn auch 
mein Gehirn ist ja zunächst nur meine Vorstellung, ist ein 
Teil resp. Gegenstand meines Bewußtseinsraums, den ich 
geschaffen habe mit allem was darin ist. Und wollte der 
Realismus für Gehirn das setzen, was er eigentlich meint: 
das dem Gehirn zugrunde liegende Ding an sich : was wäre 
gewonnen? Sobald die Vorgänge in der als räumlich an- 
genommenen Welt der Dinge an sich, die mir als Empfin- 
dungen erscheinen, in meiner Bewußtseinswelt sich wider- 



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spiegeln, würden und mußten ja auf jeden Fall alle räum- 
lichen Bestimmtheiten verschwinden, und nur qualita- 
tive Unterschiede könnten überbleiben. Also auch der 
Realist, der dem Raum transzendente Gültigkeit zuschreibt, 
muß zugeben, daß zum Aufbau unserer Bewußtseinswelt 
und zur Lokalisation der Empfindungen in unserm Bewußt- 
seinsraum uns keinerlei Andeutungen räumlicher Art gegeben 
sein können. Die einzigen Merkmale, von denen unsere 
Psyche sich bei der Lokalisation, ihr selbst unbewußt, leiten 
läßt, müssen qualitative Unterschiede sein. Unser ganzer 
Bewußtseinsraum ist also unsere Schöpfung. Der Tisch vor 
mir gibt mir so wenig Anweisung, wie und zu welcher Gestalt 
ich die verschiedenen Empfindungen der Härte und Farbe mit- 
einander zu verbinden habe, daß er vielmehr mit allen seinen 
Eigenschaften erst durch diese Verbindung entsteht und 
außerhalb meines oder eines dem meinen ähnlichen Bewußt- 
seins überhaupt keine Existenz hat 

Die räumliche Anordnung und damit der ganze Raum, 
sind zunächst — ebenso wie die Empfindungen — nichts 
als das Symbol eines an sich seienden Unbekannten und 
gewisser Eigenschaften an ihm. Bei den Empfindungen gibt 
der naturwissenschaftliche Realismus meistens die völlige 
Verschiedenheit dieser Symbole von den Eigenschaften der 
Dinge an sich, auf die sie hinweisen, zu. Zwischen dem 
Grün, das meinem Auge erscheint, und der Eigenschaft der 
Dinge an sich, welche in der Sekunde die 600 Billionen 
»Ätherschwingungen« hervorbringt, besteht keine größere 
Ähnlichkeit als zwischen meinem Gedanken und den sprach- 
lichen Lauten, durch die ich ihn bezeichne. Dasselbe könnte 
an sich sehr wohl auch bei der räumlichen Anordnung der 
Fall sein; auch hier braucht keinerlei Ähnlichkeit zu be- 
stehn zwischen unserer Art räumlich anzuschaun und den 
Eigenschaften der Dinge an sich, die wir auf diese Art 
symbolisch darstellen. Kant behauptet das.^) Ich kann ihm 

1) Haeckel läßt Kant lehren, daß unsere ganze durch die Sinne 
erworbene Kenntnis nur trügerischer Schein sei, daß die Außenwel 



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61 

hierin, wie gesagt, nicht folgen, bin vielmehr der Ansicht, 
daß unser Bewußtseinsraum die Rekonstruktion eines tran- 
szendenten Raums ist, in dem sich — ganz unabhängig von 
unserm Bewußtsein — die Welt der Dinge an sich befindet, 
die auf das mir (auch meinem Oehim) zugrunde liegende 
Ding an sich einwirkt. Das ist meine Annahme, die nie be- 
wiesen werden kann, die für mich aber deshalb den höchsten 
Grad von Wahrscheinlichkeit besitzt, weil das so entstehende 
Weltbild mir weniger Schwierigkeiten zu bieten scheint als 
die andern. Jede Behauptung über die Dinge an sich bleibt 
innerhalb des Gebiets bloßer Hypothesen : denn jede gründet 
sich auf einen Rückschluß von der Wirkung (den Empfin- 
dungen) auf ihre unbekannte Ursache. Derartiger Ursachen 
sind viele denkbar. Fichtes und Berkeleys Ansichten, die 
das extramentale Dasein der nicht-geistigen Natur überhaupt 
leugneten, sind nicht streng widerl^bar. 

Die transzendente Gültigkeit unserer räumlichen An- 
schauungsweise gebe ich also dem naturwissenschaftlichen 
Realismus zu. Aber um so mehr muß ich betonen, daß der 
Raum, der uns umgibt, in dem wir leben, sehen, fühlen, 
schmecken, stoßen und gestoßen werden, schieben und ge- 
schoben werden, allein unsere Schöpfung ist. Daß unsere 

nur in unseren Vorstellungen existiere, und wendet dann gegen ihn ein : 
»Wenn alle gesunden Menschen durch ihren Tastsinn und Raumsinn 
sich überzeugen, daß der von ihnen berührte Stein einen Teil des Raumes 
erfüllt, so existiert auch dieser Raum« (L. 77). Der gute Haeckel! Es 
ist, als wenn Kinder mit Pfeil und Bogen einen modernen Panzerturm 
zusammenschießen wollten. Um einen Kant zu vernichten, bedarf es 
denn doch anderer Geschosse. Er würde Haeckel auf seine Lehre von 
der »empirischen Realität« verweisen, in der er ja gerade das behauptet, 
was Haeckel gegen ihn geltend macht, nämlich »die Realität (d.i. die 
objektive Gültigkeit) des Raumes in Ansehung alles dessen, was äußer- 
lich als Gegenstand uns vorkommen kann«. Solange Haeckel den Sinn 
dieser empirischen Realität in ihrem Unterschied von und ihrem Zu- 
sammenhang mit der transzendentalen Idealität nicht verstanden und 
auch nicht begriffen hat, daß Schein und Erscheinung für Kant zwei 
ganz verschiedene Dinge sind, sollte er es in seinem eignen Interesse 
lieber unterlassen, gegen Kant in die Arena zu treten. 



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62 

Empfindungen qualitative Unterschiede an sich tragen, die 
sich auf die räumh'che Anordnung der Dinge an sich be- 
ziehn und vermöge deren es uns möglich wird, diese an 
sich seiende räumliche Anordnung in unsehn Bewußtseins- 
raum zu rekonstruieren: das alles ist eine nachträgliche 
Hypothese, aufgestellt, um unser Weltbild zu erklären, um 
Ursachen für das zu denken (vielleicht auch nur zu »er- 
denken«), was uns allein direkt gegeben ist: für unsere Be- 
wußtseinswelt Jenen Raum der Dinge an sich können wir 
so wenig jemals sehen und fühlen wie die Dinge an sich, 
die in ihm sind. Jene ganze transzendente Welt ist nur eine 
Annahme, eine Art, wie wir gedrungen werden, uns jenes 
große X vorzustellen, eine Annahme, die für den einzelnen 
die größte Wahrscheinlickkeit haben mag, aber schließlich 

— doch immer nur eine Annahme. Und nicht einmal die 
einzig mögliche: Andere haben andere aufgestellt. Bestenfalls 
also, wenn wirklich die Welt der Dinge an sich meinen 
Erwartungen entspräche und räumlich wäre: sie könnte nie 
und nimmer für mich zu etwas unmittelbar Gegebenem 
werden. 

Und welcher Art sie sein mag: meine Erfahrungs- 
welt wird dadurch gar nicht tangiert. Nirgends ragt die 
eine in die andere hinein, beide sind ewig geschieden. Die 
ganze Erfahrungswelt ist nur in meinem Bewußtsein vor- 
handen, ist auf Empfindungen aufgebaut, besteht aus ihnen 
und kann mir deshalb nie Anlaß zu Empfindungen werden. 
Sie wird empfunden, aber erregt keine Empfindungen, so 
wenig die vom Künstler geschaffene Marmorgruppe diesem 
erst die schöpferische Idee inspirieren kann. Sie kann auch 
keine Einheit geben, -weder sich selbst noch meinen Emp- 
findungen. Nicht entnehme ich den Gegenständen rings 
um mich her die Einheit meiner Empfindungen; sondern 
erst, indem ich letzteren Einheit gebe, schaffe ich die 
Wahmehmungsgegenstände. Empfindungen, Bewußtsein: das 
ist das primär und allein O^ebene; Reize und Dinge an 
sich, von denen sie ausgehn, Bewegungen in einem extra- 



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63 

mentalen Raum, in denen sie bestehen: alles das ist mir 
nicht direkt gegeben, sondern nur als Ursache hinzugedacht. 

Ein Beispiel mag das Oesagte erläutern. 

Gehe ich auf eine vor mir stehende Bank zu und 
stoße mich an ihr: so wirkt nicht diese Bank auf mich ein, 
sondern zu bestimmter Zeit ist eine Tastempfindung in mir, 
mit der gewisse Gesichts- und Bewegungsempfindungen 
verbunden sind. Auf Grund dieses Rohmaterials entsteht 
dann der Bewußtseinszustand, dessen Inhalt die vor mir 
stehende Bank bildet. Sie ist also ein Produkt aus jenen 
Empfindungen, nicht ihre Ursache. Nachher mag geschlossen 
werden, daß im extramentalen Raum an derselben Stelle, an 
welche in meinem Bewußtseinsraum die Bank von mir ge- 
setzt wurde, ein ihr entsprechendes Ding an sich vorhanden 
war, das auf mich, als Ding an sich, einwirkte. Es ist das 
möglich, ich glaube es sogar fest. Aber dies Ding an 
sich und der ganze extramentale Raum ist eine Hypo- 
these. Das für mich allein wirklich Vorhandene ist 
der Bewußtseinsraum, den ich gemacht habe, der nur auf 
der mir angeborenen Funktion räumlich anzuschauen beruht. 

d) Analyse des Atombegriffs. 

Was sagt nun schließlich das idealistische Prinzip über 
die naturwissenschaftliche Atomlehre? 

Eins ist sicher: wenn Büchner behauptet: »Die Atome 
der Alten waren philosophische Kategorien oder Erfindungen, 
die der Neuen sind Entdeckungen der Naturforschung« 

— so spricht er wie der Blinde von der Farbe. Atome 
»entdeckt«: wie stolz das klingt I Als ob man sie sehen 
und fühlen, mindestens aber doch Farbe, Gestalt, Gewicht, 
Zahl genau bestimmen könnte! Und wie weit ist man da- 
von entfernt, gerade heutzutage; wie geneigt gerade die 
leitenden Geister, auch hier sich zu bescheiden, wenn 
sie nicht gar die Atome, diese »Entdeckung der Natur- 
forschung«, — völlig verwerfen. 

Von welcher Seite man die Atome auch betrachten 



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mag: gegeben, in irgend einer Erfahrung vorhanden sind 
sie nicht. Bestenfalls — wenn sie überhaupt existieren — 
sind sie erschlossen. 

Ihr Gebrauch kann ein doppelter sein. Entweder 
will man vermittelst ihrer nur die Vorgänge in der körper- 
lichen Erscheinungswelt auf einfachste Weise konstruieren 
oder man glaubt in den Atomen die Dinge an sich vor 
sich zu haben. 

1. Die Atome als Hilfsb^ffe der Mechanik. 

Im ersten Fall gehört zur körperlichen Erscheinungs- 
welt natürlich auch mein ganzer Körper inkl. Sinneswerk- 
zeuge und Oehim, und der Atomismus hat, wenn man 
seine Ziele so weit wie möglich steckt, die Aufgabe, die 
sämtlichen Phänomene in dieser Körperwelt (inkl. die Vor- 
gänge in meinem Oehim) als Bewegungen von Atomen 
darzustellen. Alles Psychische bliebe gänzlich aus der Be- 
rechnung. Mögen zu gewissen Oehimvorgängen psychische 
Begebenheiten in unveränderlicher funktioneller Abhängigkeit 
stehn (»Funktion« in mathematischem Sinn verstanden!): 
für den Atomisten wäre das Psychische nicht vorhanden. 
Es reichte an keiner Stelle in sein Gebiet hinüber, bloß mit 
Bewegungen, mit kinetischer oder potentieller Energie hätte 
er zu tun. 

Nur in dieser Beschränkung vertreten gerade die Meister 
vom Fach heutzutage den Atomismus und die mechanische 
Weltauffassung. Ja, manche, wie z. B. H. Hertz (Prinzipien 
der Mechanik, S. 45), sind sogar geneigt, das Gebiet der 
Mechanik mit dem der unbelebten Natur zusammenfallen 
zu lassen und also der belebten Welt eine Ausnahmestellung 
zu geben. 

Was sind denn nun für diese streng wissenschaft- 
lichen Theorien (im Gegensatz zu der Haeckelschen oder 
einer ähnlichen materialistischen Metaphysik!) die Atome? 
Entdeckungen der Neuzeit? Wahrlich nicht! Nicht ein- 
mal erschlossene Wirklichkeiten, sondern Hilfsb^;riffe, Rechen- 



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Pfennige, Abstraktionen, von nicht größerer Realität als der 
völlig luftleere Raum oder der ausdehnungslose Punkt oder 
die völlig elastischen resp. unelastischen Körper, mit denen 
die mathematische Physik rechnet Man will Formeln deuten, 
eine Theorie entwerfen können: dazu glaubt man kleinster 
materieller Teilchen zu bedürfen; und das ist dann der 
Crund, weshalb man die Atome — nicht entdeckt oder de- 
monstrativ nachweist, sondern — sich erdenkt und die er- 
dachten hypothetisch verwertet. 

Alles Rechnen mit Atomen ist gleichsam eine Obung 
am Phantom. Nie wird die Wirklichkeit ganz und gar da- 
durch erfaßt, nie geht sie restlos in ihm auf. Gerade die- 
jenigen Physiker, die am meisten in die Tiefe gedrungen 
sind und die methodologisch - erkenntnistheoretischen Pro- 
bleme ihrer Wissenschaft energisch in Behandlung genommen 
haben, sind sich der Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit voll 
bewußt. Offen erkennt Hertz in der Einleitung zu seiner 
Mechanik an, daß alle physikalischen Theorien stets nur 
Bilder der wirklichen Vorgänge sind; nicht Rekonstruk- 
tionen, sondern Zeichen oder Symbole der eigentlichen Er- 
eignisse. Ein Philosoph, ein Erkenntnistheoretiker würde 
tauben Ohren gepredigt haben: auf den genialen Physiker 
hört man und lernt sich bescheiden. Zwar ist man auch 
heute durchaus noch nicht allgemein geneigt, sich mit 
Kirchhoff auf den rein phänomenologischen Standpunkt 
zu stellen und von der Mechanik nur zu verlangen, daß sie 
die in der Natur vor sich gehenden Bewegungen in ein- 
fachster Weise vollständig beschreibe, statt auch ihre 
Ursachen zu ermitteln. Aber auch der Hauptvorkämpfer 
der »alten klassischen Theorie«, L Boltzmann, sieht sich 
gezwungen, Hertz zuzugeben, daß auch seine Atomistik nur 
ein Bild ist. Wie er meint: von allen bisherigen Theorien 
das klarste und einfachste Bild, aber immerhin doch nur 
ein Bild neben möglichen andern Bildern. Und der beste 
Erfolg wird nach seiner Ansicht dann erzielt werden, »wenn 
man stets alle Abbildungsmittel je nach Bedürfnis verwendet, 

Adickes, Kant contra HaeckeL 2. Aufl. 5 



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66 

aber nicht versäumt, die Bilder auf jedem Schritte an neuen 
Erfahrungen zu prüfen«.^) Damit spricht Boltzmann einen 
Gedanken aus, für dessen Richtigkeit die ganze bisherige 
Entwicklung der Atomistik Zeugnis ablegt: die Auffassung 
vom Wesen der Atome ist in fortwährender Wandlung be- 
griffen, und es ist sicher, daß nie ein endgültiger Abschluß 
erreicht werden kann. 

Nie! Denn was ist die Grundlage der Atomistik? 
Hauptsächlich doch wohl unser Bedürfnis, das im Wechsel 
Beharrende zu erfassen, oder, wenn es mit dem Erfassen 
nichts ist, wenigstens zu denken, zu erdichten. Daraus 
folgt aber unmittelbar, daß die Atome nur Grenzb^^riffe 
sind, deren Wesen sich mit den Grenzen ändert. Die letz- 
teren immer weiter hinauszuschieben, ist Aufgabe und Ziel 
der Wissenschaft Wo diese für den Augenblick mit der 
Zersetzung und Auflösung nicht weiter kommen kann, wo 
sie also ein für sie nicht mehr Zeriegbares konstatieren muß: 
da tritt — nicht etwa das Atom, sondern — der Atom- 
begriff ein. Denn das Atom in diesem Sinn hat eben 
keine Realität, es ist nur ein Hilfs begriff. Und was 
jetzt für die Wissenschaft unzeriegbar ist, kann ihr binnen 
kurzem als ein tausendfach zusammengesetzter Körper er- 
scheinen. Das Atom ist also auch ein ganz relativer 
Begriff. 

Daraus wird erkläriich, warum man heutzutage schon 
Atome zweiter und dritter Ordnung unterscheiden muß, 
und in 100 Jahren vielleicht Atome zehnter und zwanzigster 
Ordnung. Und theoretisch kann das in alle Ewigkeit so 
weiter gehen, denn es gibt unendlich viele verschiedene 
Unendlich -Kleinste. Augenblicklich gerade haben die Ka- 
thoden-, Röntgen-, Becquerel- und die andern neu ent- 



1) Boltzmann: Über die Entwicklung der Methoden der theore- 
tischen Physik in neuerer Zeit (Vortrag, gehalten auf der Versammlung 
Deutscher Naturforscher und Ärzte zu München, 1899.) Abgedruckt in: 
Naturwissensch. Rundschau, 1899, No. 39—41. 



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67 

deckten Strahlen, für die man noch passende »Bilder« sucht, 
Ausblicke eröffnet und Veränderungen des Atombegriffs 
nahe gelegt, von denen der Atomistiker sich noch vor kurzem 
als von bloßen Phantastereien mit verächtlichem Achsel- 
zucken abgewandt hätte. Jene neuesten Wunder der Natur- 
wissenschaff sucht man durch die Elektronentheorie zu er- 
klären, und bei deren Ausgestaltung sieht man sich zu 
ganz neuen Ansichten über die Konstitution der Materie 
hingedrängt. Unter einem Elektron wird die kleinste vor- 
kommende Menge Elektrizität verstanden; an Masse ist es 
mehr denn tausendmal kleiner als das kleinste der bisherigen 
Atome: das Wasserstoffatom. Was aber das Seltsamste: 
diese seine Masse ist — nach einer verbreiteten Hypothese — 
nicht eine wirkliche Masse, wie wir sie an der pon- 
derablen Materie zu denken gewohnt sind, sondern nur 
eine scheinbare und » elektromagnetischen Ursprungs « ; 
die Elektronen besitzen »keine Masse außer derjenigen, 
welche ihnen infolge ihrer Bewegung und ihrer elektrischen 
Ladung scheinbar anhaftet«, sie sind »lediglich ein lokalisierter 
besonderer Zustand des universellen Äthers«. Und daran 
schließt sich dann die Annahme, daß die ponderable Materie: 
die bisherigen Atome und mit ihnen »die Gesamtheit der 
bekannten Körper, aus Aggregaten oder Systemen von Elek- 
tronen aufgebaut ist«, daß die chemischen Atome veränder- 
lich und Umwandlungen einer chemischen Substanz in eine 
andere (wie ja auch die Transformation des Radiums in 
Helium zu erweisen scheint) unter Umständen möglich sind.^) 
Aus dem Gesagten erklärt sich noch ein Weiteres. 
Nicht nur die Grenze wird fortwährend hinausgeschoben, 
wo die Zeriegbarkeit endet und das &to(iov beginnt; den 
Atomen werden auch von verschiedenen Forschem ganz 
verschiedene, zum Teil entgegengesetzte Eigenschaften 



1) Die letzten Bemerkungen im Anschluß an Augusto Righi: Die 
moderne Theorie der physikalischen Erscheinungen (Radioaktivität, Ionen, 
Elektronen). Aus dem Italienischen fibersetzt von B. Dessau. (Leipzig. 
1905. Vgl. bes. S. 8, 96 ff., 134 ff.) 



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68 

beigel^ Kein Wunder! Es sind ja keine Wirklichkeiten 
— die Wirklichkeit ist nur eine — es sind ja, wie Hertz 
sagt, nur Bilden Bilder der Wirklichkeit aber kann es 
mehrere, kann es viele geben, das eine besser, das an- 
dere schlechter, manche aber auch gleich gut Welche 
Eigenschaften ein gutes Bild haben muB, setzt Hertz mit 
mustergültiger Klarheit auseinander: es muß zulässig, richtig 
und zweckmäßig (deutlich und einfach) sein. Oft genügt 
ein Bild diesen Anforderungen, wenn es auf eine bestimmte 
Gruppe von Erscheinungen angewandt wird; außerhalb 
dieses Gebietes ist es wenig oder gar nicht zu brauchen. 
Aber der Physiker, der sich gerade mit jenen Erscheinungen 
beschäftigt, schneidet ihnen zu Liebe seine ganze Theorie 
so oder so zu, wie etwa ein Dramatiker sich am Charakter 
seiner Heldin versündigt, um einer bestimmten Tragödin 
die Rolle auf den Leib schreiben zu können. 

So kommt es, daß die Lehre von den Atomen bei den 
verschiedenen Forschem oft ein ganz verschiedenes Aus- 
sehn zeigt. Der eine glaubt an Atome und leeren Raum, 
der andere läßt trotz der Atome den Raum kontinuierlich 
erfüllt sein. Diese halten die Atome für Körper von einer 
gewissen, wenn auch unendlich kleinen, immerhin meßbaren 
Größe, jene (Ampfere, Fechner etc.) leugnen jede Ausdehnung: 
für sie sind die Atome nur unteilbare Punkte. Woran sich 
Faradays Ansicht anreihen ließe, nach der die Atome einfache 
Kraftzentren sind. Und damit wären wir mitten in der 
dynamischen Naturauffassung, wie Kant und andere sie 
vertraten: keine letzten diskreten Massenteilchen, sondern 
kontinuierliche Raumerfüllung. In gewisser Weise wieder 
auferstanden ist der Dynamismus (wenn er überhaupt je 
gestorben war) in der heutigen energetischen Anschauungs- 
weise, die von den vier alten Grundvorstellungen der Me- 
chanik: Raum, Zeit, Masse, Kraft die beiden letzten beseitigt, 
um an ihre Stelle die Energie zu setzen, wie anderseits 
Hertz die Vierzahl auf eine Dreizahl reduziert, indem er die 



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69 

Kraft völlig zu eliminieren und durch verborgene Massen 
und Bewegungen zu ersetzen sucht. 

Ein wunderbares Bild bietet sich uns also. Was die 
Materie, das schöpferische Prinzip des Materialismus, ist? 
kein Mensch weiß es. Die Popularisierer des Materialismus 
freilich behaupten es zu wissen, sie tun, als wäre ihnen 
nichts bekannter als der Stoff. Aber die Wissenschaft, von 
der allein man genaue, vorurteilsfreie Auskunft erwarten 
darf, weist nur ein großes leeres weißes Blatt auf. So trifft 
denn auch für unsere Tage noch Voltaires Wort zu, das 
die Materie als ein Stre presque inconnu bezeichnet. 

Und »dieses beinahe unbekannte Etwas« ^) sollten wir 
als Schöpfer des uns Bekanntesten und Nächstliegenden 
verehren: unseres Bewußtseins und seiner Zustände? Dieses 
Etwas, das, wenn wir es atomistisch denken, eigentlich 
überhaupt keine Realität besitzt? Da ja die Atome, aus 
denen die Materie bestünde, mit deren Gesamtheit sie iden- 
tisch wäre, nur Rechenpfennige sind. 

Man kann sich freilich leicht vornehmen, alle faktische 
Zusammensetzung aufgehoben zu denken, und das Nach- 
bleibende, für sich Seiende Atome nennen. Ganz im all- 
gemeinen ist das gewiß leicht ausgeführt. Aber wenn man 
an die Veranschaulichung im einzelnen geht: dann wird, 
wie die verschiedenen wissenschaftlichen Theorien zeigen, 
alles zweifelhaft und unklar, — und zwar bis zu einem 
solchen Grade, daß man sich gezwungen sieht, im Atom- 
b^ff alle Beziehung auf die konkrete Wirklichkeit aufzu- 
geben und ihn nur als Hilfsbegriff für die Deutung von 
Formeln zu verwerten. 



1) Die Voltaire-Stelle ist angeführt und übersetzt von O. Liebmann: 
»Gedanken und Tatsachen« (2. Heft 1899, S. 208/9). Auf dies Buch 
sowie auf ein anderes Werk desselben Verfassers: »Zur Analysis der 
Wirklichkeit« (3. Aufl. 1900) sei der Leser auf das Nachdrücklichste 
hingewiesen. Liebmann behandelt teilweise dieselben Probleme wie 
Haeckel. Aber welch ein Unterschied ! Bei Haeckel krassester Dogma- 
tismus, blindes Drauflosstürmen, bei Liebmann kritische Besonnenheit, 
allseitiges Erwägen, Tiefe gepaart mit großer Klarheit. 



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70 

Wären die Atome etwas Wirkliches in der Er- 
scheinungswelt: so wären sie unsere Schöpfungen, von 
uns im Räume lokalisiert. Aber nicht einmal als das darf 
man sie betrachten, so wenig wie die Materie, die aus 
ihnen besteht. Unsere Schöpfungen zwar bleiben sie 
auch so: aber nicht Dinge darf man sie nennen, sondern 
nur Abstraktionen, nicht reale Körper, sondern hypo- 
thetisch gedachte Massenteilchen, nicht Anschauungen der 
Sinne, sondern Lückenbüßer des Verstandes. Und diesen 
entia rationis sollte unsere ratio entstammen? dem Abbild 
des Werkes (nicht einmal dem Werk selbst!) der Werk- 
meister? Und das soll eine »vernunftgemäße« Weltan- 
schauung sein, und nicht vielmehr höchste Unvernunft?^) 

Doch vielleicht wenden die Materialisten ein: Das ist 
ja gamicht unsere Meinung; wenn wir von Materie und 
Atomen sprechen, so meinen wir nicht etwas in der Er- 
scheinungswelt Gegebenes, sondern die Dinge an sich. 
Damit komme ich zu dem zweiten der beiden S. 64 ge- 
nannten Fälle. 



1) Die obigen Ausführungen richten sich natüriich durchaus nicht 
gegen die praktische Brauchbarkeit der Atomtheorie als eines leitenden 
Forschungsprinzips. Diese bestreiten zu wollen, wäre töricht angesichts 
der gewaltigen Erfolge, welche — um nur eins zu nennen — die heu- 
tige Chemie in der Analyse verwickelter Verbindungen und in der Syn- 
these neuer Körper gerade vermittelst der atomistischen Anschauungs- 
weise erzielt hat Was die letztere so besonders geeignet macht, bei 
derartigen Arbeiten als Grundlage zu dienen, ist ihre Anschaulichkeit, 
die es dem Forscher ermöglicht, sich von den betreffenden Verhältnissen 
und Vorgängen ein klares plastisches Bild zu machen, dies Bild seinen 
Berechnungen zugrunde zu legen und es auch heuristisch zu verwerten, 
indem er es umgestaltet und die »Richtigkeit« auch des veränderten 
Bildes durch Experimente erweist. Aber eben nur um Bilder handelt 
es sich, nicht um Wirklichkeiten ; die Vorgänge und Verhältnisse selbst, 
deren Gesetzmäßigkeiten man mit Hilfe solcher Bilder oder Symbole auf 
die Spur zu kommen sucht, bleiben ihrem Wesen nach unbekannt 
trotz aller atomistischen Konstruktionen und schematischen Zeichnungen. 



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71 



2. Die Atome als angebliche Dinge an sich. 

Betrachtet der Materialist seine Materie als Ding an 
sich, so bleibt ihm, wie mir scheint, nur eins übrig: er 
muß behaupten, daß den Dingen an sich auch das zu- 
kommt, was wir sekundäre Eigenschaften nennen; sie 
maßten an sich blau oder grün sein, hart oder weich, 
tönend und duftend, salzig oder bitter. Unsere sämtlichen 
Empfindungen dürften nicht nur unsere Art sein, das un- 
bekannte X anzuschauen, nicht nur Symbole für etwas an 
sich ganz Unbestimmtes: sie müßten vielmehr ebenso viel 
Eigenschaften der Dinge an sich darstellen. So etwas 
Ahnliches sah Czolbe sich gezwungen anzunehmen: Licht- 
und Schallwellen leuchten und tönen schon an sich. 

Aber zu welch seltsamen Konsequenzen würde das 
führen! Es müßte danach das Ding an sich wirklich grün 
sein, seine Orüne würde dann wieder die Ursache für die 
Entwicklung gewisser Ätherschwingungen sein, die unser 
Auge treffen und in unsem Nerven gewisse Veränderungen 
hervorrufen, und diese Veränderungen müßten schließlich 
von uns wieder als ein grüner Gegenstand empfunden 
werden, der sich an derselben Stelle des Raumes befindet 
wie das grüne Ding an sich. 

Entschieden ein sonderbarer, wenig wahrscheinlicher 
Vorgang! Eine prästabilierte Harmonie noch wundersamer 
als die Leibnizens! Man könnte versuchen, sie mit Darwin- 
schen Ideen zu stützen: solche Harmonie sei zweckmäßig, 
und im Kampf ums Dasein hätten diejenigen Wesen den 
Sieg davongetragen, die ihrer teilhaftig waren. Sehr schön! 
Aber das Unbegreifliche ist ja gerade das erste Entstehn 
einer solchen Harmonie mit all den ihr anhaftenden Wunder- 
lichkeiten, nicht ihr Fortbestehn. Und dann! Warum 
sollte sie zweckmäßiger sein als eine nur symbolische Er- 
kenntnis? Worauf es ankommt, ist doch nur, daß unser 
Empfindungsleben sich gesetzmäßig abspielt, wodurch 
uns die Möglichkeit gegeben wird, aus der Vergangenheit 



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. 72 

Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen, sie vorherzusehn und 
die »Natur« zu beherrschen. Das ist jedoch ebenso gut 
möglich, wenn unsere Sinnesqualitäten nur eine symbo- 
lische Bedeutung haben und Zeichen (aber in gesetz- 
mäßigem Zusammenhang stehende!) für etwas Unbekanntes 
sind. 

Den Ausschlag gibt eine ganze Reihe von Tatsachen 
aus dem Gebiet der Sinnesphysiologie: sie nötigen einem 
in unwiderstehlicher Weise das Zugeständnis ab, daß unsere 
Sinnesempfindungen nicht auch zugleich Eigen- 
schaften der Dinge an sich sein können. Ich erinnere 
an Kontrastwirkungen, perspektivische Verschiebungen, Sinnes- 
und optisch-geometrische Täuschungen, Halluzinationen und 
die Erscheinungen bei hypnotischen Zuständen, an Reiz- 
und Unterschiedsschwellen, an die spezifische Energie der 
Sinnesorgane, an die künstlichen Veränderungen unserer 
Eindrücke durch Mikroskop, Femrohr und andere Instru- 
mente. Mit vollster Bestimmtheit kann behauptet werden, 
daß die einzelne Empfindung von dem gesamten Empfin- 
dungs- und Bewußtseinszustande abhängt, in den sie als 
Teil eingeht. Nicht nur äußerer »Reiz« und Sinnesorgan 
sind von Einfluß: die momentane Beschaffenheit unseres 
ganzen psycho-physischen Wesens macht sich geltend. Ein 
und dieselbe äußere Veränderung kann zu verschiedenen 
Zeiten in ganz verschiedener Weise empfunden werden und 
zum Bewußtsein kommen. 

Der Materialist denkt sich seine Welt durchzogen von 
allen möglichen Bewegungen. Aus ihnen sondern unsere 
Sinne einige in gewissen Zahlenverhältnissen stehende aus 
und wandeln sie um. Mit Recht sagt Fr. Alb. Lange: unsere 
Sinne sind Abstraktions - Apparate. Man denke sich ein 
Wesen mit eignen Sinnesorganen für Magnetismus, Elek- 
trizität, Gravitation, für Röntgen-, Kathoden- und Becquerel- 
strahlen: wie ganz anders wäre dessen Weltbild! 

Nimmt man alles dies zusammen, so wird man zugeben 
müssen: die Zeiten des extremen Realismus sind ent- 



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73 

schwunden und kehren nicht wieder. Ein wissenschaftlich 
denkender Mann wird heute nicht mehr die Behauptung 
wagen, die Welt um uns herum, gerade so wie wir sie 
sehen, hören, schmecken, riechen und tasten, sei die Welt 
der Dinge an sich. 

Und auch der Materialist von heute wird für die Ma- 
terie, sein Ding an sich, wohl nur die sogenannten primären 
Eigenschaften reklamieren wollen. Daß Undurchdringlich- 
keit, Räumlichkeit, Bewegung den Dingen an sich zukommen, 
ist auch mir wahrscheinlich. Die Körperiichkeit aber, die 
materielle Raumerfüllung ist meiner Ansicht nach rein phä- 
nomenal. Sie beruht ganz und gar auf Empfindungetf, alles 
Körperiiche ist Bewußtseinsinhalt, ist von den sekundären 
Eigenschaften gar nicht zu trennen. Wie könnte man sich 
ein materielles Atom ohne Härte oder Weiche, wie könnte 
ein Sehender es sich ohne Farbe anschaulich vorstellen?! 
Nehmt der Materie die Sichtbarkeit, Hörbarkeit, Fühlbarkeit: 
und ihr nehmt ihr alles. Nur von den Sinnesqualitäten be- 
kommt sie ihre Besonderheit, ihre sämtlichen Eigenschaften 
sind Empfindungsinhalte. Mit den letzteren steht und fällt 
sie. Eine Welt ohne unsere Sinnesqualitäten hat auch keinen 
Raum für die Materie. 

Will man sich also über die Dinge an sich Vorstellungen 
machen, so muß man annehmen, daß sie den Raum aus- 
füllen nicht durch Körperlichkeit, nicht dadurch, daß sie in 
jedem Raumteil ihrer Sphäre materiell da sind, sondern 
dadurch, daß sie in jedem Raumteil wirken. Ihre Aus- 
gedehntheit würde nur ein anderer Ausdruck für die von 
ihnen ausgehenden Kraftwirkungen sein: sie wären als 
Kraftzentra zu denken, und das Wesentliche an ihnen wäre 
nicht, wie beim Materialismus, Raumerfüllung und Bewegung, 
sondern das unbekannte Innere. 



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74 

Ich fasse die Resultate dieses Kapitels kurz zusammen. 
Der Materialismus ist aus der Reihe möglicher Weltan- 
schauungen, die weder streng zu beweisen noch strikte zu 
wideriegen sind, auszuscheiden. Leute ohne kritische Selbst- 
besinnung mögen sich zu ihm bekennen. Und da es nie 
an ihnen fehlen wird, wird auch der Materialismus nicht 
aussterben. Aber für den »Wissenden« , d. h. den in er- 
kenntnistheoretischen Überiegungen Geschulten ist er nicht 
nur höchst unwahrscheinlich, sondern direkt unsinnig, aller 
gesunden Vernunft Hohn sprechend. Was die Herren Ma- 
terialisten in Aussicht stellen, erfüllen sie nicht : eine Theorie 
des Psychischen vermögen sie nicht zu geben. Vielmehr: 
wo sie erklären sollten, behaupten sie nur, oder es 
wird ihnen gar das Bewußtsein zu bloß subjektivem Schein. 
Die Existenz des Psychischen ist die gefähriiche Klippe, 
an der jeder Materialist scheitert, mag er sein Schifflein 
wenden und drehn, wie er will. Nichts hilft über die Tat- 
sache hinweg, daß unsere Empfindungen und Bewußtseins- 
zustände das uns Nächstliegende und Bestbekannte, das 
allein direkt Gegebene sind. Der Götze des Materialisten 
ist ein echter Fetisch, den er selbst gemacht hat: die Ma- 
terie, der das Bewußtsein entstammen soll, existiert allein 
innerhalb des Bewußtseins. Ein Ding an sich kann sie 
nicht sein; denn alle ihre Eigenschaften bestehn aus Emp- 
findungsinhalten und deren Kombinationen. Nicht unser 
Geist ist von ihr: sie ist von unserm Geist abhängig; er 
schafft sie, nicht sie ihn. 

Wer das einsieht, der kann nicht anders, als in der 
materialistischen Theorie einen der Höhepunkte der Absur- 
dität erblicken. Bewußtsein aus der Materie ableiten wollen, 
das ist ein ähnliches Kunststück, wie wenn der Freiherr 
von Münchhausen sich am eignen Zopf aus dem Sumpf 
zieht. 



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Drittes Kapitel. 
Der wahre Monismus. 

Motto: Omnia, quamvis diversis m- 
dibus, animata tarnen sunt. 
Spinoza, Ethica. 

Soweit Haeckels Monismus sich als Materialismus ent- 
puppt, ist er also ein totgeborenes Kind. 

»Aber freilich, konsequentes Denken bleibt eine seltene 
Naturerscheinung«. Die ganzen »Welträtsel« sind ein großes 
Zeugnis für die Wahrheit dieses Wortes. Es finden sich in 
ihnen Gedankengänge — oben auf S. 33, 48 wies ich schon 
darauf hin — , die uns nicht materialistisch, sondern pa- 
rallel istisch anmuten. Hätte Haeckel sie fortgesponnen 
und dem Materialismus den Laufpaß gegeben, dann könnte 
wirklich von Monismus die Rede sein, und zugleich hätte 
er das nicht so teuer zu erkaufen brauchen, was ihm vor 
allen Dingen am Herzen liegt und nach seiner eigenen Aus- 
sage einen »fundamentalen Hauptsatz« seines Systems bildet: 
»die prinzipielle Einheit der anorganischen und organischen 
Natur, sowie ihren genetischen Zusammenhang« (M. 37). 



Erster Abschnitt.^ 
Parallelistische Gedankengänge bei Haeckel. 

Zu nennen wären hier natüriich in erster Linie die 
Stellen, in denen Haeckel sein System mit dem Spinozas in 
engste Verbindung bringt, — wenn nur das, was er sich 
unter Spinozismus denkt, nicht ein bloßes Phantasieprodukt 



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76 

wäre, in der ganzen weiten Welt ohne Heimatsrecht, abge- 
sehn vom Oehim des Jenenser Zoologen. Spinozas Lehre 
ist der konsequente psycho-physische Parallelismus : darüber 
sind sich alle einig, die ihn überhaupt gelesen haben. Und 
wenn Haeckel diese Theorie des Parallelismus als dualistisch 
bekämpft, weil sie den »natüriichen Kausalzusammenhang« 
zwischen Psychischem und Physischem bestreitet (W. 117. 
L. 520), so zeigt der Zusatz »natüriich«, daß es ihm bisher 
nicht gelungen ist, sich in die betreffenden Gedankengänge 
hineinzuleben; im übrigen geht aus der Stelle nur so viel 
mit Gewißheit hervor, daß in dem Augenblick, in welchem 
sie geschrieben wurde, Haeckel nicht Spinozist war. 

Es muß aber doch Augenblicke, ja Zeiten gegeben haben, 
wo er es war oder wenigstens einen ernsten Anlauf machte, 
es zu werden. Seine ganze Lehre von den Atomseelen ist 
nur unter dieser Voraussetzung zu erklären. 

Ein Atom-Bewußtsein nimmt Haeckel nicht an, und 
du Bois-Reymond, der ihm diese Lehre zugeschrieben hatte, 
wird ob solcher Unterstellung hart angelassen. Auch bei 
Menschen und höheren Tieren bildet nach Haeckels Ansicht 
»das Bewußtsein nur einen Teil der Seelenerscheinungen, 
während der weitaus größere Teil derselben unbewußt ab- 
läuft«. So gibt es auch in den einzelnen Atomen elemen- 
tare psychische Tätigkeiten der Empfindung und des Willens, 
die man sich als unbewußt vorstellen muß. Die Atome sind 
bei Haeckel gemäß der »pyknotischen Substanz-Theorie« 
J. G. Vogts zu denken, nach der »die gemeinsame Urkraft 
des Weltalls« in der »individuellen Verdichtung oder Den- 
sation einer einheitlichen Substanz« besteht, »welche den 
ganzen unendlichen Weltraum kontinuieriich erfüllt«. Durch 
ihr Kontraktionsbestreben kommen unendlich kleine Ver- 
dichtungszentren zustande, »die zwar ihren Dichtegrad und 
damit ihr Volumen ändern können, aber an und für sich 
beständig sind«. Sie entsprechen im allgemeinen dem, was 
man gewöhnlich Atome nennt, unterscheiden sich aber von 
letzteren dadurch, daß sie »im gewissen Sinne beseelt sind«. 



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77 

>Die beiden Hauptbestandteile der Substanz, Masse und 
Äther, sind nicht tot und nur durch äußere Kräfte beweglich, 
sondern sie besitzen Empfindung und Willen (natürlich 
niedersten Grades!); sie empfinden Lust bei Verdichtung, 
Unlust bei Spannung; sie streben nach der ersteren und 
kämpfen gegen letztere« (W. 206. 207. 252. 254.). Durch 
:»Oeffihle« der Lust und Unlust will Haeckel L. 341 auch 
chemische Wahlverwandtschaft »erklären«: »Synthese der 
liebenden Atome, Zuneigung— Analyse der hassenden Atome, 
Abneigung«. Anderswo wieder treten als »immanente Ureigen- 
schaften der Substanz« Fühlung (Ästhesis) und Strebung 
(Tropesis) auf (W. 259. 28L L. 340). 

Wie man auch die Namen wählen mag, eins scheint 
mir klar: wir befinden uns hier mitten in der Metaphysik, 
nicht mehr innnerhalb des Gebiets der Naturwissenschaft 
und ihrer chemisch-physikalischen Kräfte. Für den Natur- 
wissenschaftler sollten die letzteren nur Hilfsb^ffe sein 
(ebenso wie die Atome); ob sie wirklich vorhanden sind, 
was sie sind: davon weiß er eigentlich nichts. Aber mag 
er sie sich auch noch so real denken: ihre Bestimmung 
und Bedeutung ginge auf jeden Fall darin auf, Bewegungs- 
erreger zu sein. Lust und Unlust, Empfindung und Wille — 
das sind Kategorien, die mit seinen Kräften auch nicht das 
Geringste zu tun haben. 

Haeckel selbst gesteht, daß er sich »in eingehenden 
Gesprächen mit hervorragenden Physikern und Chemikern 
oft überzeugt hat, daß sie von einer solchen ,Beseelung* 
der Atome nichts wissen wollen«. Mit vollem Recht! Denn 
die Empfindungen dieser Atomseelen tragen nach Haeckel 
etwas bei zum Zustandekommen auch der einfachsten phy- 
sikalischen und chemischen Prozesse, sind eine notwendige 
Annahme für deren Erklärung (L. 93/4. 347. 354). Und das 
heißt: mitten in die Naturwissenschaft, in die anorganische 
Welt, den Dualismus von Physischem und Psychischem 
hineintragen. 



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78 

Denn mit »Kräftenc im Sinn von Physik und Chemie 
haben die Haeckelschen Atomempfindungen als psychische 
Zustände nicht die geringste Ähnlichkeit und keinerlei Ge- 
meinschaft Wollte man beides unter einem Namen zu- 
sammenfassen, dann könnte man ebenso gut Stroh und Eisen, 
Salz und Nilpferd mit je einem Wort bezeichnen. 

Nein ! mit der »universalen ,Seele* von primitivster Art«, 
die den Atomen innewohnen soll (W. 259), mit der Emp- 
findung als allgemeiner Eigenschaft der Substanz (L 331 ff., 
520 ff.) führt Haeckel einen ganz neuen Faktor in seine Welt- 
anschauung ein. Jetzt handeU es sich nicht mehr nur um 
bewegte Materie und um Kräfte, welche die Bewegungen 
hervorbringen: daneben gibt es jetzt Innenzustände, 
psychische Elemente, zwar stets an die Materie ge- 
bunden, aber durchaus verschieden von ihren quantitativ 
bestimmbaren Bewegungs- und Lagerungsverhältnissen. Was 
der materialistische Haeckel aus den letzteren ableiten 
wollte: hier tritt es als etwas Primäres, ursprünglich mit 
der Materie zugleich Gegebenes auf. Erklärt wird nichts 
durch Annahme beseelter Atome; es wird nur zugestanden, 
daß hier nichts weiter zu erklären ist, daß alles 
Psychische etwas Letztes ist, aus den äußeren Verhältnissen 
der Atome und ihren Komplikationen nicht ableitbar. Ist 
dem so, dann bleibt eben für Haeckel als einzige Rettung 
nur übrig, an jedem Atom zweieriei zu unterscheiden: die 
Außenseite und die Innenseite, jene das Materielle, diese 
nicht etwa nur bewegende Kraft, sondern qualitativ ver- 
schiedene Innenzustände. 

Damit fällt aber auch jeder Anlaß fort, in der organischen 
Welt, speziell bei den höher entwickelten Tieren und Men- 
schen, die psychischen Erscheinungen aus der Materie und 
ihren feineren Bewegungen resp. komplizierten Lagerungs- 
verhältnissen abzuleiten. Es liegt dann viel näher, diese 
Phänomene als Glieder einer langen Kette zu betrachten, die 
von den einzelnen Atomseelen und deren Innenzuständen 
kontinuierlich bis zum hochentwickelten Bewußtsein des 



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_ 79 

Genies reicht. Es würde also kein Kausalzusammenhang 
zwischen Psychischem und Physischem bestehn, sondern maa 
müßte am All zwei Entwicklungsreihen unterscheiden, die 
einander ewig parallel gehen, von denen aber keine je in 
die andere übergreift. In der einen gäbe es nur Innenzu- 
stände, nur Erscheinungen psychischer Art, in der andern 
nur Bewegungsvorgänge, Lageänderungen etc; dort quali- 
tative, hier nur quantitative Unterschiede. 



Zweiter Abschnitt. 

Die Theorie der Allbeseelung und des psycho-phy- 
sischen Parallelismus als Grundlage des wahren 

Monismus. 

Und so wären wir denn bei dem echten Spinozis- 
mus angelangt. In seiner Weltanschauung ist wirklich 
jene Einheit von Körper und Geist vorhanden, die für Haeckel 
das Ziel der Sehnsucht bildet, die aber in seinem Materialis- 
mus einer Unterordnung gewichen ist, bei der das Psy- 
chische zu kurz kommt Hätte er mit dem Gedanken der 
Allbeseelung Ernst gemacht, dann wäre er das geworden, 
was er mit Unrecht zu sein behauptet: ein modemer Spi- 
nozist. 

a) Spinoza. — Weltbild des universellen 
Parallelismus. 

Solche Leute sind in unsem Tagen gar nicht selten. So 
wunderbar es manchen vielleicht zunächst anmutet: der alte 
Denker des 17. Jahrhunderts, den eine ganze Welt von uns 
zu trennen scheint, ist in gewisser Beziehung ein durchaus 
modemer Mann. Zwar seine Methode, seine Beweise, seine 
Darstellungsart ,more geometrico*: das alles muß heutzutage 
aufgegeben werden. Auch in vielen Einzelheiten wird man 
von ihm abweichen. Aber der Pantheismus ist nicht ohne 
Gmnd als Religion der Gebildeten bezeichnet worden. Und 



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80 

zu psycho-physischem Parallelismus und Allbeseelung drängt 
es nicht nur Philosophen wie Fechner, Wundt, Paulsen und 
andere, sondern zum Teil auch Naturforscher wie v. Nägeli 
und Fr. Zöllner. 

In einer Beziehung freilich wird der Parallelismus heut- 
zutage anders aufzufassen sein als zu Spinozas Zeit Letzterer 
stellte cogitatio und extensio als die beiden für uns allein 
wahrnehmbaren Attribute der einen unendlichen Substanz 
hin. Und unter extensio verstand er körperliche, materielle 
RaumerfOUung. Ist man, wie wir sahen (S. 71—73), ge- 
zwungen, nicht nur die sogenannten sekundären Eigen- 
schaften, sondern auch unter den primären alle diejenigen, 
welche von dem Begriff der Materialität unzertrennlich sind, 
für rein subjektiv, für bloße Erzeugnisse unserer mensch- 
lichen Organisation zu halten: so wird man mit dem Be- 
griff »Ausdehnung« besagen wollen, daß die kleinsten Ele- 
mente einen Raum einnehmen nicht dadurch, daß sie seine 
Teile mit ihrer Materialität erfüllen, sondern dadurch, daß 
sie vermöge ihrer Kraftwirkungen jedes andere Element von 
diesem Raum in seinem ganzen Umfang ausschließen. 

Danach würde sich also etwa folgendes Weltbild er- 
geben. Der unendliche Raum ist erfüllt von unendlich vielen^ 
Kraftzentren, die so unendlich klein zu denken sind, daß 
dem Bedürfnis der Naturwissenschaft nach Zerlegung der 
zusammengesetzten Gebilde in kleine und kleinste Elemente 
für immer volle Befriedigung gewährleistet ist. Jedes Kraft- 
zentrum hat eine bestimmte Lage im Raum, nimmt einen 
gewissen Teil desselben durch seine Kraftwirkungen ein und 
steht mit den übrigen Kraftzentren, die es von eben jenem 
Raumteil ausschließt, in durchgängigem Kausalzusammenhang. 
Derselbe kommt in gesetzmäßigen Bewegungen und Lage- 
änderungen zum Ausdruck, die ihrerseits wieder Wirkungen 
der bewegenden Kräfte des Kraftzentrums sind. Zugleich 
ist jedes Kraftzentrum Träger von Innenzuständen, die unter 
sich unendlich verschieden sind. Die Innenzustände der 
Kraftzentren, die das ,Ding an sich* meines Schreibpapieres 



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81 

oder meiner Tinte ausmachen, werden sicherlich von meinem 
Denken, Fühlen und Wollen durch eine solche Kluft ge- 
trennt sein, daß ich mir von ihrer Art durchaus keine Vor- 
stellung mehr machen kann. Aber die Unterschiede sind 
doch nur als graduell zu denken; auch jene Innenzustände 
sind immer noch psychischer Natur und den meinen un- 
endlich viel verwandter, als jede noch so feine und schnelle 
Bewegung, als jedes noch so komplizierte Lagerungsver- 
hältnis. Auch diese Innenzustände stehn miteinander in aus- 
nahmslosem Kausalzusammenhang, und zwar entspricht der- 
selbe durchweg dem der äußeren Reihe: beide gehen ein- 
ander parallel. 

Bei dieser Weltanschauung ist sodann nichts im Wege, 
die Innenseite der Welt als das eigentlich Bedeutungsvolle 
anzusehn; das also, was beim Menschen zweifelsohne der 
Fall ist, auf das ganze All zu übertragen. Die Hauptsache 
sind dann die inneren Beziehungen, in denen die Kraft- 
zentren zueinander stehn. Äußeriich spiegeln sich dieselben 
in Lageverhältnissen wider, ebenso wie ihre Veränderungen 
in Bewegungen. 

b) Aufgabe und Grenzen der Natur- 
wissenschaft. 
Vermöge unserer besonderen Organisation erscheint uns 
die äußere Seite der Welt in Gestalt körperiicher Dinge, die 
tönen, leuchten, Farbe, Geschmack, Geruch, Härte oder 
Weiche haben. Mit ihnen allein hat die Naturwissenschaft zu 
tun: also nur mit der äußeren Seite der Welt, wie sie un- 
serem Intellekt erscheint. Die Innenseite ist dem Menschen 
nur an einem Punkt erreichbar: in seinem eignen Innern. 
Alle Annahme sonstiger Innenzustände, und sei es bei seinem 
nächsten Bekannten, beruht auf Analogieschlüssen. Gegeben 
sind uns allein Bewegungen im Raum um uns her: aus der 
Tatsache, daß gewisse unserer Innenzustände von bestimmten 
Bewegungen unseres Körpers oder unserer Gesichtszüge 
begleitet sind, schließen wir, daß ebendenselben Bewegungen 

A dickes, Kant contra Haeckel. 2. Aufl. 6 



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; 82 

an anderen Personen dieselben oder wenigstens ähnliche 
Innenzustände entsprechen werden. 

In uns also haben wir den Schlüssel zur Welt: das 
hat Schopenhauer klar und richtig erkannt, so phantastisch 
die weiteren Spekulationen sind, die er an diesen Gedanken 
knüpfte. Die Naturwissenschaft vermag nie und nimmer in 
das Innere der Welt zu dringen. Sie muß sich daran ge- 
nügen lassen, die äußere Schale zu erforschen. Ihre Auf- 
gabe ist, das ganze Sein und Oeschehn in der Körperwelt 
auf Bewegungen und Spannungszustände zurückzuführen, 
oder mit anderm Ausdruck: auf Umsetzungen der kine- 
tischen resp. potentiellen Energie. Mit Maß, Zahl und Ge- 
wicht sucht sie der Außenseite der Welt beizukommen und 
deren Verhältnisse im Größten wie im Kleinsten genau zu 
berechnen. Das Ideal der Naturwissenschaft — unerreichbar 
wie nur je ein Ideal — wäre der Besitz einer Weltformel, 
in der Lage, Bewegungsart und Bewegungsgesetz jedes 
Kraftzentrums bestimmt ist Auf Grund dieser Formel, die 
alles körperliche Sein umfassen würde: anorganische wie 
organische Gebilde, könnte der Naturforscher den Zustand 
der Erde berechnen, in dem das erste Plasma entstand; er 
könnte in die Femen der Zukunft sehn und feststellen, wann 
der letzte Mensch durch Frost oder Hitze oder wer weiß 
was für andere Mächte zu Grunde geht 

Aber nur Bewegungen und Spannungszustände sähe 
er. Von einer Innenseite würde ihm nichts kund. Was der 
letzte Mensch dächte, ja! ob er überhaupt dächte: seine Welt- 
formel verriete ihm nichts darüber. Er müßte schon ins 
eigene Innere schaun, und die psychischen Vorgänge, die 
er dort wahrnimmt, durch Analogieschluß auf den letzten 
seinesgleichen übertragen. 

Der Naturwissenschaftler als solcher steht der Innenseite 
der Welt ebenso Verständnis- und hilflos gegenüber wie ein 
Eskimo, den man in ein Telegraphenbureau führt: der hört 
zwar das Klappern der Instrumente, sieht wie auf dem Pa- 
pier Zeichen sich eingraben ; aber damit ist der Vorgang 



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83 

auch für ihn erschöpft DaB ein tiefer Sinn in diesen Zeichen 
li^ weiß er nicht und kann er nicht wissen. 

Der Naturwissenschaftler wäre also in einer noch übleren 
Lage als der Taube, der aus Versehn in einen Konzertsaal 
gerät. Dieser ahnt doch, daß die wunderbaren Bewegungen 
der Gesichtsmuskeln und die Manipulationen mit allerlei In- 
strumenten Sinn und Bedeutung haben. Jenem dag^en 
würden die besten Methoden und die reichsten naturwissen- 
schaftlichen Kenntnisse auch nicht die leiseste Andeutung 
davon geben, daß sein Weltbild nur die eine, und zwar 
die unwichtigere Hälfte der Wirklichkeit umfaßt Es sei denn, 
daß er in sein eigenes Innere blicke und dort das finde, 
was er überall anderwärts vergeblich suchen würde. 

c) Der universelle Parallelismus führt zu einem 
wirklichen Monismus. 

Er leugnet jeden Kausalzusammenhang zwischen Psy- 
chischem und Physischem, hält es also auch für ganz un- 
möglich, ersteres aus letzterem abzuleiten. Es handelt sich 
um zwei durchaus getrennte Reihen, die in alle Ewigkeit 
nicht ineinander übergreifen; aber doch auch wieder nicht 
um getrennte Dinge, sondern um eine doppelte 
Seinsweise derselben Dinge und derselben Vorgänge. 
Sie sind einmal für sich und haben zueinander innere Be- 
ziehungen: das ist die psychische, die Innenseite. Sie stehn 
anderseits in äußeren (räumlichen, Lage-) Verhältnissen zu- 
einander: von dieser Seite erscheinen sie uns Menschen als 
ein System körperlicher, bewegter Gegenstände. Im Grunde 
sind die beiden Seiten eins, die Reihen gehen einander pa- 
rallel. Oder mit einem oft gebrauchten Bilde: es ist wie mit 
einem Kreise oder einer Kugelschale: von innen erscheinen 
sie konkav, von außen konvex ; es ist ein und dasselbe Ding, 
oder ein und dieselbe mathematische Form, die sich zwie- 
fach, in so ganz verschiedener Weise, darstellt 

Haeckel blieb hinsichtlich der konstituierenden Elemente 
des Weltalls bestenfalls in einem Dualismus stecken: Materie 



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84 

und Kraft zwar immer mitanander vereinigt, nie eins ohne 
das andere, aber auch immer zwei, nie eine Einheit; nur 
in einem Dritten hätten sie eins sein können. Beim Paraile- 
lismus ist es anders. Bewegungen und Innenzustände, Aus- 
dehnung und Bewußtsein sind nicht nur nie das eine ohne 
das andere, sie sind auch im Gründe eins, insofern sie 
korrelative Äußerungs- oder Wirkungsweisen oder Attribute 
eines und desselben zugrunde liegenden einheitlichen Etwas 
sind. Derselbe Vorgang, dasselbe Ding offenbart sich in 
doppelter Wase: von innen als Gefühl, Wille, Empfindung, 
Gedanke, von außen als Ausdehnung, Bewegung, Spannungs- 
zustand. Was dies Ding oder Etwas seinem tiefsten Wesen 
nach ist, bleibt uns unbekannt Möglich, daß es weder Aus- 
dehnung-Bew^ung noch Bewußtsein »ist«, sondern in beiden 
nur sein noch tiefer liegendes »Wesen ausdrückt«. Möglich 
aber auch — und ich sehe nichts, was dieser Annahme 
widerspräche — daß es sowohl Ausdehnung-Bew^ung als 
Bewußtsein wirklich »ist«, während uns Menschen in jedem 
Einzelfall immer nur eine seiner Off enbarungs weisen ent- 
gegentritt: in der gesamten Außenwelt (inkJ. unseres Ge- 
hirns) nur Ausdehnung-Bewegung, in der eignen Innenwelt 
nur Bewußtseinszustände. 

Zu fragen: warum jenes Etwas sich in dop pelter 
Weise manifestiert? war um beide Entwicklungsreihen ein- 
ander parallel gehn? oder zu verlangen, daß man die Not- 
wendigkeit solcher Manifestation und Parallelität erkläre, 
hat natürlich ebenso wenig Sinn, als wenn man fragte: 
warum die Welt ist? und warum gerade so, wie sie ist?, 
oder als wenn man verlangen wollte, daß einem die Not- 
wendigkeit der einzelnen Naturgesetze, etwa der Fallge- 
setze, aufgezeigt, oder daß begreiflich gemacht werde, warum 
wir gewisse Luftschwingungen mit Notwendigkeit ge- 
rade als Töne wahrnehmen; oder als wenn man vom Dua- 
listen eine Erklärung dafür forderte, weshalb das Univer- 
sum (wie er meint) zwei verschiedene Arten von Sub- 
stanzen umfaßt: materielle und immaterielle. 



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85 

Wissenschaft wie Weltanschauung können stets nur 
darauf ausgehn, Wirklichkeiten und deren Zusammenhänge 
zu konstatieren oder hypothetisch zu konstruieren. Warum 
diese Wirklichkeiten im ganzen wie in ihren Teilen letzten 
Grundes so und nicht anders sind: das einzusehn geht 
weit über menschliche Geisteskräfte hinaus. 

d) Die Allbeseelung keine Phantasterei, sondern 
eine berechtigte Hypothese. 

Ein Einwand schwebt wohl manchem Leser auf den 
Lippen: dieser universelle Parallelismus mit seiner Allbesee- 
lung ist doch nur ein, wüstes Phantasma, das in unserer 
Zeit kühler Naturbetrachtung billigerweise keinen Anklang 
finden sollte. 

Aber nein ! die Allbeseelung ist nicht ein wirrer Traum, 
die Tatsachen selbst weisen auf sie hin, oder besser: eine 
Tatsache, die für mich die Urtatsache ist: mein Bewußt- 
sein. Woher stammt es? Der Materialist machte sich jede 
Antwort unmöglich, indem er den Schöpfer vom Geschöpf, 
aus dem Werk den Meister ableiten wollte. Der Dualismus 
läßt den Knoten ungelöst, indem er, statt die Genesis des 
Bewußtseins zu erklären, nur einfach sein Dasein behauptet. 
Der Spiritualismus zerhaut den Knoten, statt ihn zu lösen. 
Bleibt also allein der parallelistische Monismus; auch er 
bringt zwar keine konkrete, bis ins Detail hinein anschau- 
liche Lösung, aber er gibt doch wenigstens ein Erklärungs- 
prinzip an die Hand. 

Er ist viel weniger spekulativ als der Materialismus, ja ! 
man kann sagen: seine Größe besteht in seiner Bescheidenheit 
Der Materialist versucht das Bewußtsein aus etwas zu er- 
klären, was nicht Bewußtsein ist. Der Monist resigniert, 
weil er die Unmöglickeit dieses Versuchs klar erkennt. Und 
da er seiner Natur nach eine Wechselwirkung zwischen 
ganz verschiedenen Substanzen oder Daseinsweisen nicht 
anzunehmen vermag, so gibt es für ihn nur eine Rettung: 
die Allbeseelung. Indem er sie annimmt, will er im Grunde 



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86 

gar nichts erklären, sondern nur seine Unfähigkeit zur Er- 
klärung eingestehn. Er sagt: unser Bewußtsein aus etwas 
ganz Andersartigem, wie Bew^ung und Ausdehnung, abzu- 
leiten, ist unmöglich; will man also nicht behaupten, daß 
es plötzlich durch ein Wunder in eine vorher bewußtlose 
Welt hinanversetzt ist, so bleibt nur die Hypothese oder 
der Glaube übrig, daß alles in der Welt beseelt ist und daß 
eine kontinuierliche Entwicklung von den dumpfesten Innen- 
zuständen bis zu unserm hochentwickelten Bewußtsein fuhrt 
Und ebenso der einzelne Bewußtseinsvorgang: kann er 
nicht aus Materie und Bew^ung abgeleitet werden, vermag 
man sich anderseits zu der (für monistische Oeistesrichtung 
mit unüberwindlichen Schwierigkeiten verknüpften) Vor- 
stellung einer psychophysischen Wechselwirkung nicht zu ent- 
schließen, so muß er als Glied eines universellen psychischen 
Kausalzusammenhanges betrachtet werden. Hör ich es an 
die Tür klopfen und rufe »Herein«, so spielt sich eine 
doppelte Reihe von Vorgängen ab, in denen je zwei Glieder 
sich immer ganz genau entsprechen. Schallbewegungen 
treffen meinen Hörapparat, Molekularbew^ungen pflanzen 
sich in das »Ding an sich« meines Gehirns fort, wo sie in 
streng gesetzmäßiger Weise verlaufen und — je nach ihrer 
Beschaffenheit — diese oder jene Ganglienzellen in Tätigkeit 
versetzen, die besonders reich sind an potentieller Energie; 
motorische Nerven bewegen gewisse Muskelgruppen, die 
Sprachwerkzeuge treten in Funktion, und der draußen 
Stehende — hört nicht etwa das »Herein« (denn das wäre 
etwas Psychisches! und wir sind hier durchaus auf Be- 
wegungsvorgänge beschränkt!), sondern — wird seinerseits 
von gewissen Schallbewegungen getroffen, in dem »Ding 
an sich« seines Gehirns wiederum ein Spiel von Molekular- 
bewegungen, und der schließliche Erfolg: er öffnet die Tür. 
Das ist die eine Reihe von Vorgängen. Die andere ist 
rein psychischer Art; in sie kann sich so wenig ein Be- 
wegungsvorgang einmischen, wie in jene ein psychisches 
Element. Bei ihr handelt es sich um Innenzustände und um 



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87 

deren innere Beziehungen. Und zwar kommen die Innen- 
zustände der sämtlichen an dem Prozeß beteiligten Kraft- 
zentren und Organismen in Betracht Nicht also die Mole- 
kularbewegungen im Gehirn sind die Ursache der Hör- 
empfindung, sondern das kausale Prius der letzteren ist die 
Reihe von Innenzuständen, die dem äußeren Tun des Klop- 
fenden und den Bewegungen der Luft entspricht. Die 
Molekularbew^ungen im »Ding an sich« des Gehirns (resp. 
einige derselben) sind nur die andere Seite, die Außenseite 
der Hörempfindung. Sie sind der Konvexität des Kreises 
zu vergleichen, die Empfindung seiner Konkavität. 

Gegen diese parallelistische Betrachtungsweise ist der 
Einwand erhoben, daß sie »die einfachste Wahrnehmung für 
uns unverständlich mache« (O. KQlpe: Einleitung in die 
Philosophie 3. Aufl. S. 212). Ich antworte mit der Frage: 
ist denn die Vorstellung, daß Bewegungen im Raum, quan- 
titativ meßbar und auch nur quantitativ voneinander ver- 
schieden, weil ineinander überführbar, in unserer Psyche 
die unermeßlich reiche Welt von Bewußtseinszuständen in 
ihrer ganzen qualitativen Mannigfaltigkeit hervorrufen, irgend- 
wie »verständlicher« ? Wäre es denn nicht im höchsten Grade 
seltsam und befremdend, wenn Bewegungen und immer 
wieder nur Bewegungen uns das eine Mal als Töne, das 
andere Mal als Farben, dann wieder als Gerüche oder Tast- 
oder Temperatureindrücke zum Bewußtsein kämen? Wäre 
es nicht mindestens ebenso »verständlich«, daß Be- 
wegungen wie in der anorganischen Natur, so auch in 
unserem psychophysischen Organismus immer nur Be- 
wegungen nach sich ziehen können, während das kausale 
Prius für unsere Empfindungen in irgend welchen psychi- 
schen Vorgängen zu suchen ist, die jenen äußeren Bewe- 
gungen parallel gehn? Dann wären Ursache und Wirkung 
doch verwandt und wesensähnlich und ein Zusammenhang 
zwischen ihnen eher begreiflich. »Aber«, wirft die Gegen- 
seite ein, »jene psychischen Parallelvorgänge sind doch 
,gänzlich unbekannt und werden nur ,vorausgesetzt'« ? (Külpe 



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88 

a, a, O. S. 213). Freilich! Liegt die Sache aber bei den 
Bew^ungsreizen anders? Ist nicht, vom Standpunkt der 
Wissenschaft aus, auch da »gänzlich unbekannt«, was ihnen 
etwa als ivtmg üv entsprechen mag? Wird nicht auch hier 
vom Dualismus ohne jeden Grund »vorausgesetzt«, daß das 
sich Bewegende nur materieller Art sei und nicht auch zugleich 
psychischen Charakter trage? Den erkenntnistheoretischen 
Ausgangspunkt muß ja doch die Empfindung bilden. Ge- 
geben ist sie uns aber nur als unser Bewußtseinszustand^ 
Ober ihre Ursache sagt sie nichts aus, weder über affizierende 
Bewegungsvorgänge noch über diesen parallel gehende 
psychische Vorgänge. Erst auf Umwegen, durch Kombi- 
nation der Aussagen mehrerer Sinne, kommen wir über- 
haupt zur Annahme von Bewegungsreizen. Und auch 
dann sind sie wirklich, sind sie gegeben nur als Bewußt- 
seinsinhalte, nicht als Bewußtseins erreg er; in dieser 
letzteren Eigenschaft werden sie stets nur erschlossen 
(vgl. S. 55). Ist aber das der Fall, ist das eigentliche Wesen 
jener Reize (als Dinge an sich) der Wissenschaft ganz unzugäng- 
lich wie das Transzendente überhaupt, dann stehen die beiden 
Annahmen des Dualismus und Parallelismus (von Kants und 
Fichtes Ansichten ganz zu schweigen) einander als ob- 
jektiv völlig gleichberechtigt gegenüber: es ist möglich, daß den 
Reizen auch im Reich der Dinge an sich nur Bewegungen 
entsprechen; es ist aber auch möglich, daß im eigentlich 
Seienden diesen Bewegungen stets und überall psychische 
Vorgänge parallel gehn. Die Wissenschaft kann hier nichts 
ausmachen, es entscheidet die Gesamtweltanschauung des 
einzelnen und in ihr, durch sie die individuelle Lebenstendenz 
und ursprüngliche Willensstellung. 

Und diese subjektiven Faktoren drängen den Monisten 
mit Macht zur Theorie der Allbeseelung. Eine Erklärung 
im einzelnen — ich betone es noch einmal — kann und 
will diese letztere nicht geben. Sie will nur konstatieren: 
im Bewußtsein liegt ein Ursprüngliches, Unerklärbares vor, 
ein Etwas, das auf nichts anderes zurückgeführt und aus 



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89 

nichts anderem abgeleitet werden kann, als aus dem 
was es selbst ist. Und wie in der Körperwelt das Kom- 
plizierte sich aus Einfachem aufbaut: so, nehmen wir 
an, wird es auch in der geistigen Welt der Fall sein. Auch 
den unorganisierten Verbindungen von Kraftzentren, ja! den 
letzteren selbst, in völliger Vereinzelung gedacht, werden 
Innenzustände zukommen, von deren Beschaffenheit wir uns 
freilich gar keine Vorstellung machen können. Im Einzelfall 
mit diesen Innenzuständen von durchaus problematischem 
Charakter etwas erklären zu wollen, wäre vermessen und 
töricht. Kein Mensch wird von ihnen je direkte Kenntnis 
erhalten; aber alles Psychische außer uns wird ja nur 
auf Grund von Analogieschlüssen von uns angenommen, 
nie direkt beobachtet. Und von jenen Elementen des Psy- 
chischen kann zwar keiner sicher wissen, ob sie wirk- 
lich vorhanden sind oder nich4; sicher ist aber, daß es 
nur ein Entweder — Oder gibt: entweder man erkennt 
ihre Existenz an und schafft damit wenigstens eine prinzipielle 
Erklärungs möglichkeit der Bewußtseinserscheinungen 
oder man verzichtet auf jede Ableitung und Erklärung 
und bekennt sich, was den einzelnen Bewußtseinsvorgang 
betrifft, zu der Theorie der Wechselwirkung. Dann geht 
aber ein Bruch durch das All, es klafft auseinander in zwei 
ganz getrennte Welten. 

Also entweder Dualismus: dann ist sowohl das 
erste Auftreten des Psychischen überhaupt als jeder 
einzelne Bewußtseinsvorgang i n u n s etwas schlechthin Un- 
begreifliches ; und es sind die völlig im Recht, welche 
glauben, auf göttliche Schöpferkraft und prästabilierte Har- 
monie rekurrieren zu müssen. Oder aber Monismus: 
dann wird das, was beim Dualismus nur ein relativ seltener 
Ausnahmefall ist: Existenz des Psychischen, zur Regel. Die 
erste Entstehung des Psychischen kann dann kein Problem 
mehr sein, wenigstens kein größeres als die Entstehung des 
Alls überhaupt; denn das ganze All ist dann psychisch, 
ebenso wie es räumlich ist. Und wem es keine Schwierig- 



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90 

katen bereitet, die Ewigkeit der Welt, der Bewegung 
anzunehmen, der wird auch vor der Ewigkeit des Psychi- 
schen nicht zurückschrecken. Er sieht in ihm das eigentlich 
Wesentliche an jedem Ding und Vorgang: und natürlich 
kann er sich dann keinen Punkt und keine Zeit in der Ent- 
wicklung des Alls denken, wo nicht Psychisches vorhanden 
gewesen wäre. 

e) Bedeutung des Psychischen. Monismus 
und Religion. 

Dadurch gewinnt das Psychische eine ganz andere Be- 
deutung, als ihm bei Haeckel und überhaupt beim Materialis- 
mus zukommt 

Es ist nicht mehr dem »kurzen Spiel einer Eintagsfliege« 
vergleichbar, ist nicht mehr eine etwas sonderbare Ausnahme- 
erscheinung: sondern in ihm offenbart sich uns das tiefste 
Wesen der Welt. Nur von ephemerem Dasein ist die Materie, 
denn die ganze Körperlichkeit ist ein Produkt unserer 
spezifischen geistigen Organisation. Das Ende der letzteren 
wäre auch das Ende der Materie, nicht dagegen des Psychischen 
überhaupt : so wenig man sich dessen Anfang denken kann, 
ebensowenig sein Aufhören ; es ist ewig nach rückwärts wie 
nach vorwärts. 

Die Außenseite des Alls ist zwar ebenso real wie die 
Innenseite, aber sie zeigt eben »nur« das Äußere. Und wie 
mir am Menschen die Mienen nicht von solcher Bedeutung 
sind wie das was sie zum Ausdruck bringen, wie mir die 
Laute der Sprache gleichgültig wären, läge nicht ein tieferer 
Sinn in ihnen: so ist es mit dem ganzen Universum. Nur 
weil es — im ganzen wie in den einzelnen Teilen — 
psychischer Art ist, kann es Sinn und Bedeutung haben, 
kann es Ziele und Zwecke, Entwicklung und Wertunterschiede 
in ihm geben, kann ich zu ihm in einem persönlichen 
Verhältnis stehen. 

Für den Materialismus — und damit auch für Haeckel — 
können religiöse Stimmungen und Gefühle nichts als Illusionen 



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^^^ ^ 91 

sein. Für den Monisten haben sie einen wirklichen Gegenstand, 
auf den sie sich richten: das All. Ein »All« kennt Haeckel 
nicht, das Wort kann ihm nur leerer Schall sein. Denn 
solange bewegte Materie und bewegende Kräfte das einzig 
Existierende sind, fehlt es an jedem inneren Zusammenhang. 
Ein bloßes räumlich-zeitliches Nebeneinander, durch den 
Kausalzusammenhang in äußere Verbindung gebracht: das 
ist die Welt des Materialisten. Für den Monisten hat dies 
Außen noch ein Innen. Sein geistiges Auge schaut, »wie 
alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern wirkt und 
lebt«. Und nichts hindert ihn, auch dem Ganzen ein 
Innenleben beizulegen. Beweisen kann er es nicht: es ist 
sein Glaube, aber ein Glaube, der für ihn persönlich der 
sichersten naturwissenschaftlichen Erkenntnis an Evidenz 
nicht im geringsten nachzustehen braucht. Und für diesen 
seinen Glauben ist das All, obwohl unendlich, doch ein 
Organismus, und wie jedem Organismus kommt auch ihm 
Einheit des psychischen Lebens zu. 

Wie dies Leben zu denken sei: er wird nicht wagen, 
darüber eine Meinung auszusprechen, ja er wird nicht einmal 
wagen, es sich auch nur irgendwie auszumalen. Unser In- 
tellekt hat nur mit Endlichem zu tun: den Begriff des Unend- 
lichen kann er wohl fassen, er kann auch glauben, das Un- 
endliche schließe sich zu einer Einheit inneriich zusammen, — 
aber weiter geht seine Kraft nicht. Nur das eine wird er anzu- 
nehmen geneigt sein, daß wie das Unendliche alles Endliche 
in sich faßt und also über alles Endliche ist, so auch sein 
Innenleben sich weit über das unsrige und über jedes von uns 
vorstellbare erheben werde. Und wie es unser Streben ist, in 
unserm individuellen Sein die Vernunft zur Herrschaft zu 
bringen, so — dürfen wir hoffen und glauben — steht auch 
die Entwicklung des Alls unter dem Zeichen der Vernunft 
Ist es in seinem innersten Wesen Geist, so wird es auch in 
seinem innersten Wesen Vernunft sein. Wir können an eine 
Höherentwicklung glauben, an ewigen Fortschritt, können 
hoffen, daß unsere moralischen Werte auch die des Alls 



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92 

sind, daß unser Streben und Laden im Dienst des Outen 
nicht vergeblich ist, daß Märtyrerblut nicht umsonst fließt 
und die Schöpfungen des Oenies für alle Ewigkeit ihre Be- 
deutung* behalten. 

Mit einem Wort : in der Weltanschauung des Monisten 
ist Raum für die Religion (in der Form des Pantheismus). 
Bei Haeckel ist es bloß eine leere Phrase, wenn er die Einheit 
von Oott und Natur behauptet, denn für ihn gibt es nichts, 
was man ein Recht hätte als Gott zu bezeichnen. Ffir den 
Monisten kann das All Oott sein, denn es ist in sich eins, 
er kann es lieben und verehren, sich ihm vertrauend hingeben 
und aus dem Oedanken an das Oanze, an das Unendliche, 
Kraft und Fülle des Lebens schöpfen. 

Auch in diesem Punkt tritt also die Überlegenheit des 
wahren Monismus über Haeckels Materialismus klar hervor. 

Nur eine Frage bleibt noch übrig: wie steht es mit 
der »natürlichen Entwicklung«? 



Dritter Abschnitt. 

Der wahre Monismus und die natürliche 
Entwicklung. 

Und damit kommen wir zu dem punctum saliens. 
Ließe Haeckel sich selbst anderswo zu Zugeständnissen 
bewegen : hier hat er sich bis an die Zähne verschanzt und 
wird seine Position nicht aufgeben. Der größere Teil der 
»Welträtsel« und »Lebenswunder« dient dem Nachweis, daß 
auf allen Oebieten das Evolutionsprinzip siegreich ist, dass es 
nirgends in der Welt eine Kluft in der Entwicklung gibt, die 
nur durch übematüriiche Einwirkungen überbrückt werden 
könnte. Diese Ausführungen sind das einzig Wertvolle an den 
Büchern. In ihnen ist, wie vom deutschen Vorkämpfer des 
Darwinismus nicht anders erwartet werden kann, mit großer 
Umsicht von allen Seiten her das Material zusammengetragen. 
Freilich fehlt auch hier jener Dogmatismus nicht, der es 



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93 

verimit hat, zwischen Tatsachen und Theorien zu unter- 
scheiden, und der damit des kritischen Maaßstabes für die 
Zulässigkeit und Gültigkeit seiner Hypothesen verlustig 
g^[angen ist 

a) Generatio aequivoca und kontinuierliche 

Entwicklung als Postulate der 

Naturwissenschaft 

Zunächst muß ich Haeckel darin unbedingt beistimmen : 
generatio aequivoca des Organischen aus dem Anorganischen 
und gesetzmäßige Entwicklung in der organischen Reihe 
(Evolution der höheren komplizierten Organismen aus ein- 
facheren) sind zwei Forderungen, von denen die Natur- 
wissenschaft nicht ablassen kann, ohne sich selbst und ihr 
wichtigstes Prinzip: den einheitlichen Kausalzusammenhang 
aufzugeben. Der überzeugungstreue Theist mag an Wunder 
glauben; ist sein Glaube echter Art, so ist er durch Gründe 
nicht widerlegbar. Aber der Naturwissenschaftler!? In seinem 
Gebiet, der körperiichen Erfahrungswelt, darf und kann er 
nichts Übernatürliches zulassen. Sei es auch ein noch so 
kleines unscheinbares Wunder: das Prinzip ist durchbrochen, 
und damit der Willkür, phantastischen Hoffnungen Tür und 
Tor geöffnet. Mag das Wunder auch Jahrmillionen zurück- 
liegen: das Vertrauen zur Natur wäre geschwunden. Denn 
warum sollten nicht in künftigen Tagen übematüriiche Ein- 
griffe sich wiederholen, warum nicht schon jetzt in der Feme 
des Weltalls? Und weiter! Was dem einen recht ist, ist dem 
andern billig. Hat man Gottes Eingreifen nötig, um sich die 
erste Entstehung des Organischen erklären zu können: warum 
sollte der Theist nicht gerade so gut der Wunder bedürfen, 
um sich die Schicksale seines Lebens zu erklären? Warum 
sollte er nicht glauben und behaupten, ihm und seinem herz- 
lichen Flehen zu Liebe habe Gott den Bann der Krankheit 
gebrochen oder das Herz seines Feindes zur Versöhnung ge- 
lenkt? Nein! ist der Naturwissenschaftler einmal auf der 
schiefen Bahn, so gibt es kein Halten mehr. Glaubt er die 



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g4 

Welt oder den ersten organischen Keim von Oott geschaffen, 
dann hat er auch keinen Orund, zu bezweifeln, daß die 
Mauern von Jericho durch den Schall der Posaunen fielen, 
daß Jesus zu Kana Wasser in Wein verwandelte und Lazarus 
auferweckte, daß Oott die Welt, die er schuf, am jüngsten 
Tag im Feuer vernichten wird. 

Womit durchaus nicht geleugnet werden soll, daß dieser 
oder jener einzelne Naturwissenschaftler für seine Person 
das eine behaupten und das andere bestreiten kann. Ich 
sage nur: tut er jenes, so ist er zu diesem nicht berechtigt 
Konsequenz des Denkens und Billigkeitserwägungen fordern, 
daß er andern dieselben Rechte zuspricht, die er für sich 
fordert. — Und wenn man nun die Möglichkeit von Wundem 
offiziell zugäbe? Die Naturwissenschaft ginge nicht daran 
zugrunde, so wenig wie zu Galileis und Newtons Zeit 
Auch fernerhin folgte noch Entdeckung auf Entdeckung, 
Erfindung auf Erfindung, ganz wie bisher. Fehlen würde 
aber die Konsequenz und Einheitlichkeit in der Orundan- 
schauung; durch die Fundamente ginge ein Bruch. Und 
keiner, der sein Augenmerk auf die Methoden und Prinzipien 
richtet, könnte der Naturwissenschaft und ihrer Fortschritte 
so recht froh werden. 

Soweit befinde ich mich mit Haekel in völligem Ein- 
verständnis, nun kommt aber die Differenz. Haeckel will 
die erste Entstehung sowohl als die ganze Evolution der 
Organismen bis zum Menschen hinauf mit seinem hoch- 
entwickelten Geistesleben nur aus chemisch-physikalischen 
Kräften mechanisch »erklären«. Ich glaube weder, daß diese 
Ansicht durchführbar ist, noch daß es ohne sie keinen wahren 
Monismus geben kann. 

b) Haeckels Kryptovitalismus. 

Zum Beweis für meine erste Behauptung kann ich mich 

auf die »Welträtsel« und »Lebenswunder« selbst berufen» 

Das Wollen hat Haeckel wohl, aber mit dem Vollbringen: 

mit der wirklichen Erklärung aus den elementaren Natur- 



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95 

kräften ist es nicht weit her. An Stelle der letzteren treten 
bei der Einzelausführung sehr bald komplizierte psychische 
Faktoren. 

Daß die Atomseelen mit chemisch-physikalischen Kräften 
keinerlei Ähnlichkeit haben, sahen wir. Noch größer wird 
der Unterschied, wenn die Atome sich zum Protoplasma 
ordnen, dem überall »die ersten Elemente des Seelenlebens« 
zuzuschreiben sind: »die einfache Empfindungsform der Lust 
und Unlust, die einfache Bewegungsform der Anziehung und 
Abstoßung« (W. 125 K. 67). Und wenn nun gar »dem 
bauenden Plasma die Fähigkeit der Vorstellung, und zwar der 
besonderen Reproduktion des plastischen Distanz -Gefühls« 
zugesprochen wird, weil es andernfalls unverständlich wäre, 
wie bei den 4000 Radiolarien- Arten je ei n e höchst einfach ge- 
staltete Zelle die ihrer Spezies eigentümliche oft sehr kompli- 
zierte Skelettform hervorbringen kann, wenn von den erstaun- 
lichen Leistungen und der Treue des unbewußten zeluUaren 
Gedächtnisses der Protisten die Rede ist, wenn bei der Befruch- 
tung die beiden Geschlechtszellen »ihre Nähe gegenseitig emp- 
finden und durch einen sinnlichen (wahrscheinlich dem Geruch 
verwandten) Trieb zueinander hingezogen werden«, wenn 
von der »Oewebeseele (Histopsyche)« gesagt wird, sie »sei 
die höhere psychologische Funktion, welche den zusammen- 
gesetzten vielzelligen Organismus als wirklichen ,Zellenstaat^ 
erscheinen« lasse, und sie beherrsche »alle die einzelnen 
,Zellseelen' der sozialen Zellen, welche als abhängige ,Staats- 
bürger* den einheitlichen Zellenstaat konstituieren« (W. 137, 
140, 182, K. 77—9): dann wird kein besonnen denkender 
Physiker oder Chemiker in diesen fragwürdigen Gestalten 
Haeckelscher Phantasie seine Elementarkräfte wiedererkennen. 

Wollte man die »Stammesgeschichte« des »plastischen 
Distanzgefühls« oder des unbewußten Zellular- (oder Histonal-) 
Gedächtnisses nach rückwärts verfolgen: man käme bald zu 
der vielbdcämpften und noch mehr bespöttelten Lebenskraft 
und weiter zu Blumenbachs Bildungstrieb; und von da wäre 
es nicht mehr so gar weit bis zu den formae substantiales 



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96 

des Mittelalters und der Entdechie des Aristotdes. Eins ist 
so dunkd wie das andere. Es sind eben alles nur hfamen: 
nicht faßbare Wirklichkeiten, sondern inhaltsleere Begriffe, die 
nur dazu dienen, das Unfaßbare, Unbekannte, Unb^eifliche 
wenigstens mit einem Wort zu bezeichnen. Sie ihrerseits 
erklären nichts; wohl aber bedarf das, worauf sie hindeuten, 
einer Erklärung. 

Der Zwang der Tatsachen erweist sich als zu groß. 
So gern Haeckel es wollte: in Wirklichkeit kann er doch 
mit den physikalisch-chemischen Kräften nicht auskommen. 

Und wenn man nun noch andere, spezifisch organische, 
zuläßt: kann dann noch mit Recht von Monismus gesprochen 
werden? 

Zweifelsohne! Um das einzusehn, bedarf es einer Ana- 
lyse des Kraftbegriffs. 

c) Analyse des Kraftbegriffs. 

Was sind denn eigentlich jene angeblichen Tausend- 
künstler: die chemisch-physikalischen Kräfte? Mancher hält 
gewiß die Frage für töricht, da nach seiner Ansicht nichts 
klarer und freier von Schwierigkeiten sein kann als der B^ff 
von Attraktions- oder Affinitätskraft. — Wohl ihm ! denn für 
ihn birgt die Welt kaum Rätsel mehr. Aber anderseits auch : 
wehe ihm! denn wo die Rätsel erst binnen, hört schon 
sein Fragen auf. 

Hat irgend jemand je eine Kraft gesehen oder mit Händen 
getastet? »Gesehen und getastet nicht«, wird vielleicht ge- 
antwortet, »aber gefühlt! In mir fühle und habe ich diese 
oder jene Kraft!« Gewiß! ich kann sogar die »Kraft meines 
Arms« durch fleißiges Turnen und Freiübungen stählen. 
Aber was heißt das? Doch nur, daß ich die »Leistungs- 
fähigkeit« meiner Muskeln erhöhe. Aber wie diese es an- 
fangen, aus der Leistungsfähigkeit zu wirklichen Lei- 
stungen überzugehn: davon fühle ich nichts und weiß ich 
nichts. Und auch der vollkommenste Physiologe würde 
bei den Muskelkontraktionen und den Oehimvorgängen, die 



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97 

zu ihnen fähren, nur unendlich schnell aufeinander folgende 
Bewegungen wahrnehmen ; Kräfte gäbe es in der E r f a h r u n g 
nicht für ihn, er müßte sie als Ursachen zu den Bew^fungen 
hinzudenken. 

Aber, höre ich einwenden, es ist doch ein großer Un- 
terschied in meinem Bewusstseinszustand, ob ich in mir die 
Kraft fühle oder nicht fühle, etwas zu tun. — Sicher! 
Doch auch hier gilt es, die Tatsache genau zu analysieren 
und das, was in ihr li^, zu trennen von der Art, wie man 
sie deutet. Die Tatsache geht ganz darin auf, daß ich 
mich im einen Fall zu einer Leistung fähig weiß, im andern 
nicht Aber wie diese Fähigkeit es anfängt, die Leistung 
hervorzubringen, das bleibt mir wieder ganz unbekannt 

Unsere innere Erfahrung läßt uns also, was das Wesen 
der »Kraft« betrifft, ganz im Stich. Sie gibt wohl Rätsel 
auf, löst aber keine. Daß Zusammenhänge da sind, lehrt 
sie wohl; aber welcher Art sie sind, wie man sie sich zu 
erklären, wie im einzelnen anschaulich vorzustellen hat, dar- 
über schweigt sie. Gerade wo die Sache beginnt interessant 
zu werden, sinkt der Vorhang, und »Kraft« bleibt ein bloßer 
Name, nur dazu gut, eine Lücke in unserer Erkenntnis zu 
bezeichnen. 

Führt uns die äußere Erfahrung weiter? Ich glaube 
nicht Sie zeigt uns nichts als Bewegungen und Lagerungs- 
verhältnisse. Bei manchen der letzteren sprachen wir von 
Spannungszuständen. Was heißt das? Doch wohl nicht 
mehr, als daß wir bei gewissen Phänomenen auf Grund von 
früheren Erfahrungen und Berechnungen mit Sicherheit vor- 
aussagen können, daß bei diesen oder jenen Veränderungen 
bestimmte Bewegungen eintreten resp. eine bestimmte kineti- 
sche Energie frei wird, d. h. daß die Körper oder Moleküle dann 
eine bestimmte mechanische Arbeitsmenge zu verrichten im- 
stande sind. Wirkliche und mögliche Bewegungen: das ist 
das einzige, womit die äußere Erfahrung uns bekannt macht 
Kräfte führt auch sie uns nicht vor. Kräfte werden nur 
erschlossen, nur hinzugedacht als Ursachen der Bew^fungen, 

Adickes, Kant contra Haeckel. 2. Aufl. 7 



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98 

als das, was in den Spannungszuständen schon vorhanden 
ist, bevor die Bewegungen resp. Energieentfaltungen selbst 
eintreten. 

Wirkliche und mögliche Bewegungen, kinetische und 
potentielle Energie sind das einzige Objekt der Naturwissen- 
schaft Sie überschreitet ihr Gebiet, wenn sie von Kräften 
redet Ihr Lebensinteresse fordert, daß die ganze Außenseite 
der Welt sich darstelle als ein gesetzmäßig zusammenhängendes, 
in sich geschlossenes System von Bewegungen und Lage- 
verhältnissen kleinster Teilchen (Kraftzentren). Gäbe es auch 
nur einen Punkt, wo dies System durchbrochen wäre, wo 
eine Bewegung vollständig verschwände, ohne in potentielle 
Energie überzugehn, oder wo kinetische Energie völlig neu 
in das System einträte, ohne in anderer Form, aber gleicher 
Summe schon vorher vorhanden gewesen zu sein: dann 
wäre es, nach Meinung des Monisten wenigstens, mit der 
Naturwissenschaft (im strengen Sinn des Worts) zu 
Ende. 

Aber nur an dem Was? und Wie? der Bewegungen 
ist die letztere interessiert, nicht an ihrem Warum? Tat- 
sache und Art (Gesetze) der Bewegungen hat sie zu unter- 
suchen, nicht deren eigentliche, tiefste Ursachen. Um diese 
zu finden, müßte man aus der Erscheinungswelt herausgehn, 
und die Naturwissenschaft besitzt keine Flügel, die sie in 
jene luftigen Höhen zu führen vermöchten. Nach den Ur- 
sachen der Bewegung fragen, heißt nach dem fragen, »was 
die Welt im Innersten zusammenhält« Nur in den Dingen 
an sich wären sie zu finden, und von ihnen schweigt die 
Wissenschaft. Die kühnere Metaphysik mag sich mit solchen 
Fragen beschäftigen ; aber was sie zu bieten hat, sind nicht 
Wissenssätze, sondern bloß individuelle Glaubensüberzeu- 
gungen. 

Wenn die Naturwissenschaft von Kräften spricht, so 
meint sie nur zu oft damit etwas zu erklären, während sie 
mit diesem Wort doch nur eine Lücke in ihren Erklärungen 
bezeichnen dürfte, und zwar eine notwendige Lücke. Es 



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99 

war deshalb ein großes Verdienst, daß Hertz den B^ff der 
Kraft aus den Grundbegriffen seiner Mechanik ganz entfernte. 

Worauf die Naturwissenschaft verzichtet (um der rein- 
lichen Gebietsteilung wegen, von der das Gedeihen der 
Wissenschaften in so hohem Maße abhängt), das wurde der 
Metaphysik anheimfallen. Und was das Gute wäre — man 
könnte dann nicht mehr daran zweifeln, daß es sich bei den 
Ansichten über die Bewegungsursachen nur um Glauben, 
nicht um Wissen handelt. 

Und mein Glaube ist nun der, daß Bewegungen ihre 
eigentlicheUrsacheniein vorhergehenden Bew^fungen 
haben, sondern stets in den Dingen an sich, den Kraftzentren. 
Die Bewegung des einen Kraftzentrums kann nie mehr sein 
als die Veranlassung, infolge deren ein anderes Kraft- 
zentrum sich selbst zu einer Bewegung bestimmt. Eine 
Bewegung zwingt nicht die andere herbei; das Kraftzentrum 
resp. das komplexe Ding wird nicht — durch ein Natur- 
gesetz oder wer weiß wodurch sonst — zu diesem oder 
jenem genötigt, es erieidet nichts, sondern handelt selbst 
seinem Wesen gemäß. Überall gibt es nur Aktion und 
Reaktion in der Welt, nirgends bloße Passivität. Die Kraft- 
zentren können in doppelter Weise miteinander in Verbindung 
treten : einmal durch ihre psychischen Innenzustände, anderseits 
durch die Verhältnisse räumlicher Ordnung. Dort sind die 
eigentlichen Agenzien psychische Kräfte, hier Bewegungs- 
kräfte. Diese Namen sollen nichts erklären, sondern nur kurz 
die Tatsache bezeichnen, daß den Kraftzentren jene Fä- 
higkeit zu doppelter Verbindung innewohnt, von denen aber 
die eine der andern stets parallel geht und keine je ohne die 
andere ist 

Derartige Kraftäußerungen sind nicht etwa nur bei ge- 
wissen Arten von Bewegungen vorauszusetzen, sondern bei 
jedem räumlichen Geschehn. Es ist ein großer Irrtum, wenn 
die streng mechanistische Weltanschauung, die alles auf Druck 
und Stoß kleinster Teilchen zurückführen wollte, meinte, falls 
das gelinge, seien alle Probleme der Weltentwicklung gelöst 



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100 

Auch Druck und Stoß wären ohne Annahme von Kräften ganz 
unb^jeiflich ; die betreffenden Bew^fungserscheinungen sind 
um nichts erklärlicher als etwaige Wirkungen von Femkräften. 
Warum bleibt, wenn eine Billardkugel die andere unter ge- 
wissen Umständen trifft, jene stehn, während diese sich fort- 
bew^? Andere Verhaltensweisen wären doch gerade so 
denkbar! Warum zerstäubt die getroffene Kugel nicht in 
lauter Atome? warum nicht die treffende, warum nicht beide? 
Oder warum geht die treffende nicht durch die getroffene 
hindurch, so daß deren Teile wie die der Luft auseinander 
treten und sich nachher gleich wieder zusammenschließen? 
Alles an sich durchaus denkbare Fälle, unmöglich allein wegen 
der in den kleinsten Teilen der Kugeln (in den einzelnen 
Kraftzentren und ihren Verbindungen) wirksamen Anziehungs- 
und Abstoßungskräfte. Und so bei jeder Bew^fung! Ohne 
hypothetisch im »Ding an sich« vorausgesetzte Kräfte kommen 
wir nicht aus, sobald wir uns nicht bloß an das Faktum 
der Bewegung und ihrer Gesetze halten, sondern auch dem 
innem Wesen dessen nachforschen, was sich bew^, und 
den Ursachen, warum es sich bewegt. 

Und Femkräfte? Ist das Gesagte richtig, so hat ihre 
Existenz nichts Wunderbares oder auch nur Besonderes an 
sich. Denn alle Kräfte sind Femkräfte; sie wirken ja alle 
auch da, wo sie nicht sind, indem sie und die von ihnen 
hervorgebrachten Bew^fungserscheinungen andere Kraft- 
zentren zu ähnlichen Äußemngen veranlassen. Gelänge es 
auch wirklich, die magnetisch-elektrischen Phänomene, ja selbst 
die der Gravitation durch Druck und Stoß zu erklären: es 
blieben Anziehungs- und Abstoßungskraft der kleinsten 
Teilchen; ohne diese wurden in einem Raumteil unendlich 
viele Kraftzentren sich vereinigen und gegenseitig durch- 
dringen können; und ohne jene würde es überhaupt keine 
Verbindungen, keine Moleküle, keine »Stoffe« geben. Die 
Anziehungskräfte müssen sogar sehr verschiedener Art sein, 
wie die Lehre der Chemie von den Affinitätskräften zeigt 
Und gelänge es der Chemie auch, alle ihre Elemente als Viel- 



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101 

fache eines Urelements zu erweisen und die jedesmalige 
räumliche Lagerung dieses Vielfachen anschaulich darzustellen : 
es wären doch Kräfte nötig zu erklären, weshalb nun das 
eine Mal diese, das andere Mal jene Lagerung eintritt. 

Um Femkräfte in dem Sinn von Kräften, die auch da 
wirken, wo sie nicht sind, kommt man also gar nicht herum. 
Und das ganze Problem reduziert sich auf die Frage, ob man 
Grund hat, Kräfte anzunehmen, die nicht nur auf benachbarte 
Kraftzentren, sondern auch auf weiter und weitest entfernte 
einwirken. Und da muß ich eingestehn, daß dieser Annahme 
an sich durchaus keine Schwierigkeit oder Unwahrscheinlichkeit 
anhaftet. Die Erfahrung kann natüriich allein entscheiden. Die 
Naturwissenschaft mag versuchen, auch bei der Gravitation 
z. B. eine Vermittlung der Wirkungen durch dazwischenliegende 
Kraftzentren nachzuweisen (die in diesem Fall körperlich 
wohl als Ätheratome vorzustellen wären). Gelingt es ihr: 
gut ! Gelingt es nicht, so leidet der Monismus nicht Schiffbruch. 
Denn warum sollte nicht ein einzelnes Kraftzentrum unter 
gewissen Bedingungen seine Kraftäußerungen auch auf andere 
räumlich getrennte Elemente ausdehnen? warum vor allem 
nicht so gewaltige dichte Systeme von Kraftzentren, wie die 
Himmelskörper, die dazu noch durch relativ dünne Schichten 
voneinander getrennt sind? 

d) »Natürliche Entwicklung« — mit Annahme be- 
sonderer »organischer Kräfte« vereinbar. 
Jetzt wären die Vorbereitungen getroffen, um die schwie- 
rigere Frage zu entscheiden : kann der Monismus andere als 
chemisch-physikalische Kräfte zulassen? Er kann es nicht 
nur, er m u ß es sogar, wenn eben andere Kräfte — vorhanden 
sind ! Darauf allein kommt es an. Der Monismus hat nichts 
zu verbieten und nichts zu ertauben, er hat sich einfach nach 
den Tatsachen zu richten. Er kann der N a t u r keine Gesetze 
vorschreiben: er kann sie ihr nur ablauschen. Wohl aber 
könnte er der Forschung zwar keine Ziele, aber doch 
Wege, nicht zwar vorschreiben, aber doch anraten. Die obige 



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102 

Frage müßte also vielmehr so gefaßt werden: wenn es neben 
den chemisch-physikalischen Kräften auch noch andere spe- 
zifisch organische gibt, kann dann noch von Monismus die 
Rede sein? und muß der monistisch denkende Naturwissen- 
schaftler sich nicht bei seiner Forschung von dem Prinzip 
leiten lassen, Entstehung, Entwicklung und Leben der Orga- 
nismen nur aus chemisch-physikalischen Kräften zu erklären ? 

Die erste Frage ist ebenso entschieden zu bejahen, wie 
die zweite zu verneinen. 

Gegeben sind, wie wir sahen, nur Bewegungen und 
Lagerungsverhältnisse; die Kräfte denken wir als deren Ur- 
sache hinzu. Wann werden wir verschiedene Arten von 
Kräften annehmen? Doch wohl nur dann, aber auch stets 
dann, wenn eine gewisse Gruppe von Erscheinungen sich 
nicht den Formeln unterordnen läßt, in denen die Gesetze 
einer andern Gruppe zum Ausdruck kommen. Und es fragt 
sich also, ob die organische Welt und ihr Geschehen sich 
begreifen läßt, wenn man nur die in der anorganischen Welt 
herrschenden Gesetze zur Erklärung heranzieht Endgültig 
zu entscheiden wäre das erst, wenn wir die Vorgänge an den 
Organismen ganz durchschauten und auf Bewegungen und 
Lagerungsverhältnisse kleinster Teile zurückführen könnten. 
Das wird wohl nie der Fall sein. Es kann sich also stets 
nur um vorläufige Entscheidungen handeln, vor allem um 
einen Entschluß darüber, nach welchen Prinzipien man die 
Erforschung der Organismen betreiben soll. 

Nun haben die letzteren durch Struktur und Korrelation 
der Teile, Stoffwechsel und Ernährung, Wachstum und Fort- 
pflanzung so stark ausgeprägte Besonderheiten, daß es von 
vornherein wenig wahrscheinlich ist, man werde in ihren 
komplizierten Verhältnissen alles mit denselben Formeln 
und denselben (erschlossenen !) Kräften erklären können wie 
im Gebiet des Anorganischen. 

Es liegt vielmehr die Annahme nahe, daß bei ihnen 
noch besondere — sagen wir: organische — Kräfte tätig sind, 
natürlich nur neben resp. über den chemisch-physikalischen 



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103 

Kräften, die auch hier eine große Rolle spielen; aber gerade 
das Unterscheidende an den Organismen können sie nicht 
hervorbringen. Und nur diese letztere Tatsache, also etwas 
rein Negatives, soll zum Ausdruck gebracht werden, wenn 
ich von organischen Kräften spreche. Eine positive Be- 
deutung kommt dem B^ff nicht zu : erklären kann er nichts, 
aber das ist ja auch bei den andern Kräften nicht der Fall. 
Man könnte auch die alte Lebenskraft wieder auferstehn lassen, 
wie es der Neovitalismus tut, oder von Bildungstrieb oder 
mit Joh. Reinke von Dominanten (= intelligenten, den 
rein physischen Energien übergeordneten Kräften) reden: es 
käme alles auf eins hinaus ; begreiflich und anschaulich machen 
wurde man nichts, sondern nur konstatieren, daß eine ge- 
wisse Art der Erklärung ausgeschlossen ist 

Ein alter bewährter Rat sagt, principia praeter necessitatem 
non esse multiplicanda. Aber anderseits gilt es auch, bestehende 
Unterschiede nicht zu übersehn oder wegzuleugnen und nicht 
Erwartungen zu erregen, die aller Wahrscheinlichkeit nach 
nicht erfüllt werden können. Das vernünftigste und ange- 
messenste Forschungsprinzip würde danach sein: nach 
Möglichkeit suchen, mit den Bewegungsarten, Formeln und 
Gesetzen der anorganischen Natur auch in der organischen 
auszukommen; aber zugleich sich klar machen, man werde 
nicht alles auf sie zurückführen können, sondern wahrscheinlich 
gerade an den entscheidenden Stellen von ihnen im Stich 
gelassen werden. So überspannt man seine Hoffnungen 
nicht und tut den Dingen keine Gewalt an, wird aber anderseits 
all der Einfachheit und Einheitlichkeit gerecht, die in den 
Tatsachen selbst wahrgenommen wird. 

Auch bei Annahme besonderer organischer Kräfte bleibt 
das System räumlicher Beziehungen ein ganz in sich ge- 
schlossenes. Entstehen und Entwicklung des Organismus 
sowie alle andern Vorgänge an ihm sind auch dann noch 
als Bewegungen und Lagerungsverschiebungen aufzufassen, 
die in streng gesetzmäßiger Weise erfolgen, und die, so 
zweckvoll sie an sich sein mögen, doch kausal, nicht fina 



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104 

(nach Zwedddeen) zu erklären sind. Und eben deshalb kann 
und muß meine Anschauungsweise als echter Monismus be- 
zdchnet werden. Es ist durchaus kein Orund einzusehen, 
weshalb man sich die Kraftarten gerade auf die chemisch- 
physikalischen beschränkt denken sollte. Von chemischen 
Affinitätskräften ist man gezwungen eine ganze Anzahl 
anzunehmen, und zwar nur, um die relativ einfache, anor- 
ganische Welt zu erklären. Und bei der unendlich viel 
komplizierteren organischen Welt, wo es sich nicht 
nur um Konglomerate, sondern um zweckvolle Einheiten 
handelt, sollte man nicht besondere Kräfte postulieren 
dürfen?! 

Aber die generatio aequivoca! wird nicht wenigstens sie 
durch meine Theorie ausgeschlossen? muß ich nicht an- 
nehmen, daß der erste Organismus, das erste Protoplasma 
nur durch Eingreifen einer Obematfiriichen Gewalt entstehn 
konnte? 

Warum denn? Die organischen Kräfte werden doch 
den Kraftzentren nicht erst nachträglich veriiehen, sondern 
wohnen ihnen (entweder allen oder nur einem möglicherweise 
auch noch unendlichen Bruchteil) von vornherein, von aller 
Ewigkeit her inne. Die Weltentwicklung schafft nicht sie, 
sondern allein die Bedingungen, unter denen sie in Tätig- 
keit treten können. Es ist demnach prinzipiell auch durch- 
aus nicht ausgeschlossen, daß es noch einmal gelingen 
werde, diese Bedingungen künstlich herzustellen. Einer 
Nachhilfe seitens einer außerhalb der Welt stehenden In- 
telligenz bedurfte es auf keinen Fall, um die ersten Orga- 
nismen zu bilden. Sie mußten entstehn, die »natürliche« 
Weltentwicklung brachte sie mit innerer Notwendig- 
keit hervor, sobald sie die Bedingungen schuf, unter denen 
die bisher schlafenden potentiellen Kräfte nicht anders konn- 
ten als in Tätigkeit treten.^) 

1) Es bedarf nur geringer Modifikationen, um die hier durchgeführte 
Anschauungsweise in die Hypothese von der Ewigkeit organischen 
Lebens übergehn zu lassen, wie z. B. Svante Arrhenius sie vertritt 



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105 

Und gerade so ist es mit der weiteren Entwicklung der 
organischen Welt. Auch hier nimmt mein Monismus nur 
ein gesetzmäßiges Spiel natürlicher, den Kraftzentren ur- 
sprünglich eigener Kräfte an. Es ist zu wünschen und zu 
hoffen, daß mit der Zeit alle Zweifel an der Richtigkeit der 
Deszendenz- (Evolutions-) Theorie völlig schwinden werden, 
daß man also eine Ahnenreihe vom ersten Protoplasma bis 
zum Manschen hinauf werde nachweisen können. 

Und dann? wären dann alle Rätsel gelöst? Ich meine 
sie wären im Grunde noch gerade so groß als wie zuvor. 
Man hätte ein Stammbaumregister verfertigt, aber nichts er- 
klärt. An die Allmacht der Darwinschen natural selection 
und an die Möglichkeit einer rein :» mechanischen« Erklärung 
der organischen Entwicklung glauben — glauben trotz der 
schwerwiegenden Einwände von Naegeli, O. Wolff und 
andern und obwohl Variation, Anpassung und Vererbung 
alles eher sind als »mechanische« Vorgänge — : das vermag 
eben nur eine so gläubige Seele wie die Haeckels ist. Wir 
andern können nicht umhin anzunehmen, daß zu den äußeren 
Einwirkungen der natüriichen Zuchtwahl noch ein inneres 
Prinzip treten muß, mag man es nun organische Kraft oder 
mit K. E. V. Baer Zielstrebigkeit oder mit Naegeli Vervoll- 
kommnungstendenz oder wie sonst nennen. Jene äußeren 
Einwirkungen sind nur die Oelegenheitsursachen, infolge 



(»Die Umschau«, 1903, S. 481—5). Nach ihm steht »die Frage nach der 
Entstehung der ersten Lebewesen auf der gleichen Stufe wie die nach 
der Entstehung der Materie«; »für Lebewesen zugängliche Himmels- 
körper hat es ohne Zweifel immer gegeben«; durch elektrische Kräfte 
und Strahlungsdruck werden organische Keime (Sporen, die Jahrtausende 
keimfähig bleiben) von Stern zu Stern übertragen. Die Entscheidung 
über Richtigkeit oder Unrichtigkeit der von Arrhenius gemachten Voraus- 
setzungen steht allein der Naturwissenschaft zu. Er- 
weisen sie sich als zutreffend, so wird letztere natürlich gern bereit sein, 
das Postulat der generatio aequivoca aufzugeben. Denn das, worauf 
es ihr vor allen Dingen ankommt: Ausschluss übernatürlicher Eingriffe 
und Einheitlichkeit der Entwicklung, wird ihr ja auch durch die andere 
Annahme (Ewigkeit organischen Lebens) gewährleistet 



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106 

deren die verschiedenen Arten organischer Kräfte »entbunden« 
werden und in Tätigkeit treten können. Von den letzteren 
weiß die Deszendenztheorie so wenig wie der Genealoge 
von den geheimnisvollen Kräften, durch welche die Gene- 
rationen erzeugt wurden, deren Stammbaum er aufzeichnet 
Auf Bewegungsvorgänge und Lagerungsverhältnisse 
müßte natürlich auch bei Entwicklung der Organismen alles 
sich zurückführen lassen, Formeln und Gesetze müßten auf- 
gestellt werden: aber nicht eher ist daran zu denken, als bis 
an Stelle der bisherigen, freien Phantasien über das Thema 
»Zeugung« (Komponisten: Darwin, Haeckel, Weismann und 
andere), die den kühnsten metaphysischen Spekulationen an 
Abenteueriichkeit nichts nachgeben, auf Tatsachen gestützte 
Theorien getreten sind. 



Resultate des dritten Kapitels. 
Die Grundlage des wahren Monismus bildet der uni- 
verselle psycho-physische Parallelismus. Bei ihm kann wirk- 
lich von Einheit zwischen Gott und Natur, sowie von Einheit 
in der Konstitution des Weltalls die Rede sein. Und auch 
die Einheit der Weltentwicklung leidet keinen Schaden, ob- 
wohl man sich gezwungen sieht, neben den chemisch-phy- 
sikalischen Kräften noch spezifisch organische hypothetisch 
anzunehmen. Und — was für den Materialisten ausge- 
schlossen ist — für den Monisten kann es Zwecke und 
Ziele geben, im All kann Vernunft herrschen, im Entstehn 
und Vergehn ein tieferer Sinn liegen. Gewisse Bedürfnisse 
des Gemütslebens (die sich bei der großen Mehrzahl modemer 
Kulturmenschen als nicht wegzuleugnende Tatsache vor- 
finden, Befriedigung heischen und Befriedigung verdienen) 
dürfen sich ruhig hervorwagen. Der Materialist dagegen 
hat für sie nur schnöde Abweisung. 



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Viertes Kapitel. 
Ungläubig — und doch gläubig. 

Motto: »Was für eine Philosophie man w&hie» 
h2ngt davon ab, was man f&r ein Mensch 
ist.« Fichte. 

Wafifner-Haeckel: »Und wie wir's dann 
zuletzt so herrlich weit gebracht« 

Ooethe. 

»Das ist ja gerade das Oute«, riefe Haeckel vielleicht, 
wenn er den vorhergehenden SchluBpassus läse. »Oemüts- 
bedürhiisse sollen eben schweigen, allein die Tatsachen 
sollen reden. Wahrheit! das sei die einzige Göttin! die 
Losung: Wissen! nicht verderbliche Nachgiebigkeit gegen 
Hoffnungen und Bedürfnisse!« 

Wohl! Aber wenn es nun Haeckel bei seinem Streben 
nach Wahrheit ginge, wie Ixion unseligen Andenkens, der 
da meinte Hera zu umfangen und umarmte die Wolke? 
Wenn Haeckel sich an vielen Stellen seiner »Welträtsel« auf 
ein Gebiet vorwagte, auf dem es aus prinzipiellen Grün- 
den kein sicheres Wissen mehr geben kann, sondern nur 
noch individuelle Glaubensüberzeugungen? Und wenn er 
selbst eben so tief im Glauben und sogar — im Aberglauben 
steckte, wie er meint, über ihn erhaben zu sein? 

Das eine wie das andere ist wirklich der Fall. Haeckel 
hat durchaus kein Recht, Glauben jeder Art auf das Unduld- 
samste zu schmähen und zu verfolgen. Besonders über »die 
drei Großmächte des Mystizismus«, »die drei Hauptge- 
spenster«: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit gießt er seine 
Schalen unfeinen Spottes aus. Der definitive Sturz dieser 
»drei Zentraldogmen der Metaphysik« würde nach ihm den 



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108 

»höchsten intellektuellen Fortschritt« bedeuten. Im Gegen- 
satz zum unvernünftigen Glauben will er »derjenigen ver- 
nünftigen Weltanschauung Ausdruck geben, welche uns 
durch die neueren Fortschritte der einheitiichen Naturerkennt- 
nis mit logischer Notwendigkeit aufgedrungen wird« (M. 7—8). 
Wenn es nun aber solche »logische Notwendigkeit« 
nicht gäbe, sobald es sich um Fragen der Weltanschauung 
handelt?! 



Erster Abschnitt. 

Die Weltanschauung: das Gebiet 
nicht des Wissens, sondern des Glaubens. 

a) Wissen und Glauben. 

Ja ! wenn ich sicher wüßte, wie beschaffen die Dinge 
an sich sind, welcher Art das Göttliche ist, ob es Entwick- 
lung und Fortschritt in der Welt gibt: wie gern würde ich 
dann auf jeden Glauben verzichten! Aber ich weiss nichts 
von alledem. Manches glaub ich, manches verwerf ich. 
Weshalb? nicht weil es so oder so ist, sondern weil es 
mir so scheint, gemäß meiner Reaktion auf die Einflüsse 
der Außenwelt. 

Ob es andern anders geht? Viele meinen es, und be- 
haupten, auch in diesen Dingen zu wissen. Zu ihnen gehört 
Haeckel. Und wäre alles richtig, was sie zu wissen be 
haupten : dies ihr Behaupten legte auf jeden Fall Zeugnis ab 
von der Größe und Unbedingtheit ihres Glaubens. 

Aber so günstig liegt die Sache nicht einmal für sie. 
Was die einzelnen »wissen«, widerspricht sich oft. Ganze 
Weltanschauungen stehn sowohl im Prinzip als in ihren 
einzelnen Teilen in diametralem Gegensatz. Über Gott und 
Seele, Wesen der Welt und Ziel der Entwicklung ist kaum 
jemals eine Ansicht aufgestellt, deren Gegenteil nicht auch 
geltend gemacht wäre. 



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109 

Doch vielleicht wendet man ein: selbst in den » exakten c 
Naturwissenschaften gibt es oft widersprechende Theorien 
und Hypothesen. — Freilich, antworte ich. Aber nicht in 
dem Umfang, wie da, wo es sich um Fragen der Welt- und 
Lebensanschauung handelt. Und, was die Hauptsache ist: 
in der Wissenschaft findet ein Fortschritt statt, das Unsichere 
wird immer mehr ausgeschieden, das Falsche wird end- 
gültig beseitigt. In der Metaphysik dag^en stehn die 
Kontroversen noch fast auf demselben Punkt, wo die grie- 
chische Philosophie sie gelassen hat: fast dieselben Streit- 
punkte, fast dieselben Möglichkeiten, wenn auch die Namen 
und B^[riffe wechseln, fast dieselben Gründe, wenn auch 
dies oder jenes bestimmter und einleuchtender formuliert 
wird. Und ebenfalls unverändert geblieben ist die Unfähig- 
keit jeder Partei, die Anhänger irgend einer andern Partei 
von der Unrichtigkeit ihrer Ansicht zu überzeugen. 

So wogt der Kampf hin und her, ohne Entscheidung, ohne 
Fortschritt. Wohl mag bald dieses, bald jenes Problem im 
Vordergrund stehn, wohl mag es scheinen, als ob die Einig- 
keit in den momentan zurückgedrängten Fragen gewachsen 
wäre: aber es scheint nur so. Plötzlich wanken wieder die 
so fest geglaubten Fundamente; was gestern noch in all- 
gemeiner Geltung war, ist heute schon unmodern, und nur 
»Rückständigec halten noch daran fest. 

Und ist Aussicht, daß der Streit je endet? Ich meine 
nicht. Gewisse einzelne Auffassungen mögen allmählich 
ganz verschwinden. Aber die Hauptg^ensätze werden be- 
stehn, solange es Menschen gibt, die nach dem Woher? und 
Wohin? fragen, die nach einem Gott verlangen und von 
besseren Zeiten träumen. Und werden die je aussterben? 
Bisher hat es nicht den Anschein, die Natur unseres Innen- 
lebens müßte sich denn ganz ändern. Ob das je der Fall 
sein wird? und ob es besser, glücklicher machen würde? 

Wie ist dieser Sachverhalt zu erklären? In Fragen der 
Wissenschaft würde man zu einem endlichen Resultat kommen; 
sollte es an materiellen Grundlagen zur Entscheidung fehlen. 



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110 

so wQrde man sich wenigstens dahin verständig», ver- 
schiedene mögliche Hypothesen als objektiv gleichberechtigt 
anzuerkennen. Hier d^^en reden alle aufeinander los, und 
keinem gelingt es, den G^:ner auf seine Seite herOberzuziehn. 
Und doch sind die meisten auf das Festeste davon überzeugt, 
daß sie allein im Besitz der Wahrheit sind, und durchaus 
nicht geneigt, abweichende Ansichten auch nur als mög- 
liche Hypothesen gelten zu lassen. 

Für diese Schwierigkeit gibt es nur eine Lösung: in dem 
ganzen Bereich der Weltanschauung sind letzten Endes stets 
individuelle Bedürfnisse, Hoffnungen, Wünsche und Lebens- 
tendenzeh das Bestimmende, Faktoren also, die der einzelne 
sich nicht willkürlich gibt und wieder nimmt, in denen viel- 
mehr der tiefste Kern seines Wesens zum Ausdruck kommt 
Mit innerer Notwendigkeit wählt er diese oder jene Lebens- 
anschauung, bekennt er sich zur einen Ansicht und verwirft 
die andere; nicht weil die besten objektiven Gründe für sie 
sprechen, sondern weil sie die ihm gemäßeste ist und weil 
deshalb die für sie sprechenden Gründe ihm auch objektiv 
die besten zu sein scheinen. 

Wo also von einer wirklichen Entscheidung die Rede 
sein kann, wo der Mensch sich seine Ansichten selbst bildet 
und nicht einfach die seiner Familie oder seiner Umgebung 
oder seiner Kirche übernimmt: da geben subjektive Mo- 
mente den Ausschlag, da kann deshalb von Wissen nicht 
mehr die Rede sein, sondern nur noch von Glauben. Und 
wo man glaubt, da glaubt der ganze Mensch, nicht nur der 
Intellekt, sondern auch Wille und Gefühl, und s i e sogar vor 
allen Dingen. »Was für eine Philosophie man wähle, hängt 
davon ab, was man für ein Mensch ist«, sagt Fichte mit 
Recht Und es darf davon abhängig gemacht werden, 
wenigstens soweit die Metaphysik in Frage kommt Denn 
auf ihrem Gebiet gibt es keine entscheidenden objektiven 
Gründe, weil es kein Material gibt, auf Grund dessen ent- 
schieden werden könnte. Ihre Probleme aber hören darum 
nicht auf, den Menschen zu beunruhigen und Lösung zu 



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111 

verlangen. Da ist es denn erlaubt, diejenige Lösung zu hoffen 
und zu glauben, »die das Herz sich wünscht, die der Sinn 
begehrt«. 

Vorausgesetzt freilich, daß sie keinen Tatsachen 
der Erfahrungswelt widerstreitet. Aber gerade an 
den Punkten, auf die es ankommt, versagt die letztere. Um 
Dinge an sich, um ihr Wesen und ihre Bedeutung, handelt 
es sich bei den Forderungen des Gemüts und den Fragen 
der Weltanschauung. Die Welt der Erscheinungen bietet da 
keine Entscheidungen, ja! nicht einmal Andeutungen, oder 
höchstens einander widersprechende Andeutungen, von denen 
sich diese zu Gunsten des einen, jene zu Gunsten des entgegen- 
gesetzten Standpunktes anführen lassen. Daher kommt es 
denn auch, daß von den verschiedenen Parteien jede sich 
auf die Erfahrungsweh behauptet stützen zu können, daß 
jede Tatsachen als Argumente vorbringt 

Aber alle diese Argumente sind erst nachträglich ge- 
sammelt, um die aus andern Gründen gewählte Welt- 
anschauung zu verteidigen : sie haben die letztere nicht her- 
vorgebracht. Das Primäre und das eigentlich Entscheidende 
ist die ursprüngliche Willensstellung und Lebenstendenz des 
Menschen. Nachher geht dann der Intellekt aus und beweist, 
daß die Weh nicht nur sein sollte, wie man sie sich 
wünscht, daß sie vielmehr auch so ist. Aber mit diesen 
Beweisen ist es eine eigene Sache: überzeugt haben sie noch 
keinen, den sein Wesen nach der andern Seite hin drängte, 
und für die Überzeugten sind sie nicht nötig. Beweiskraft 
wird den Beweisen eben erst durch die so oder so geartete 
Individualität. Darum fort mit dem Demonstrieren und Wider- 
legen auf dem Gebiet der Weltanschauung! Beweisen 
kann ich meinen Glauben nicht: aber zeugen kann ich von 
ihm und von seiner weltüberwindenden Macht, von dem 
Schwung, den er mir verieiht, von der großen vertrauens- 
vollen Kraft, mit der er mich erfüllt Und wenn es gelehrten 
Worten je gelingt, einer Weltanschauung Anhänger zu er- 
werben, dann sicher nicht durch die Schärfe ihrer Beweise, 



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112 

sondern allein durch die Energie persönlicher Überzeugung, 
von der sie durchdrungen sind. 

Das Glauben beginnt sofort, sobald wir das 
Gebiet des Transzendenten betreten. Gibt es 
Dinge an sich? Beweisen kann man es nicht! Man muB 
es glauben, sie sind nur erschlösse, und wie ihr Dasein, So 
erst recht ihr Wesen. Der Solipsismus (die Annahme, daß 
ich, der Denkende, allein bin, und außer mir nichts) ist theo- 
retisch nicht widerl^bar, höchstens praktisch im Irrenhaus. 
Und Berkeleys, Fichtes Ansichten, nach denen die nicht- 
geistige Natur nur als Bewußtseinsinhalt geistiger 
Wesen Existenz hat — auch sie sind nicht streng zu wider- 
l^en. Zu keiner Zeit werden wahrscheinlich die Männer 
aussterben, die das Radikalmittel einer Amputation andern 
nach ihrer Meinung nur hinhaltenden, aber nicht endgültig 
heilenden Versuchen vorziehn: sie werden meinen, allen 
Schwierigkeiten am besten zu entgehn, indem sie der nicht- 
geistigen Welt einfach das selbständige Dasein absprechen. 
Ein Vorgehn von großer Kühnheit, aber doch unendlich viel 
vernünftiger als das Treiben der Materialisten! (Vgl oben 
S. 61.) — Und Leibnizens prästabilierte Harmonie? oder der 
Okkasionalismus? So seltsam sie uns anmuten: es sind 
durchaus mögliche Standpunkte, und es waren wirklich vor- 
handene, nicht nur erdachte Schwierigkeiten, durch welche 
die großen Denker zu ihnen getrieben wurden.') 



1) Weiter ausgeführt sind die Gedanken der letzten Seiten in 
meiner Schrift über »Charakter und Weltanschauung« (Tübingen 1Q05) 
und in einem Aufsatz über »Wissen und Glauben« in der Deutschen 
Rundschau (Januar 1898, S. 86—107). — Haeckel wirft mir vor, daß 
nach meiner Darstellung »die Wahrheit sich der Dichtung unterordnen« 
müsse (W., Volksausgabe, Nachwort, 166). Nein! Ich behaupte viel- 
mehr, daß in allen Weltanschauungsfragen von Wahrheit, d. h. von rein 
objektivem Wissen, gar nicht die Rede sein kann, daß in ihnen nicht 
die Vernunft das letzte Wort hat, sondern Herz und Gemüt, daß (ab- 
gesehn von der Widerlegung' des Materialismus) nicht allgemeingültige 
Verstandesgründe die eigentliche Entscheidung haben, sondern subjektive 
Bedurfnisse. Damit führe ich kein neues Prinzip ein; ich stelle nur fest, 



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113 



b) Die christlichen Dogmen nicht streng widerlegbar. 

»Aber wenigstens sind doch die meisten Lehren des 
Christentums, wie Weltschöpfung, Wunder, Offenbarung, 
Inspiration widerl^bar?« 

Auch sie nicht! Denn die Annahme der Naturwissen- 
schaft, daß es einen allumfassenden, ausnahmslosen Kausal- 
zusammenhang gibt, ist auch nur ein Glaube. Er ist ihr 
Lebensprinzip, aber beweisen kann sie ihn nicht. Oft hört 
man zwar das Gegenteil, aber noch steht Hume unbesi^ 

was immer war und immer sein wird und auch bei Haeckel so ist 
Denn er befindet sich in einem gewaltigen Irrtum, wenn er meint, daß 
seine Weltanschauung nur der reinen Vernunft und wissenschaft- 
lichen Erwägungen entwachsen sei; auch sie entstammt vielmehr nur 
seinem Gemüt, seiner Lebenstendenz, individuellen Bedürfnissen, und 
darum »glaubt« auch er so gut wie jeder andere, glaubt sogar einen beson- 
ders törichten Glauben, glaubt selbst (wie wir bald sehen werden), als 
echtester Dogmatist, noch weit mehr, als viele andre, ja ! glaubt selbst, 
wo es absolut unnötig und unstatthaft ist]: bei den^Einzelproblemen der 
strengen Wissenschaft, indem er auch dort seine persönlichen Wünsche 
zu Wort kommen läßt und dadurch die Tatsachen unbewußt fälscht 
Daß Metaphysik und Weltanschauung Wissenschaft weder sind noch je 
werden können, ist aber nicht etwa (wie Busse in einer Besprechung 
meiner Schrift in der Altpreuß. Monatsschrift Bd. 38 meint) nur mein 
subjektiver Glaube, sondern läßt sich streng erweisen durch erkenntnis- 
theoretische Gründe. Da Busse, der die Möglichkeit einer wissenschaft- 
lichen Metaphysik retten will, in meinen obigen Ausführungen »eine 
gewisse Unbestimmtheit« findet, sei das Wesentliche hier noch einmal 
kurz und so bestimmt als möglich zusammengefaßt Wissenschaft will 
systematische, begriffliche, adaequate Rekonstruktion sein von irgend 
welchen Wirklichkeiten und deren Zusammenhängen. Voraussetzung ist 
dabei natürlich, daß das, was rekonstruiert werden soll, auch objektiv er- 
kannt werden könne, daß Sinne und Verstand einen Zugang zu ihm haben, 
daß es gleichsam konfrontiert werden kann mit unsem Erkenntnisfaktoren. 
Das alles trifft aber nur zu innerhalb der Welt möglicher (d. h. mensch- 
licher Geistesorganisation überhaupt erreichbarer) Erfahrung. Sie zeigt 
uns draußen im Raum Körper, Bewegungen, Umlagerungen, Spannungs- 
zustände, im Innern Bewußtseinserscheinungen. Was es aber seinem 
innersten Wesen nach ist, das da sich bewegt und bewegt wird, das da 
empfindet und empfunden wird: davon sagt sie uns nichts, sie macht 

Adickes y Kant contra Haeckel. 2. Anfl. 8 



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114 

da mit seinem Nachweis, daß Erfahrung uns nie zu wahrer 
Allgemeingfiltigkeit und Notwendigkeit führen kann. Aber 
allerdings: ohne allgemeinen Kausalzusammenhang keine 
wahre Wissenschaft ! Für sie ist er das Orundpostulat, und 
je mehr wir die Erfahrung analysieren, desto mehr finden 
wir unsere Annahme bestätigt. 

Aber ein Olaubenselement bleibt immer noch wirksam, 
nie wird es ganz schwinden, so sehr die Wahrscheinlichkeit 
sich der Gewißheit nähern mag. Und eben deshalb wird es 
nie gelingen, einen Menschen, der das allgemeine Kausal- 
gesetz leugnet, durch Beweise zu seiner Annahme zu zwingen. 

uns bekannt nur mit Erscheinungen, nicht mit dem övta>g öv, das letztere 
bleibt als transzendent unserer wissenschaftlichen Erkenntnis für immer 
verschlossen. Wir vermögen nur eins : von der Tatsache der Erfahrung 
hypothetisch zurückschließen auf ihre Ursachen im Transzendenten. 
Solcher Ursachen kann es mehrere geben, es sind faktisch von Ver- 
schiedenen verschiedene erschlossen. Analogien mit Kausalzusammen- 
hängen innerhalb der Erscheinungswelt können uns nicht leiten, denn 
hier kommen ganz andere Verhältnisse in Betracht : es handelt sich um 
Zusammenhänge zwischen der Erfahrungswelt und den Dingen an sich. 
Und darum sind vor dem Forum der strengen objektiven Wissenschaft alle 
Meinungen über das Transzendente gleichberechtigt, soweit sie sich 
nicht mit Tatsachen der Erfahrung direkt in Widerspruch setzen. Ent- 
scheidungen werden trotzdem täglich gefällt in Weltanschauungsfragen : 
es müssen also andre Instanzen sein, von denen sie ausgehn, nicht 
Verstand und Vernunft mit wissenschaftlichen Erwägungen, sondern 
Herz und Oemüt mit ihren persönlichen Wünschen und Ansprüchen. 
Wenn H. E. Ziegler (a. a. O. S. 23; vgl. S. 6 dieser Schrift) 
meint, der Naturforscher nehme zwar nicht eine absolute, aber doch 
eine relative Übereinstimmung zwischen unserm Denken und der wirk- 
lichen Welt an, und diese Übereinstimmung werde durch Experimente 
und neue Erfahrungen fortwährend kontrolliert und verbessert, so beweist er 
mit diesen Worten nur, daß es ihm bisher nicht gelungen ist, in Sinn 
und Absicht des erkenntnistheoretischen Idealismus einzudringen. Die 
»wirkliche Welt« im Sinne von Dingen an sich ist uns nicht gegeben, 
sondern nur erschlossen, zu den Erscheinungen hinzugedacht Alle Ex- 
perimente und alle Erfahrungen, alle Schärfung der Instrumente, die geist- 
reichst ersonnenen Methoden und Theorien können uns immer nur tiefer 
hineinführen in die Geheimnisse der Erscheinungswelt, aber nie hinüber 
in die Welt der Dinge an sich, die wir deshalb auch nie mit unsem 



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115 

1. Theismus. 
Dem frommen Theisten wird nichts den Glauben an 
besondere Fügungen seines Gottes zu nehmen imstande sein. 
Er hat sie ja erfahren, wie er meint, an sich und den 
Seinen. Und diese Erfahrungen sollten für ihn weniger 
beweisend sein als — nicht etwa die Erfahrungen der 
Naturwissenschaft, sondern ihre Forderungen und Be- 
hauptungen? Wohl, wird er sagen, mag es für dich ein 
Lebensprinzip sein, daß es keine Wunder gibt und daß 
überall dieselben Gesetze gelten: für mich wäre das Leben 
nicht lebenswert, mir schwände bei der Arbeit der Mut und 
im Dulden die Kraft, könnte ich nicht fest davon überzeugt 



Experimenten und Erfahrungen vergleichen können, um letztere zu be- 
stätigen oder zu verwerfen. Wenn Ziegler hinzusetzt: »Die Kantianische 
Behauptung, daß wir von der wirklichen Welt nichts erkennen können, 
hat für den Naturforscher keinen Sinn«, so ist er nicht berechtigt, diesen 
Satz im Namen »der« Naturforscher zu sprechen, und was die Sinn- 
losigkeit betrifft, so ist sie sicher nicht auf Kants Seiten zu finden. 

Ich betrachte es also als sicher beweisbar, daß die Wissenschaft in den 
Umkreis der Erscheinungswelt gebannt ist und daß es deshalb nie eine 
wissenschaftliche Metaphysik geben wird; dem widerspricht durchaus 
nicht, daß ich in der Schrift über »Charakter und Weltanschauung« 
(S. 12 ff.) versucht habe, den Gegensatz zwischen Dogmatismus und 
Agnostizismus auf Unterschiede in Individualität und Charakter zurück- 
zuführen. Wie die Materialisten infolge einer ursprünglichen Willens- 
stellung taub sind und (ihrem Charakter gemäß) sein müssen gegen alle 
die vernichtenden Argumente, die gegen ihren Standpunkt vorgebracht 
werden können, so sind die echten Dogmatiker (zu denen ich Busse 
nicht rechne) unzugänglich gegenüber den erkenntnistheoretischen, streng 
wissenschaftlichen Gründen und Beweisen, die dem Wissen und seinen 
Entscheidungen feste, unüberschreitbare Grenzen ziehn. Fides praecedit 
mtellectum : heißt es bei ihnen, wie auch sonst so häufig, sogar inmitten 
der exakten Wissenschaft; gerade Haeckel bietet dafür ein klassisches 
Beispiel : seinen Lieblingstheorien, aus denen sein Wille und sein Glaube 
sprechen, müssen auch die Tatsachen sich »beugen. Aber selbstver- 
ständlich ändern diese Tatsachen so wenig wie jene Gründe und Be- 
weise durch solche Steifnackigkeit der Dogmatiker ihren Charakter. Nur 
freilich — diese letzteren ihrer Irrtümer überführen wollen: das wäre 
ein ganz vergebliches, aussichtsloses Unterfangen. 

8* 



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116 

sein, daß es einen gütigen Oott gibt, der die Schicksale der 
ganzen Welt lenkt, der auch für mich sorgt, der seinen 
Gläubigen zuliebe auch heute noch Wunder tut und Leid 
und Krankheit wendet wie einst zu Elia Zeiten. 

Und der Mann des exakten Wissens: was könnte er 
antworten? Er könnte es im Outen und Bösen versuchen, 
könnte spotten und lächerlich machen, oder zeigen, wie das^ 
vermeintliche Wunder sich »natürlich« erklären läßt; nur eins 
vermöchte er nicht, nämlich nachweisen, daß dies Wunder 
prinzipiell unmöglich ist. Da kann er nur Erwartungen 
aussprechen : was bisher und an vielen Orten gewesen, werde 
auch weiterhin und überall zutreffen. 

Auch Haeckel kommt nicht weiter. Vielleicht denkt er: 
Kühnheit ziert den Streiter, und nimmt deshalb den Mund 
so voll. Immer wieder versichert er, Substanz- und Kausal- 
gesetz seien auf das evidenteste bewiesen und hätten dem 
Olauben an einen persönlichen Oott, an Offenbarungen und 
Wunder jeder Art für immer ein Ende gemacht Der Theis- 
mus ist ihm ein bloßer Aberglaube, göttliche Weltordnung 
ein unhaltbarer Mythus. Daneben spottet er über die zurück- 
gebliebenen Oläubigen. »Oewöhnlich«, meint er, »pflegt bei 
dem modernen Kulturmenschen der Olaube an die Vorsehung 
und die Zuversicht zum liebenden Vater dann sich lebhaft 
einzustellen, wenn ihm irgend etwas Olückliches b^egnet 
ist. Wenn dag^en irgend ein Unglück passiert oder ein 
heißer Wunsch nicht erfüllt wird, so ist die ,Vorsehung' ver- 
gessen; der weise Weltr^ent hat dann geschlafen oder 
seinen S^en verweigert« (W. 315). 

Was das letzte betrifft, so würde der gläubige Theist 
Haeckel auf die vielen Tausende verweisen, denen gerade 
im tiefsten Leid ihr Oottesglaube zum festen Anker wurde, 
auf die Märtyrer, die wohl vom Leben, nicht aber von ihrem 
Oott lassen wollten, auf einen Paulus, der mitten unter 
Schmähungen und Verfolgungen aller Art bekennt: »Wir 
wissen, daß denen, die Oott lieben, alle Dinge zum Besten 
dienen.« — Und was das Substanz- und Kausalgesetz an- 



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117 

geht, so würde der Theist statt bloßer Behauptungen strenge 
Beweise fordern, und Haeckel müßte sie schuldig bleiben. 
Vielleicht gäbe jener zu, daß im allgemeinen strenger Kausal- 
zusammenhang in der Welt herrsche, auch daß Stoff und 
Energie konstant bleibe; aber nichts in der Welt könnte ihn, 
wenn sein Glaube anders echt ist, in der Überzeugung 
wankend machen, daß die Welt als Ganzes einen Anfang 
habe, daß Gott, der die Naturgesetze geschaffen, sie auch 
jeden Augenblick übertreten oder ändern könne, daß, während 
bei allen andern Religionen die Wundererzählungen bloße 
Sagen und L^enden seien, seine Religion eine Ausnahme 
bilde, daß in ihr wirklich der ewige Gott sich dem sterb- 
lichen Menschen offenbart habe. 

So sehr alles das den Ansichten der Naturwissenschaft 
widerspricht: an sich ist es nicht undenkbar oder unmöglich. 
Es steht vielmehr Glaube gegen Glaube: die Naturwissen- 
schaft glaubt an lückenlosen Kausalzusammenhang, und ich 
tue es mit ihr, der Theist glaubt an Wunder und Fügungen. 
Keiner wideriegt den andern, und keiner läßt sich überzeugen. 
Auch auf Seiten der Wissenschaft handelt es sich hier, wo 
sie in den Bereich der Weltanschauung übergreift, nicht mehr 
um Wissen, sondern um Glaubensannahmen, bei denen die 
Individualität das erste und das letzte Wort spricht Ich 
kann ebensowenig wie Haeckel jene Träume des Theisten 
mitträumen, auch mir geht das Wunder gegen meine Natur: 
aber ich bin nicht der Ansicht, daß es Beweise gibt, durch 
welche man die Gegner von der Unrichtigkeit ihres Glaubens 
zu überführen vermag. 

Wideriegt werden können sie nicht, höchstens könnten 
sie — aussterben. Und dahin tendiert allerdings meinem 
Dafürhalten nach die Entwicklung, wenn auch sehr langsam. 
Naturwissenschaftliche Denkungsweise verbreitet sich mehr 
und mehr, durch Experimente und Messung unterwerfen wir 
uns immer größere Gebiete und vermögen die Gesetz- 
mäßigkeit auf ihnen anschaulich nachzuweisen : da muß natur- 
gemäß jene ursprüngliche Willensstellung, die zum Theismus 



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118 

führt, allmählich seltner werden. Aber daß sie in vielen 
Individuen auch mit exakt-naturwissenschaftlicher Auffassung 
vereinbar ist, zeigen Männer wie Kepler, Boyle, Newton. 

Und ob das Aussterben des Theismus einen unbedingten 
Fortschritt darstellen würde, ob er also durchaus zu wün- 
schen ist, wie Haeckel meint — auch dahinter möchte ich 
ein großes Fragezeichen setzen. Bisher auf jeden Fall gibt 
es viele Individualitäten, die ihren ganzen Halt verlieren 
würden, gäben sie plötzlich ihre besondere Art von Oottes- 
glauben auf; die Wasser der Trübsal würden alsbald über 
ihrem Haupt zusammenschlagen. Ist der Theismus auch nur 
eine Illusion: er ist, glaube ich, heutzutage für einen nicht 
ganz kleinen Teil der Kulturmenschheit noch eine nötige 
und nützliche Illusion, eine unersetzliche Waffe im 
Kampf ums Dasein. Ihn entbehren könnten diese Menschen 
nur, wenn sie zuvor von neuem geboren würden: in ihren 
Charakter müßte eine starke Dosis von Stoizismus gemischt 
werden. Der aber ist ein Kraut, das nicht überall gedeiht 

2. Unsterblichkeitsglaube. 
Ebensowenig wie der Theismus von der Naturwissen- 
schaft widerlegt ist oder je widerlegt werden kann, ist es 
mit dem Unsterblichkeitsglauben der Fall. Auch hier sind 
Haeckels Behauptungen leere Großsprechereien. Das Un- 
sterblichkeitsdogma steht angeblich »mit den sichersten Er- 
fahrungssätzen der modernen Naturwissenschaft in unlös- 
barem Widerspruche« und ist ein unvernünftiger Aberglaube. 
Vor 60 Jahren habe man es noch entschuldigen können, 
heutzutage müsse man in ihm einen bedauerlichen Ana- 
chronismus sehn. Und der Grund dieser Veränderung? 
Damals habe man noch nicht so genau wie jetzt die feinere 
Struktur des Gehirns, die physiologische Funktion seiner 
einzelnen Teile, die Gesetze der ontogenetischen und phylo- 
genetischen Entwicklung sowie die Zellseele der Protisten 
(Haeckels Entdeckung!) gekannt. Vor allem aber sprechen 
angeblich die »feineren Vorgänge bei der Befruchtung« gegen 



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119 

die Unsterblichkeit. Sie bestehen in der Verschmelzung 
von zwei mikroskopischen Zellen, der weiblichen Eizelle und 
der männlichen Spermazelle. »Offenbar widerspricht es der 
reinen Vernunft, ein ,ewiges Leben ohne Ende' für eine in- 
dividuelle Erscheinung anzunehmen, deren zeitlichen Anfang 
wir durch direkte sinnliche Beobachtung haarscharf bestimmen 
können« (M. 25/6, vgl. W. 73/4. 161/2. 236. K. 79. L. 72. 372). 

Welch ein Durcheinander von Tatsachen und Theorien ! 
Und welch einseitige Deutung der ersteren! Wie kann man 
auch nur daran denken, den Anfang eines Seelenlebens direkt 
sinnlich zu beobachten! Nur Bewegungen sieht man und 
Lageveränderungen: das muB einem um so klarer zum Be- 
wußtsein kommen, je weiter man gerade in die »feineren 
Vorgänge bei der Befruchtung« eindringt. Aber psychische 
Äußerungen? Man kann sie wohl in diese oder jene Be- 
wegungen hineindeuten oder mit ihnen verbunden denken. 
Aber sie direkt sinnlich wahrnehmen? niemals. Am wenig- 
sten bei so rätselhaften Vorgängen, wie Vereinigung zweier 
Zellen zu einer. Jede Zelle ist ja ein komplizierter Or- 
ganismus, und schon die räumlichen Bewegungserscheinungen, 
in denen jene Vereinigung besteht, sind in fast völliges 
Dunkel gehüllt. Wie viel mehr gilt das von den Innen- 
zuständen geistiger Art, die der Vertreter des psycho-phy- 
sischen Parallelismus natOriich auch hier annehmen muß. 

Ja! gelänge es Haeckel, mit den chemisch-physikalischen 
Kräften bei seiner Theorie der Befruchtung auszukommen! 
Dann könnte allerdings mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit 
angenommen werden, daß in dem Augenblick, wo beide 
Zellen zu einer verschmelzen, das neue Individuum entsteht. 
Aber man lese Haeckels Beschreibung der fraglichen Vorgänge! 
»Die Kerne beider Zellen, der Spermakem und der Eikem, 
werden durch eine geheimnisvolle Kraft, die wir als eine 
chemische, dem Geruch verwandte Sinnestätigkeit deuten, 
zueinander hingezogen, nähern sich und verschmelzen mit- 
einander. So entsteht durch die sinnliche Empfindung der 
beiden Oeschlechtskeme, infolge von ,erotischem Chemotropis- 



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120 

mus^ eine neue Zdle, welche die erblichen Eigenschaften 
beider Eltern in sich vereinigt« (W. 74). 

Wenn ein neues Wort auch eine neue Erklärung 
bedeutete, dann wäre kein Werk reicher an letzteren als die 
»Welträtsel«. Erotischer Chemotropismus ! wie das vielsagend 
klingt! und wie einfach die Lösung zu sein scheint! Nur 
chemische Kräfte und Affinitäten als R^:ulatoren jenes geheim- 
nisvollen Prozesses ! Aber wie wird der neue Terminus näher 
bestimmt? Durch die Ausdrucke »sinnliche Empfindung« 
»eine dem Geruch verwandte Sinnestätigkeit«, »Zellenliebe der 
beiderlei Sexualzellen« (L 213). Ist das auch noch Chemie? 
Ich glaube, ein Chemiker, der erkennen und erklären, und 
nicht nur Worte machen will, würde sich ganz entschieden 
weigern, diese »Sinnestätigkeit«, durch welche Reizbew^ungen 
hervorgerufen werden (L 27Q), aus nichts anderem als allein 
chemischen Kräften abzuleiten. Und mag Haeckel hundert- 
mal das Wort »chemisch« zur nähern Erklärung hinzusetzen: 
er stellt bloBe Behauptungen auf, ohne auch nur den Schatten 
eines Beweises oder einer anschaulichen Konstruktion zu 
liefern. So wie er den Befruchtungsprozeß beschreibt, handelt 
es sich nicht um chemische, sondern um psychische Vorgänge. 

Ist das aber der Fall, dann liegt doch die Annahme viel 
näher, daß in dem Moment der Verschmelzung nicht ein 
neues Individuum entsteht, sondern nur eine neue Ent- 
wicklungsphase eines schon (potentiell) vorhandenen 
b^nnt 

Vermutung ist hier ja noch alles, und eine Theorie muß 
schon sehr ungeschickt entworfen sein, wenn sie durch 
wirklich beobachtete Tatsachen wideriegt werden soll. Man 
braucht nur die verschiedenen Zeugungstheorien, welche 
heute Vertreter finden, anzusehn, um auf das höchste er- 
staunt zu sein, wie Haeckel auf einem so unsichem Gebiet 
mit solchem Selbstvertrauen und solcher Grandezza auftreten 
und die Behauptung wagen kann, die »feineren Vorgänge 
bei der Befruchtung« seien uns jetzt bekannt. Im O^enteil: 
in demselben Augenblick, wo wir einen ganz kleinen Schritt 



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121 

vorwärts tun, indem wir entdecken, daß es sich bei der Be- 
fruchtung um Verschmelzung zweier Zellen handelt, werden 
die eigentlichen Probleme weit, weit in unerreichbare Femen 
hinausgeschoben, da jede Zelle sich als unendlich kompli- 
zierter Organismus offenbart. 

Also den, der sich an die Tatsachen hält und nicht, wie 
Haeckel, dogmatisch die eignen Lieblingsüberzeugungen zu 
Tatsachen macht, nötigt nichts zu der Annahme, daß der 
Befruchtungsaugenblick den Beginn einer neuen Individualität 
bezeichne. Ebenso wenig braucht dann aber der Tod das 
Ende dieser Individualität zu sein. Wer sich die psychischen 
Erscheinungen nicht ohne einheitlichen Träger des 
Bewußtseins erklären kann (der für meinen Standpunkt 
natürlich nur in einem Kraftzentrum bestehn könnte, das sich 
an irgend einer Stelle des Gehirns befindet, einen Teil der 
materiellen Erscheinungswelt bildet und nicht etwa mit allen 
Ganglienzellen, sondern nur mit einer sehr beschränkten Zahl 
von Unterzentren in direkter Verbindung zu stehn brauchte) : 
den hindern keine Tatsachen an dem Glauben, diese von 
aller Ewigkeit her in dem Kraftzentrum aktuell oder potentiell 
existierende Individualität werde auch nach dem Zerfall des 
augenblicklich von ihr »beseelten« Organismus neue Be- 
dingungen der Weiterentwicklung finden. 

Und der Dualist, der an eine besondere immaterielle 
Seelensubstanz glaubt, kann auch durch keine Tatsachen und 
ebensowenig durch Beweise und Schlüsse widerlegt werden. 
Für den Aktualitätsstandpunkt, der im Geiste nichts sieht 
als die Summe aller einzelnen geistigen Vorgänge, hat 
Fechner die Möglichkeit persönlicher Unsterblichkeit und 
eines Wiederfindens nach dem Tode anschaulich zu machen 
versucht. Und kommt nun gar der Idealist und leugnet die 
transzendente Gültigkeit des Raumes oder spricht überhaupt 
der nicht-geistigen Natur die selbständige Existenz ab: wo 
bleiben da die Tatsachen und Beweise Haeckels, wo die 
Einwände der Naturwissenschaft? Fechner war doch ent- 
schieden ein Mann von naturwissenschaftlicher Denkungs- 



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122 

weise, er war phantasiereich, aber kein Phantast, und seine 
metaphysischen Träume verstoßen nirgends g^en die wirk- 
h'ch festgestellten Tatsachen. Aber trotzdem glaubte er an 
Unsterblichkeit; er tat es, weil sein Gemüt ihn dazu drängte, 
er durfte es, weil die Naturwissenschaft nichts aufweisen 
kann, was ihn daran hätte hindern können. 

Nein ! Ein Aber glaube ist die Unsterblichkeitshoffnung 
auch heute noch nicht, so wenig, wie sie es vor sechzig 
oder sechshundert Jahren war. Sie ist zwar zunächst nichts 
als ein schöner Traum, aber ein Traum, der denen Wahrheit 
ist, die ihn träumen, der sie mit Mut und Ausdauer, mit 
Energie und Idealismus zu erfüllen vermag. Erst wenn wir 
das Wesen der Dinge an sich ganz zu durchschauen ver- 
möchten, könnten wir wissen, ob der Glaube nur ein 
Traum ist oder ob ihm Wirklichkeit entspricht. Ein 
solches Wissen aber ist einem Menschen nicht erreichbar. 

Warum also, da es sich um Möglichkeiten handelt, denen 
die Naturwissenschaft kein Veto entgegenstellen kann, suchen, 
den Menschen ihren Glauben zu entreißen? Haeckel bedarf 
des Glaubens an Unsterblichkeit nicht, sein Gemüt stellt 
Forderungen anderer Art Gut! mag er seine W^e gehn; 
aber warum will er andere abhalten, die ihren zu wandeln? 
Wer hat ihn zum Glaubensrichter und Seelsorger gesetzt? 
Seelsorger müssen Leute mit weitem Herzen, mit Menschen- 
kenntnis und Menschenliebe sein, Leute, die imstande sind, 
aus der Enge ihres eignen kleineh Ichs herauszutreten und 
sich in anderer Lagen und Gemüter mit herzlichem Anteil 
hineinzuversetzen. Solch ein Mann ist Haeckel nicht Er 
kennt nur die eigne Denkart und will, daß alle sich ihr an- 
passen. Den Gesetzgeber wäre er vielleicht geeignet zu 
spielen, aber nimmermehr den Seelsorger. Unsterblichkeits- 
trunkene Charaktere wie der Klopstocks müssen ihm so un- 
verständlich sein, wie dem Durchschnittsphilister der Auf- 
klärungszeit das Wesen des Genies. Was wäre Klopstock 
diese Welt gewesen, hätte er nicht im Hinblick auf die 
Freuden der künftigen jauchzen und stammeln, in Gefühlen 



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123- 

schwelgen und in Tränen der Sehnsucht zerfließen können. 
Und die Tausende von Märtyrern und Olaubenshelden ! Ein 
Paulus, dessen Streben und Dulden von der Überzeugung 
getragen wurde, »daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit 
nicht wert sei, die an uns soll offenbaret werden!« Die 
vielen »Stillen im Lande«, die oft in dürftigen Verhältnissen, 
vom Schicksal schwer gebeugt, dahinleben mit gläubigem 
Aufblick nach oben, in der beseligenden Gewißheit eines 
bessern Jenseits, wo »Gott abwischen wird alle Tränen von 
ihren Augen«, wo »der Tod nicht mehr sein wird, noch 
Leid, noch Geschrei, noch Schmerz«, sie alle wären ver- 
zweifelt und verzagt, sie wären zusammengebrochen unter 
ihrer Bürde, und die Sonne ihres Lebens hätte ihnen nicht 
mehr geschienen, wäre ihnen die Unsterblichkeitshoffnung 
genommen. Sie allein war es, die ihnen Balsam auf die 
Wunden legte, sie die einzige Fackel, die ihren dunkeln 
Pfad erhellte. Und nun sollte sie aus der Welt gestrichen 
werden, nur weil Haeckel ihrer nicht bedarf, nur weil er 
sich nicht in die Seelen der Tausende hineinversetzen kann, 
bei denen das Gegenteil der Fall ist? In Protisten- und 
Affenseelen mag er Bescheid wissen: das Menschengemüt 
ist ihm fremd. 

Möge er denn denken und glauben, was sein Herz ihm 
befiehlt. Aber dasselbe Recht muß er auch andern zuge- 
stehn! und nicht meinen, daß er sich bei seinen Ent- 
scheidungen nur von objektiven Gründen, von Tatsachen 
und logischen Erwägungen leiten läßt. 



Zweiter Abschnitt. 
Haeckel — der Erzgläubige. 

Im Gegenteil ! Wenn er Theismus und Unsterblichkeits- 
hoffnung als unvernünftig bezeichnet, so beweist er damit 
nur die Größe seines Glaubens, der darum nicht 
minder ein Glaube ist, weil der Christ ihn als Unglauben 



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124 

bezeichnen wurde. Wenn Erkenntnistheorie und Einzel- 
wissenschaften etwas als möglich anerkennen , so gehört 
dazu, dies Etwas als u n möglich und absurd zu leugnen, ein 
viel höherer Orad von Dogmatismus, als erforderlich wäre, 
um es für wirklich zu halten. Haeckels Materialismus ist 
auch ein Glaube, und dazu noch ein recht plumper, ein — 
Aberglaube, bei dem das wirklich der Fall ist, was dem 
Theismus und der Unsterblichkeitshoffnung mit Unrecht vor- 
geworfen wird: er widerspricht ursprünglichsten, best- 
bekannten Tatsachen; die ganze Bewußtseinswelt zeugt 
wider ihn. 

Noch mehr! Haeckel glaubt nicht allein da, wo er 
(wie in Fragen der Weltanschauung) nicht anders kann. Er 
glaubt sogar da, wo er es gar nicht nötig hätte. 

Er ist eine durch und durch dogmatische Natur. Und 
wie allen Dogmatikem geht ihm die Selbstkritik völlig ab, 
sobald seine Lieblingsmeinungen in Frage kommen. Da 
verwandeln sich ihm bloße Hypothesen in Sätze sichern 
Wissens, er glaubt zu beobachten, wo er doch nur seine 
eignen Gedanken in die Dinge hineinträgt Vorgefaßte An- 
sichten treten zwischen ihn und die Tatsachen, und die 
Macht seines Glaubens ist so groß, daß er das wirklich zu 
sehen meint, was er zu sehen wünscht. So betrügt er 
sich selbst und andere. Beides aber, ohne es zu wollen, 
beides in der festen Oberzeugung, daß die ganze Wahr- 
heit auf seiner Seite ist. 

Das eben ist die größte Gefahr des Dogmatismus: er 
macht unaufrichtig, ohne daß man es merkt. Diese innere 
Unaufrichtigkeit untergräbt dann das feinere sittliche Emp- 
finden und führt oft auch zu bewußter Unwahrhaftigkeit 
und gewollter Fälschung der Tatsachen. So bei Haeckel 
sicher in dem Fall Hamann, wo er einem früheren Schüler 
über die Vorgänge bei Besetzung einer Jenaer Professur 
direkte Unwahrheiten mitteilte.^) 

1) Vgl. O. Hamann: Professor Ernst Haeckel in Jena und seine 
Kampfweise. Oöttingen. 1893. 



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125 

Mit Dogmatikem wie Haeckel ist der Streit so uner- 
freulich wie erfolglos. Ihre Ansichten und Gründe wirklich 
nachzuprüfen: dazu sind sie unfähig. Verstehn sie sich zu 
einer Revision, so ist sie nur scheinbar; das Resultat ist 
von vornherein sicher, es ist der § 1 der vorsintflutlichen 
^Meckelnborgschen Landdagsafslüsse«, wie sie das »selige 
Eddelmannsgeriww« bei Reuter aufgezeichnet hat: »Aliens 
bliwwt bi'n Ollen«. Ja, könnte man sich mit ihnen wenig- 
stens darüber verständigen, wo die Fakta aufhören und die 
Deutung anfängt! Aber so ist schon die Grundlage ver- 
schieden, von der man ausgeht. Daß Haeckel durch meine 
oder eines andern Ausführungen bewogen werden könnte, 
seine Ansichten zu ändern, halte ich für ausgeschlossen. 
Notwendig aber ist es, ihn dem größeren Publikum in 
seiner wahren Gestalt als starren Dogmatiker 
zu zeigen und nachzuweisen, eine wie große Rolle der 
Glaube bei ihm selbst spielt und wie wenig Grund er des- 
halb hat, über anderer Glauben herzuziehn. 

a) Glaube inmitten der Wissenschaft. Haeckels 
Leichtfertigkeit im Behaupten. 
Für Haeckel sind seine Vorurteile endgültige Urteile. 
Wo es sich um Theorien handelt, die seinem Herzen teuer 
sind, da erscheint ihm Unbewiesenes als streng bewiesen, 
Möglichkeiten und bloße Phantasien werden ihm zu Wirk- 
lichkeiten, schwerwiegende Einwände betrachtet er als nicht 
vorhanden, und selbst seine Sinne werden unter dem Ein- 
fluß des untrüglichen Dogmas so hypnotisiert, daß sie in 
der Tat das wahrnehmen, was er wünscht. So vermag er 
nicht zu sehn, was andere Forscher beobachtet haben: 
die Unterschiede der frühesten Gestalt und Entwicklung 
beim menschlichen Embryo und bei dem anderer Wirbel- 
tiere. Um die angebliche (in Wirklichkeit nicht vorhandene) 
durchgängige Übereinstimmung recht anschaulich zu machen, 
brachte er es in der ersten Auflage seiner »natüriichen 
Schöpfungsgeschichte« (1868) fertig, dem gläubigen Leser 



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126 

die Bilder von drei Embryonen vorzuführen, die — mit 
einem und demselben Klischee oder Holzstock herge- 
stellt waren. Bei einem andern wurde man von absicht- 
licher Fälschung sprechen müssen. Bei einem so Erz- 
gläubigen wie Haeckel ziehe ich die bona fides durchaus 
nicht in Zweifel und stimme ihm bei, wenn er selbst sein 
Vorgehn später »eine höchst unbesonnene Torheit« nennt 

Der berechtigte Einheitstrieb ist bei ihm in eine un- 
berechtigte Einheitswut ausgeartet, der sich nichts entziehen 
kann. Nur für die Ähnlichkeiten, die geeignet sind, seine 
Theorien zu stützen, hat er ein Auge; an den Abweichungen, 
die (wie der fundamentale Unterschied zwischen organischer 
und anorganischer Welt) ihm Schwierigkeiten bereiten würden, 
gleitet sein Blick achtlos vorüber. Nicht als ob Haeckel sie 
nicht sehn wollte: er kann sie nicht sehen. Sie würden 
seinem Abgott: der lex parsimoniae widerstreiten. Und wie 
der Blinde kein Organ für die Farben, so hat Haeckel keines 
für die Oegeninstanzen. Die Einfachheit einer Theorie ist 
für ihn schon ein Zeichen für ihre Oüte und Richtigkeit 
Aber diese Einfachheit wird in den »Welträtseln« wie in 
den »Lebenswundem« oft nur auf Kosten der Wahrheit und 
Tiefe erreicht Die Probleme werden nicht gelöst, sondern 
wegeskamotiert, oder überhaupt nicht in Angriff genommen, 
sondern sorgfältig umgangen. An Stelle von Erklärungen 
treten abstrakt -schematische Allgemeinheiten, die sich der 
konkreten Wirklichkeit gegenüber als ein zu weitmaschiges 
Netz erweisen. 

Der Darwinismus ist für Haeckel nicht eine mögliche 
Theorie, oder eine Hypothese, die für ihn persönlich 
eine der Gewißheit gleichkommende Wahrscheinlichkeit be- 
sitzt, sondern eine streng bewiesene Tatsache. Und 
nicht etwa nur die Lehre von der Entwicklung, sondern 
vor allem auch die von der natüriichen Zuchtwahl, durch 
welche angeblich das große Problem der Zweckmäßigkeit 
vollständig gelöst ist Daß ernste Bedenken dagegen geltend 
gemacht sind, daß die Mehrzahl der Naturforscher jetzt, nach 



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127 ■- 

mehr als 40 Jahren, weniger als je mit Darwins Prinzip, 
ohne Zuhilfenahme innerer Tendenzen in den Organismen, 
glaubt auskommen zu können, wird höchstens flüchtig an- 
gedeutet. Ein Versuch, die Bedenken zurückzuweisen, wird 
nicht gemacht Im Absprechen und Verurteilen ist Haeckel 
Meister: ein Widerlegen der Oegner hält er nicht für nötig. 
So wird als »sichere historische Tatsache die fol- 
genschwere Erkenntnis« mitgeteilt, daß »der Mensch vom 
Affen abstammt«. In den letzten beiden Dezennien sollen 
in versteinerten Skeletten von Halbaffen und Affen alle die 
wichtigen Zwischenglieder entdeckt sein, welche eine 
zusammenhängende Ahnenkette von den ältesten Halbaffen 
bis zum Menschen hinauf darstellen. Eine besondere Rolle 
spielt unter diesen Ahnen natürlich der berüchtigte verstei- 
nerte Affenmensch von Java. Durch seine Auffindung ist 
nach Haeckel auch von selten der Paläontologie die Ab- 
stammung des Menschen vom Affen klar und sicher be- 
wiesen (W. 97—100). 

Daß eine einheitliche Entwicklungsreihe vom niedersten 
Organismus aufwärts bis zum Menschen führe, wird für 
jeden Monisten ein sehr sympathischer Gedanke sein. Wo 
aber unsere nächsten Ahnen zu suchen sind, darüber läßt 
sich auf Orund des vorliegenden Materials, falls man es 
vorurteilslos prüft, nichts ausmachen. Bringt die Zukunft 
Beweise dafür, daß wir »von den Affen« abstammen, — 
gut! dann ist das eben eine Tatsache wie andere Tatsachen^ 
die einfach hinzunehmen ist und bei der man weder Recht 
noch Orund hat, empört zu sein oder empört zu tun. 

Empörend aber ist es, wie Haeckel diese Dinge be- 
handelt. Mit vollen Händen streut er seinen Lesern Sand 
in die Augen. Was man bisher nur hoffen und wünschen 
oder höchstens als wahrscheinliche Hypothese gelten lassen 
kann, erscheint bei ihm im Oewande absoluter Notwendig- 
keit. Er schreibt für ein größeres Publikum, das den Stand 
der wissenschaftlichen Probleme nicht kennt Mit Vorliebe 
tritt er als Wortführer modemer Wissenschaft und speziell 



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128 

der Entwicklungslehre auf. Will er das sein, so würde aber 
doch die elementarste Anstands- und Oewissenspflicht er- 
fordern, daß er jedes Wort auf die Ooldwage legt und nicht 
mehr behauptet, als er im Namen der Wissenschaft darf, 
daß er also persönliche Meinungen und Überzeugungen als 
solche kennzeichnet. Was tut er statt dessen? Ein Leser, 
der Ober Dubois' Fund nicht genauer orientiert ist, muß auf 
Orund von Haeckels Bericht notwendig zu der Ansicht 
kommen, daß in Java ein ganzer versteinerter Affenmensch 
gefunden sei. Daß es sich nur um Schädeldach, Backen- 
zahn und Oberschenkelknochen handelt, und daß Autoritäten 
wie Virchow starke Zweifel an der Zusammengehörigkeit 
der Knochen geäußert und außerdem das Schädeldach, auf 
welches alles ankommt, für das eines reinen Affen gehalten 
haben: davon erfährt man kein Wort. Und so geht es 
weiter durch das ganze Werk. Zellseele, histonale Vor- 
stellung, Cönobial-Seele, Histopsyche, Kormal-Seele, Oasträa- 
und Karbogentheorie, biogenetisches Grundgesetz und wie 
die übrigen Phantasien und Theorien Haeckels heißen, mit 
denen die strenge Wissenschaft nicht rechnet oder die sie 
höchstens als Hypothesen zuläßt: sie alle werden dem Pu- 
blikum als wissenschaftlich bewiesene Tatsachen vorgeführt 
Ein besonderes Faible scheint Haeckel für den Welt- 
Äther zu haben. »Die Existenz desselben als realer Materie 
ist heute (seit 12 Jahren) eine positive Tatsache«, in der 
luftleeren Glasglocke »sehen [!] wir den schwingenden 
Äther«, und gerade in neuester Zeit soll die Physik be- 
merkenswerte Fortschritte in seiner Erkenntnis gemacht haben 
(W. 260, M. 16). In Wirklichkeit gehört nun gerade seit 
den letzten Jahren die Äthertheorie zu den pudenda der 
Physik, die zwar, weil naturalia, non sunt turpia, von denen 
man aber doch in anständiger Gesellschaft (wenn von sichern 
Tatsachen die Rede ist) nicht gern spricht. Man kann den 
Äther mit einem alten Familien-Faktotum vergleichen, das, 
ungeheuer diensteifrig, sich willig alles aufbürden läßt. Nun 
hat man aber seine Gutmütigkeit allzusehr mißbraucht und 



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129 

den Alten »überlastet«.*) Und wenn man ihn nicht so 
dringend nötig hätte, wenn die Möglichkeit eines Ersatzes 
auch nur von ferne winkte, so würde wohl in manchen 
Herzen der fromme Wunsch r^e werden, der Alte möge 
sanft entschlafen, damit man ihn mit allen Ehren im Familien- 
erbbegräbnis bestatten könne, allwo schon so viel zu Tode 
gehetzte Theorien nebeneinander ruhn, friedlich, so spinne- 
feind sie sich im Leben waren. 

b) Haeckels Unduldsamkeit. 

Neben Leichtsinn im Behaupten bildet Unduldsamkeit 
und Verketzerungssucht ein Hauptkennzeichen des Dogma- 
tismus und eine der unangenehmsten Zugaben übereifrigen 
Glaubens, der sich seines Wesens, seiner individuellen Grund- 
lage nicht bewußt ist und meint, sicheres Wissen zu sein. 

Bei Haeckel machen sich diese Eigenschaften in auf- 
dringlichster Weise geltend. Bei seinen G^;nem ist er von 
vornherein geneigt, Bosheit und Tücke zu mutmaßen. Sie 
sind nicht in erster Linie anders Denkende, sondern 
Übelwollende. Daß eine Sache verschiedene Seiten 
haben und von Verschiedenen verschieden aufgefaßt werden 
kann, will ihm nicht in den Sinn. Seine Ansicht scheint 
ihm die einzig mögliche zu sein, bei ihm ist die ganze 
Wahrheit, bei jenen nur Irrtum und Vorurteil. Und lassen 
sie sich nicht überzeugen, so kann es nicht am Argument 
li^en — ihn hat es ja überzeugt! — , sondern nur an ihrer 
Dummheit oder Böswilligkeit. Sie heucheln, wenn sie am 
Alten festhalten, und lügen, wenn sie seine Gründe nicht 
beweisend finden. 

Wenn Naturforscher sich heutzutage nicht zu Haeckels monistischer 
Weltanschauung bekennen, so soll der Orund zum Teil im Mangel an 
genügendem moralischen Mut zu suchen sein (M. 8. 27. W. 384). Bei 
verdienten Forschem wie Wundt, Virchow, Du Bois-Reymond, K. E. 
V. Baer wird der philosophische Prinzipienwechsel, den Haeckel in ihren 

1) Lord Kelvins Rechnungen ergaben, daß ein Medium mit solchen 
Eigenschaften, wie sie dem Äther derzeit beigelegt werden, überhaupt 
nicht existenzfähig wäre. 

Adickes, Kant contra Haeckel. 2. Aufl. 9 



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130 

Ansichten aus späteren Lebensjahren wahrnimmt, auf die Einflüsse des 
beginnenden Alters zurfidcgeffihrt, das allmähliche Rückbildung ebenso 
im Oehim wie in andern Organen hervorbringe (W. 107—110. 116—8; 
vg^. 310). Und das wagt Haeckel zu sagen, er selbst ein Oreis! und 
in einem Werk, in dessen wiederholungsreicher Weitschweifigkeit die 
Spuren der Senilität so klar zu Tage treten! — Daß der Neovitalismus 
gerade jetzt an Ausdehnung gewinnt, erklärt sich angeblich zum Teil 
aus der allgemeinen Reaktion im geistigen und politischen Leben 
(W. 445). Welche Unverschämtheit gegen die betreffenden Forscher! 
Weil ihre Ansichten denen Haeckels entgegengesetzt sind, muß neben 
sachlichen Gründen auch niedrige Kriecherei unter ihren Motiven mit- 
gespielt haben! Wenn Descaries die Seele der Tiere leugnet, der 
menschlichen dagegen Immaterialität zuspricht, so »darf man wohl mit 
Recht annehmen, daß er seine wahre Überzeugung verschwieg«, daß er, 
aus Furcht vor der Macht der Kirche und ihren Scheiterhaufen, »wider 
bessere Einsicht die Wahrheit verieugnete«. Als ob es nicht auch in 
anderen Menschen Widersprüche gäbe! Und wenn man einen andern 
nicht begreifen kann, muß man dann gleich in seiner Niedertracht und 
Gemeinheit den einzig möglichen Erklärungsgrund suchen? Liegen 
gerade bei Descartes nicht andere Erklärungen viel näher? Ja, wenn 
er ein so seichter Denker gewesen wäre wie Haeckel! Aber ihm war 
das Problem des Bewußtseins aufgegangen. Und wenn Haeckel auch 
achtlos daran vorüber geht, wenn ihn das Bewußtsein auch nichts 
Eigenartiges zu sein dünkt, kann er sich dann nicht wenigstens in die 
Lage derer hineinversetzen, bei denen das nicht der Fall ist? 

Besonders stark zeigt Haeckels Unduldsamkeit sich dem 
Christentum gegenüber. Daß er dessen Dogmen nicht teilt, 
ist sein gutes Recht, daß er es offen und mutig ausspricht, 
kann man nur anerkennen. 

Aber der Charakter seiner Polemik! Er ist unedel und 
unwürdig. Jeder aufrichtige Glaube hat Anspruch auf Achtung 
und Duldung. Haeckel darf beides für den seinen veriangen, 
ist aber beides auch abweichenden Ansichten schuldig. Die 
Art, wie er gegen das Christentum zu Felde zieht, stößt auch 
die ab, welche dessen Dogmen nicht beistimmen können. 

Dem Theismus schiebt er die »paradoxe Vorstellung Oottes als 
eines gasförmigen Wirbeltieresc zu (W. 15. 303. 333). Zahlreiche Heilige 
werden von den Katholiken »um gütige Vermittlung beim obersten 
Oott (oder bei dessen Freundin, der ,Jungfrau Maria',) ersucht« 
(W. 321). »Viele Gläubige behaupten , daß die Mutter der Jungfrau 
Maria ebenso durch den ,Heiligen Oeisf befruchtet worden sei, wie 



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131 — 

diese selbst; demnach würde dieser seltsame Qott sowohl zur 
Mutter als zur Tochter in den intimsten Beziehungen 
gestanden habenc (W. 375). Der Unsterblichkeitsglaube wird mit Tisch- 
rficken und Oeisterklopfen und mit einer törichten Wunderlegende auf 
eine Stufe gestellt (W. 361). 

Orthodoxie und Mittelalter müssen natürlich in hohem Maße her- 
halten. Je lauter jene die Theorie der christlichen Sittenlehre predigt, 
desto weniger erfüllt sie selbst deren Gebote in der Praxis (M. 29). 
Im Mittefalter, dieser ^traurigsten Periode der menschlichen Oeschichtec, 
hat der kulturfeindliche Einfluß des Christentums auf allen Gebieten 
der Naturerkenntnis die unüberwindlichsten Hindemisse bereitet (W. 49/50 
365). (Hat Haeckel denn nie von der kulturbringenden Tätigkeit 
der Mönche gehört?) Die Weltherrschaft der Päpste, deren große 
Mehrzahl aus schamlosen Gauklern und Betrügern bestand, prägt vor 
allem dem Mittelalter seinen finstem Charakter auf; sie bedeutet den 
Tod alles freien Geisteslebens, den Rüdegang aller wahren Wissen- 
schaft, den Verfall aUer reinen Sittlichkeit (W. 374. 363). Diese Ex- 
pektorationen zeigen, daß Haeckel vom Wesen des Mittelalters ungefähr 
so viel Ahnung hat, wie der Esel vom Buchstabieren. Das Kostbare 
dabei ist, daß er sich als »unbefangenen Kenner« der Geschichte des 
Papsttums hinstellt (W. 374), zugleich aber »in der langen Geistesnacht 
des christlichen Mittelalters« Galilei [geb. 1564!] und Giordano Bruno 
[geb. 1548!] von den Nachfolgern Christi der Tortur und dem Scheiter- 
haufen überliefert werden läßt; diese »Beispiele schreckten genügend 
jedes freie Bekenntnis ab; dieses wurde erst wieder möglich, nachdem 
die Reformation und die Renaissance die Allmacht des Papismus ge- 
brochen hatten« (W. 224. Wörtlich so auch noch in der Volksausgabe S.79!). 

Solcher — Versehen 'gibt es viele. i'Fr. ^Loofs hat in seinem 
»Anti-Haeckel« das XVII. Kap. der »Welträtsel« (S. 355—380: »Wissen- 
schaft und Christentum«) einer sorgfältigen Kritik unterzogen und 
Haeckels große Unkenntnis hinsichtlich des Christentums und seiner 
Geschichte an zahlreichen Beispielen nachgewiesen. Nun kann ja 
freUich keiner alles wissen. Wer aber über eine Sache öffentlich urteilen 
wUl, hat die Pflicht, sich vorher mit ihr vertraut zu machen. 

Haeckels Führer in theologischen Dingen ist das »ausgezeichnete 
Werk« (die »geistreiche fSchrift«) des »gelehrten und scharfsinnigen 
englischen Theologen Saladin (Stewart Ross)« : »Jehovahs gesammelte 
Werke. Eine kritische Untersuchung des jüdisch-christlichen Religions- 
gebäudes auf Grund der Bibelforschung«. Loofs zeigt, daß diese Schrift 
»nichts anderes ist als ein Schandbuch eines unwissenden und groben 
Journalisten niederster Art«. Und ein solches Machwerk benutzt Haeckel 
als Quelle! stellt es als Autorität hin! 

Die Seiten 375—380 beschäftigen sich mit der Herkunft Jesu. Im 



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132 

Namen der »objektiven Oesdiiditswissenschaft« tischt er seinen Lesern 
als geschichtliche Tatsache auf, was jeder, der von historischer Kritik 
auch nur eine leise Ahnung hat, als Verieumdung abweisen wird: daß 
nämlich »Josephus Pandera, der römische Hauptmann einer kalabresischen 
Legion, weldie in Judaa stand«, Maria verführt habe und der Vater 
Jesu geworden sei. 

Für Haeckel bedeuten diese Angriffe auf das Christen- 
tum w^en ihrer Plumpheit und Leichtfertigkeit, wegen ihres 
niedrigen Tones und der krassen Ignoranz in allbekannten 
Dingen, wegen der Unverfrorenheit, mit der leichtsinnige 
Urteile für Aussprüche echter Wissenschaft ausg^eben 
werden, ein gründliches Fiasko. 

Es tut einem leid, daß die Forscherarbeit eines Mannes 
von unbestreitbar großen Verdiensten einen so schmählichen 
Abschluß finden mußte. Warum war das nötig? 

Schuld ist in erster Linie Haeckels Haß g^en das 
Christentum. Es steht Glaube gegen Glaube. Und nirgends 
wogt der Streit heftiger, als wenn Herzen (nicht Köpfe!) 
zusammenstoßen. Kann man mit Gründen dem G^^er 
nicht beikommen, dann wird zum schweren Geschütz der 
Beleidigungen und Verieumdungen gaffen. Haeckel ist 
ein Absolutist, ein Fanatiker. Das Absolute, woran er felsen- 
fest und unbedingt glaubt, sind die Dogmen seines »Mo- 
nismus«. Seine Orthodoxie ist der christlichen gerade ent- 
gegengesetzt, aber darum nicht minder eine Orthodoxie: 
auch Blitz und Bannfluch fehlen ihr nicht. Er verieumdet 
und verdreht nicht etwa mit Absicht und Bewußtsein. Er 
ist auch hier das, was er an mehreren Stellen des Vorworts 
ausdrücklich für sich in Anspruch nimmt: ehrlich. Das ob- 
jektiv Unglaublichste erscheint ihm als das Wahrscheinlichste; 
so groß ist sein Haß g^en das Christentum. Was der 
unparteiische Historiker sofort als Verieumdung oder Le- 
gendenbildung erkennt und abweist: Haeckel ist es will- 
kommene Beute. Gemeinheit dünkt ihn geistreich, eine 
Schmähschrift wird ihm zur Autorität, nur weil deren Ver- 
fasser von gleichem Haß g^en das Christentum beseelt 
ist wie er selbst Gewiß kann man Haeckel hier mit Recht 



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133 

vorwerfen, daß seine Arbeit nicht gewissenhaft sei, daß er 
sich bei der wissenschaftlichen Theologie hätte Rat holen 
müssen. Was würde er antworten? Daß er nicht deren 
Vertretern, wohl aber Saladin Unparteilichkeit zutraue. Glaube 
macht eben blind. ^) 

1) So konnte und mußte ich 1900 die Sache auffassen. Heute 
(1906) fällt es einem sehr, sehr viel schwerer, auch hier an die bona 
fides Haeckels zu glauben. Ursprünglich (W. 378, 379) hatte er seine 
Behauptung über die Herkunft Jesu auf eines (bezw. mehrere) der apo- 
kiyphen Evangelien gestützt, dessen (bezw. deren) Angabe »durch den 
Sepher Toldoth Jeschua bestätigt« werde. Loofs wies ihn dann in 
einem offenen Briefe (Christliche Welt 1899) darauf hin, daß jene Be- 
hauptung sich in keinem apokiyphen Evangelium findet und daß 
der »Sepher Toldoth Jeschua« eine dem Mittelalter entstammende jü- 
dische Schmähschrift ist Statt seinen Irrtum einzugestehn , verschob 
Haeckel in seiner Entgegnung in der »Zeitschrift für wissenschaftliche 
Kritik und Antikritik« (1900, S. 49, 50) die Streitfrage und ergriff ein 
Rettungsseil, das der Herausgeber jener Zeitschrift, Herr Dr. Bischoff, 
ihm zuwarf. Er behauptete nämlich, mit dem »Sepher Toldoth Jeschua« 
einen im Talmud erwähnten, noch ins erste Jahrhundert gehörigen 
»Sepher Toldoth« [Qeschlechtsregister!] gemeint zu haben, und im 
übrigen führte er seine Notiz auf den Platoniker Celsus zurück (auf den 
ihn erst Loofs aufmerksam gemacht hatte!), obwohl dieser Celsus nur 
von »einem gewissen Soldaten mit Namen Pantheras« spricht, und 
nicht wie Haeckel von einem römischen Hauptmann einer kalabresischen 
Legion mit Namen Josephus Pandera. In der 3. Aufl. des »Anti- 
Haeckel« wird nun aber von Loofs festgestellt (und Dr. Bischoff muß 
es zugeben!), daß jener talmudische »Sepher Toldoth«, auf den Haeckel 
sich als Kronzeugen beruft, gar nicht existiert Also eine neue gründ- 
liche Blamage, die Haeckel schweigend einsteckt! In der Volksausgabe 
der Welträtsel (S. 131/2) ist der »Sepher Toldoth« ganz fallen gelassen. 
Jetzt fungieren als Quellen wieder die »alten apokiyphen Schriften« 
(resp. eine von ihnen), unter denen nur die apokiyphen Evangelien 
verstanden werden können, denn von ihnen allein ist auf S. 131 die 
Rede, und auf sie wird durch den Verweis zurüdcgegriffen : »Nun 
findet sich aber in - einer jener apokiyphen Schriften eine historische 
Angabe« etc., worauf dann der Pandera-Roman wörtlich genau so wie 
in der ursprünglichen Ausgabe berichtet wird; zum Schluß folgen noch 
in Klammer die Worte: »Vgl. Celsus, 178 n.Chr.« Man beachte wohl: 
in seiner Entgegnung auf den offnen Brief von Loofs gibt Haeckel der 
Wahrheit die Ehre, läßt die apokryphen Evangelien als Gewährsmänner 
für die Pandera-Oeschichte ganz weg und führt als »einzige Quelle« 



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134 

Überraschend ist es, daß Haeckei, einer der Vorkämpfer 
der Entwicklungsidee, für die Auffassung geschichtlicher 
Entwicklung durchaus kein Organ hat Die historisch- 
genetische Betrachtungsweise liegt ihm ganz fem. Auch 
darin ist e r ein echter Absolutist Von der Kat^orie des 
den Platoniker Celsus an, dessen Angabe durch Nachrichten des Tal- 
mud gestützt werde (Zeitschr. f. wissensch. Krii u. Antikritik, 1900, 
S. 49/50); Loofs macht ihn dann darauf aufmerksam, daß bei Celsus 
sich eine andre Relation findet als die in den Welträtseln gegebene, und 
daß der angebliche talmudische »Sepher Toldoth« gar nicht existiert 
(»Anti-Haeckel« , 4. Aufl. S. 41—4); und trotz alledem bringt Haeckel 
es fertig, auch heute noch, in dem 171.— 180. Tausend der Volksaus- 
gabe der Weltratsel, die apokryphen Evangelien als Quelle anzugeben 
(obwohl er selbst früher hat zugestehn müssen, daß sie von Pandera 
nichts wissen!), dagegen den »Sepher Toldoth Jeschua« als Gewährs- 
mann zu streichen, obwohl es keinem Zweifel unteriiegt, daß seine 
Angaben über Pandera auf irgend welchen Umwegen einer der Fas- 
sungen dieser mittelalterlichen jüdischen Schmähschrift entstammen!! 

Dazu kommt ein weiterer erschwerender Umstand. Die englische 
Übersetzung der W. bringt in ihrer 4. Aufl. im XVII. Kap. große Ver- 
änderungen: die plumpen Invektiven gegen das Christentum sind fort- 
gelassen, Saladin kommt überhaupt nicht mehr vor, das ganze Kapitel 
trägt einen ernsteren wissenschaftlicheren Charakter, der Pantheras- 
Roman ist zwar unter genauer Angabe der Quellen mitgeteilt, aber mit 
dem Zusatz, daß die Wissenschaft ihn allgemein verwirft und im 
Zimmermann Joseph Jesu Vater sieht Diese Änderungen werden 
S. HO (zu Anfang des 7. Absatzes des 17. Kapitels) folgendermaßen 
begründet: ^Until Professor Haeckel was convinced of the unrelia- 
bility of the authority for his Statements in this section and the closing 
pages of this chapter, the translator did not feel justified in interfering 
with the texi Professor Haeckel has now recognised that he had 
been misled as to the weight of his author, and has withdrawn several 
of the Statements in the present chapter. The translator has, therefore, 
now amended the text and brought it up to date on these points«. 
Haeckel hat dann zwar in der ^Zukunft« (24. Sepi 1904) erklärt, daß 
die vom Übersetzer vorgenommenen Textänderungen ihn gar nichts 
angehn. Aber wie kann er es dulden, daß in England unter seinem 
Namen Ansichten verbreitet werden, zu denen die deutsche Ausgabe 
sich in ausgesprochenen Gegensatz stellt? daß dort von ihm gesagt 
wird, er habe den Unwert Saladins erkannt und verschiedene von den 
Behauptungen des 17. Kapitels zurückgenommen, während in Deutsch- 
land die Volksausgabe (abgesehn von wenigen untergeordneten Punkten) 



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135 

Werdens weiß er auf geschichtlichem Gebiete keinen Ge- 
brauch zu machen. Sonst könnte er nicht auf der einen 
Seite nur Wahrheit, auf der anderen nur Irrtum, Verstocktheit 
und Luge sehn, könnte nicht dem Mittelalter und der heu- 
tigen Orthodoxie gegenüber so völlig verständnislos sein. 

In einer Anmerkung (W. 461/2) erzählt Haeckel, er 
habe eine fromme Erziehung genossen, sich auf der. Schule 
durch besonderen Eifer und Fleiß im Religionsunterricht 
ausgezeichnet und in seinem 21. Jahre noch die christlichen 
Glaubenslehren in febhaften Diskussionen gegen seine frei- 
denkenden Kommilitonen auf das Wärmste verteidigt. Zur 
völligen Aufgabe des Christentums sei er — unter den 



den ursprünglichen Wortlaut beibehält? Sucht man Antwort auf diese 
Fragen, so richtet sich der Blick unwillkürlich auf die Tatsachen, daß 
Saladin, dieser von Haeckel entdeckte »gelehrte und scharfsinnige Theo- 
loge«, in England, seinem Vaterland, durchaus richtig gewürdigt wird: 
nämlich als ein Pamphletist, der mit Wissenschaft nichts zu tun hat, 
daß besonders gegen das 17. Kapitel und die Rolle, die Saladin in ihm 
spielt, in England scharfe Angriffe gerichtet sind, und idaß die Aus* 
sichten für Verbreitung der englischen Übersetzung naturgemäß dadurch 
noch günstiger wurden, daß diesen Angriffen durch Veränderung des 
17. Kapitels der Boden entzogen wurde. 

Vielleicht denkt mancher, das alles seien doch nur Kleinigkeiten, 
die bei Bewertung der »Welträtsel« von »höherem Standpunkt« aus 
keine Rolle spielten. — Vielleicht! Aber von Wichtigkeit werden sie 
auf jeden Fall bei Bewertung und Charakterisierung des Autors, und 
darum handelt es sich hier. Da gewinnen sie — vor dem Richterßtuhl 
der wissenschaftlichen Moral — größte Bedeutung als Symptome für 
Tieferliegendes. 

Ich bin in hohem Orade geneigt, die überraschenden Abnormitäten, 
auf die man in Haeckels wissenschaftlichem Oebahren auf Schritt und 
Tritt stößt, aus seinem Dogmatismus zu erklären: daraus daß er durch 
und durch eine Olaubensnatur ist. Aber ich muß gestehn, daß es 
mir sehr schwer, ja fast unmöglich wird, 'das Vertrauen auf Haeckels 
bona fides bei den in dieser Anmerkung behandelten Punkten aufrecht 
zu erhalten. Mindestens muß ihm vorgeworfen werden, daß er, soweit 
sie in Betracht kommen, in hohem Maße das wissenschaftliche Ehr- 
und Pflichtgefühl vermissen läßt, das man von einem Forscher, der 
dazu noch Lehrer der akademischen Jugend ist, unbedingt verlangen 
muß. 



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136 

bittersten Seelenkämpf en ! — erst durch das vollendete Stu- 
dium der Medizin und durch die Tätigkeit als praktischer 
Arzt gelangt 

Es ist dies eine sehr interessante Mitteilung, sie macht 
seine Stellung zum Christentum begreiflicher. Er gehört 
danach zu jenen nicht gerade seltnen Apostaten , die ihren 
radikalen Bruch mit der Vergangenheit nicht besser meinen 
bevyreisen zu können , als dadurch, daß sie das früher Ver- 
ehrte auf alle Weise schmähen und verfolgen. Bekäme 
Haeckel die Staatsgewalt in die Hand: ich zweifle nicht, 
daß die Orthodoxen unter seinem Joch schwer seufzen 
würden. Ob er zum Christentum je ein inneres Verhältnis 
gehabt hat, erscheint mir fraglich. Vielleicht wurde ihm 
schon das Elternhaus, ohne daß er es sich zu gestehn 
wagte, durch ein Zuviel von Religion und Religionsübungen 
lästig. Das Vorbild der Leiter seiner Jugend und eigenes 
Pflichtgefühl mögen ihn in Beschäftigungen hineingetrieben 
haben, die seinem Genius zuwider waren. So wurde ihm 
der Glaube zur Fessel, und als das Wichtigste am Christen- 
tum erschienen ihm die Dogmen, die er so gern glauben 
wollte und die ihn doch je länger je mehr im Innersten 
abstießen. Aber gerade um dies Gefühl nicht in sich auf- 
kommen zu lassen, kreuzigt er sich selbst und verteidigt 
sie, die er selbst schon halb aufgegeben hat, seinen frei- 
denkenden Kommilitonen gegenüber. Bis dann endlich der 
Befreiungskampf kommt und die Stimmung völlig umschlägt: 
Haß wo früher Liebe war, erbitterte Feindschaft wo früher 
Anhänglichkeit und Verehrung. Es ist, als ob Haeckel sich 
durch seine Angriffe auf das ganze Christentum für all das 
Leid der Knechtschaft und Gewissenspein entschädigen 
möchte, das gewisse Vertreter desselben einst über ihn 
gebracht haben; als ob er die Wertlosigkeit dessen, was er 
aufgab, sich selbst und andern durch recht kräftige Ver- 
unglimpfung auf das Nachdrücklichste beweisen wollte. 

Dazu kommt aber noch ein Doppeltes. Haeckel ist 
ein Enthusiast und, trotz seines Materialismus , ein 



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. 137 

Idealist reinsten Wassers. Was er ergreift, ergreift 
er mit Feuer. Ob er liebt, ob er haßt: er ist mit Leib und 
Seele dabei. Er hat etwas von einem Olaubenshelden an 
sich: ich zweifle nicht, daß er für seine Ansichten zum 
Märtyrer werden könnte. Und wie es bei solchen Naturen 
oft geht: so sehr er durch Unduldsamkeit, durch engherziges 
Verwerfen und Verurteilen abstößt, so enthusiasmierend und 
werbend wirkt er durch die Macht persönlicher Überzeugung, 
durch die Olut idealer Begeisterung. 

Auch Haeckel hat die Fehler seiner Tugenden. Wäre 
er nicht ein Brausekopf, glaubte er nicht unbedingt an sein 
Werk und an seine Dogmen: wir würden seinen Forschungen 
nicht so viel zu verdanken haben. Er wäre nicht zu einem 
der eifrigsten, produktivsten und erfolgreichsten Apostel der 
Entwicklungsidee geworden. 

Das ist das Eine. Das Zweite ist dies: Ha eckeis 
Angriffe auf das Christentum sind durch Ver- 
treter des letzteren provoziert Es ist nicht un- 
berechtigt, wenn er im Anfang des XVII. Kapitels sagt: 
»Wir müssen ausdrücklich betonen, daß es sich hier um 
notgedrungene Verteidigung der Wissenschaft und der 
Vernunft gegen die scharfen Angriffe der christlichen Kirche 
und ihrer gewaltigen Heerscharen handelt, und nicht etwa 
um unberechtigte Angriffe der ersteren gegen die letzteren« 
(W. 35Q). Solange die Glaubens eif er er unter den Katho- 
liken sowohl als unter den Protestanten freie Forschung 
und freie Lehre in Banden schlagen wollen, solange können 
sie sich nicht wundem, wenn Antworten kommen, wie die 
Haeckels. Er fühlt sich als Verteidiger der Rechte der 
Wissenschaft gegen Unduldsamkeit und Unterdrückungs- 
versuche. Und ich kann nur sagen: Wehe denen, die ihn 
in die Lage gebracht haben, derartiges zu seinen Gunsten 
geltend zu machen. Welcher Schmutz, welche Verieumdungen 
sind auf die Vertreter der Entwicklungsidee und des Dar- 
winismus gehäuft! Welch gemeine Motive und niedrige 
Denkungsart wurden ihnen untergelegt! Und wie es in 



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138 

den Wald hineinschallt, so schallt's wieder heraus. Die 
Ketzerrichter des Christentums haben wahrlich keinen Grund, 
sich über Ton und Inhalt des XVII. Kap. der »Welträtsel« 
zu beschweren. Sie haben es selbst nicht besser gemacht 
Achten und dulden sie Haeckels Glauben nicht, so können 
sie sich nicht wundem, wenn ihnen Gleiches mit Gleichem 
vergolten wird. Zudem ist ihr Tun in demselben Maße 
unedler, als ihnen mehr äußere Machtmittel zu Gebote 
stehn als der Gegenseite. 

Aber allerdings, der unparteiische Zuschauer muß auf 
das Tiefste bedauern, daß der Kampf mit solch vergifteten 
Waffen geführt wird. Er wird sagen: dadurch daß mein 
Nachbar mich bestiehlt, bekomme ich noch nicht das 
Recht, es zu tun, und wird wünschen, Haeckel hätte feurige 
Kohlen auf das Haupt des G^;ners gesammelt, statt auf 
den groben Klotz den groben Keil zu setzen ; zumal Un- 
glimpf und Beleidigung doch nicht nur die Glaubenseiferer 
trifft, g^en die Haeckel sich seiner Haut wehrt: Tausende 
frommer Christen, die nicht daran denken, der Wissenschaft 
zu nahe zu treten, werden in ihren heiligsten Gefühlen 
verietzt 

Es bleibt also dabei: Haeckel hat sich durch seine An- 
griffe auf das Christentum, durch ihren Ton sowohl als 
durch ihren Inhalt, auf das Äußerste bloßgestellt. Sein 
Charakter und die Art, wie christliche Orthodoxe ihn be- 
handelt haben, können sein Vorgehn wohl begreiflich er- 
scheinen lassen, auch bis zu einem gewissen Grade als mil- 
dernde Umstände geltend gemacht werden, aber sie können 
es nicht entschuldigen, geschweige denn rechtfertigen. 

c) Haeckels Wissenshochmut und Größenwahn. 
Sein starker Glaube macht Haeckel schließlich auch 
noch zum Geschichtsphilosophen und Propheten. 
Nun glaubt ja, einer guten alten Sitte gemäß, jeder ordent- 
liche Geschichtsphilosoph, der etwas auf sich hält, sein 
Auftreten und sein Lebenswerk bedeute »den« Wende- 



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139 

punkt d^r Zeiten. Und wenn nicht sein Werk, so doch 
mindestens die Kämpfe und Ideale der Partei, zu deren 
Fahne er schwört. Haeckel ist zu bescheiden, um von 
dieser Regel die Ausnahme bilden zu wollen. 

Sein Monismus bedeutet eine neue Periode in der Ge- 
schichte des Menschengeistes und ist berufen, die Erde in 
ein Paradies zu verwandeln. Dringt er durch, wird er erst 
in allen Schulen gelehrt und von allen Kanzeln gepredigt: 
dann darf man von der Rechtspflege Unparteilichkeit und 
Vernunft erwarten, in der Politik hört das Kannegießern 
auf, vor dem Licht der »naturwissenschaftlichen 
Kenntnis von Bau und Leben der Personen, welche den 
Staat zusammensetzen, und der Zellen, welche jene Per- 
sonen zusammensetzen«, verschwindet, wie Nebel vor der 
Sonne, aus Parlamentsberichten und Regierungseriassen die 
»entsetzliche Fülle von soziologischen Irrtümern«, der 
herrschende Aberglaube weicht vernünftiger Naturerkenntnis 
und diese zeigt zugleich einen besseren Weg zum Olück, 
in die veralteten Einrichtungen der Schulen und Universitäten 
zieht neues Leben ein, die Kirchen füllen sich wieder, auch 
mit Technikern und Chemikern, Ärzten und Philosophen. 
Denn wie könnten die sich noch länger von Haeckels 
Gottesdiensten fem halten, bei denen Kirche, Aquarium 
und botanischer Garten in glücklichster Weise verbunden 
sind, wo Palmen und Baumfame, Bananen und Bambusse 
»an die Schöpfungskraft der Tropen erinnern«, wo unter 
den Kirchenfenstem in großen Behältern reizende Medusen 
und buntfarbige Korallen sich dem Auge des Beschauers 
darbieten, wo an die Stelle des Hochaltars eine Urania tritt, 
um »an den Bewegungen der Weltkörper die Allmacht des 
Substanzgesetzes« darzulegen, wo Erbauung nicht mehr aus 
»mystischem Glauben an übernatürliche Wunder«, sondern 
aus dem »klaren Wissen von den wahren Wundem der 
Natur« quillt 

Da hat man einen Vorgeschmack von dem, was unter 
der Herrschaft der monistischen Religion den Trost und 



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140 

Erhebung Suchenden erwartet Die modernen Religions- 
stifter sind ein wunderbares Geschlecht Aber Haeckel 
übertrifft sie alle noch weit an Seltsamkeit Er ist wie ein 
geistiger Robinson in der Einsamkeit seiner Gedankenwelt 
Ganz hingenommen von seinen wissenschaftlichen Inter- 
essen und Forschungsidealen, hat er jedes Verständnis ver- 
loren für den Sturm und Drang der Menschenherzen, 
die nicht gerade in der Brust eines Starkgeistes oder 
eines — Professors der Zoologie und vierfachen Doktors 
schlagen. Wäre das nicht: wie könnte er meinen, sein arm- 
seliges bischen Wissen werde den brennenden Durst des 
Menschen nach Glück und Ruhe, Frieden und Versöhnung 
zu stillen vermögen. Den meisten quillt Erquickung nicht 
aus eigener Seele. Von außen her muß sie ihnen werden, 
aber nicht auf dem Weg der Aufklärung, sondern durch 
Vermittlung der Religion. Und wenn nun der Mensch in 
seiner Qual verstummt und sich nach Trost, nach einem 
Frieden sehnt, der (wie er meint) nicht von dieser Welt 
ist, oder wenn er in gläubigem Aufblick seinen Gott sucht, 
das Herz wund und doch bereit, sich voll Vertrauen und 
Ergebung in den höheren Willen zu fügen, oder wenn es 
ihm klingt wie ein Klang aus der Jugendzeit und er, 
zweifelnd zugleich und hoffend, von einem Jenseits hören 
möchte voll Unschuld, Glück und Gerechtigkeit, oder wenn 
er, zusammenbrechend unter der Last schwerer Schuld, Ver- 
söhnung und Entsühnung begehrt: dann soll er gehn und 
die bunten Korallen betrachten? zu Palmen aufschauen? und 
über das Substanzgesetz sich belehren lassen? und soll so 
Ruhe finden für seine Seele? O arme Seele! Wie würdest 
du dich zurücksehnen nach deiner Religion, nach dem, was 
Haeckels »Monismus« als Illusionen verlacht! Und wären es 
Illusionen — sei es drum! Sie gaben dir doch wenigstens 
Brot, nicht, wie dieser »Monismus«, Steine statt Brot 

An mehreren Stellen der »Welträtsel« wird das 18. Jahr- 
hundert, im Gegensatz besonders zum »finstem Mittel- 
alter«, mit hohen Ehren genannt Es ist das kein Zufall. 



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141 

Haeckel hat eine große Ähnlichkeit mit den alten Aufklärern. 
Hier wie dort wird die Vernunft als einzige Göttin ange- 
betet; der Hauptstolz ist, ein freier Denker zu sein. Wahren 
Abscheu empfindet man gegen alles Mystische, wozu auch 
Oemütsbedärfnisse und Forderungen des Herzens gehören. 
Die ganze Weltanschauung soll vor allem vernunftgemäß 
sein: von der Vernunft nicht nur als möglich zugelassen, 
sondern auch als notwendig gefordert. Das große Ziel 
ist, sich selbst und die Mitmenschen von dem Wust des 
bisherigen Aberglaubens, von der Last überkommener Tra- 
ditionen zu befrein und an die Stelle unvernünftiger Glaubens- 
lehren »reine Vemunfterkenntnis« zu setzen. Wissen ist 
nicht nur Macht, nicht nur Bereicherung des Lebens: Wissen 
ist auch Glück und Friede. 

Nun bin ich gewiß der letzte, die Freuden wissen- 
schaftlicher Beschäftigung zu leugnen. Aber welches ist 
ihre Quelle? Nicht cfer Besitz, sondern der Erwerb! Nicht 
das Wissen, sondern das Streben nach Wissen ! Arbeit und 
nicht Ruhe! Kampf mit den Problemen und nicht fertige 
Lösungen! Über jedem Forscherieben müßte als Motto 
Lessings Wort stehn, daß dem Menschen nur der immer 
r^e Trieb nach Wahrheit zieme, die reine Wahrheit selbst 
dagegen für Gott allein sei. Der Mann ist kein Forscher 
mehr, der auf seinen Lorbeeren ausruht. Rentiers gibt es 
in der Wissenschaft nicht, nur Arbeiter und Streiter. 

Das ist also das Köstliche auch im Leben des Forschers: 
ernstes Ringen und heißes Bemühn. Und darin besteht 
zugleich das Veredelnde und Adelnde der wissenschaftlichen 
Arbeit: sie stählt Geist und Charakter, indem sie steten 
Kampf gegen die eigenen Vorurteile aufzwingt; sie macht 
selbstlos, indem sie das eigene Ich in dem Streben nach 
Wahrheit zurücktreten läßt. 

Aber die Menge? was hat sie von diesen Freuden des 
Denkers? Weniger als nichts! Sie ringt sich nicht selb- 
ständig los von Vorurteilen: sie wird von ihnen befreit, 
aber nur um neuen Vorurteilen anheim zu fallen. Den einen 



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142 

Parteigott gibt sie auf, um einen andern anzubeten. Was 
li^ darin Stählendes oder Veredelndes? Und könnte die 
Menge ahnen, welcher Art die Wonnen des Forschers sind 
— sie würde sie ihm neiden, und die Leere im eigenen 
Innern käme ihr nur um so mehr zum Bewußtsein. 

Haeckel freilich ist anderer Ansicht Für ihn ist der 
Besitz fertigen Wissens schon ein Hochgenuß. Vielleicht 
ist es die Stimmung des Alters, die in dieser Neigung zum 
Ausruhen und zu befriedigtem Rückblick sich kundgibt. 
Oder — er hat manches von jenem Wagner an sich, der 
die Worte sprach: »und wie wir's dann zuletzt so herrlich 
weit gebracht.« Haeckel schwelgt förmlich in dem Ge- 
danken an »die ungeheuren Fortschritte, welche das 19. Jahr- 
hundert in der wahren Naturerkenntnis gemacht hat« (W. 423). 
Das ganze Schlußkapitel der »Welträtsel« ist ein Triumph- 
lied, durch welches das Wagnerwort sich als Leitmotiv hin- 
durchzieht. Und auch aus den übrigen Kapiteln tönt es 
uns immer wieder entgegen. Für Haeckel ist die »wahre 
Wissenschaft«, rein für sich betrachtet, schon der »kost- 
barste Schatz der Kulturmenschheit« (W.389), die »herriichen 
Früchte vom Baume der Erkenntnis« werden allgemeinen 
Fortschritt, intellektuellen wie sittlichen, nach sich ziehen 
(M. 29/30, 45, W. 267, 390 und öfter). 

Das ist Haeckels — Glaube. Der meine ist es nicht 
Ich bin der Ansicht, daß Wissen an sich tot ist und weder 
besser noch glücklicher macht, und daß darum auf dem 
Wege rein intellektueller Aufklärung die Menschen nie wieder- 
geboren werden. Nicht einmal die einzelnen, geschweige 
denn die Menschheit. Dazu würde etwas gehören, was sie 
viel tiefer erfaßte: so recht im Innersten, wohin bloße Be- 
lehrung, bloßes Klügermachen nicht dringt! 

Für die Anmaßung derer, die den Menschen »dem un- 
endlichen Universum gegenüberstellen und als wichtigsten 
Teil des Weltalls verherrlichen«, die für ihre »vergängliche 
Person ein ewiges Leben in Anspruch nehmen«, hat Haeckel 
ein neues Wort erfunden: anthropistischer Größenwahn. 



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143 

Und über den »Anthropismus« gießt er die ganze Schale 
seines Spottes aus. »Der lächerliche Cäsarenwahn des 
Caligula« ist ihm nur »eine spezielle Form dieser hoch- 
mütigen Selbstvergötterung des Menschen« (W. 17). Um 
die Nichtigkeit alles menschlichen Wesens einzusehen, braucht 
man nur seine Gedanken in den »universalen kosmischen 
Entwicklungsprozeß« zu versenken, in das Werden und 
Vergehen der Welten in dem unendlichen Raum und der 
unendlichen Zeit. Dann schrumpft »unsere Mutter Erde auf 
den Wert eines winzigen Sonnenstäubchens zusammen, wie 
deren ungezählte Millionen im unendlichen Weltenraum 
umherjagen. Unser eigenes Menschenwesen, welches in 
seinem anthropistischen Größenwahn sich als Ebenbild Gottes 
verherrlicht, sinkt zur Bedeutung eines plazentalen Säugetiers 
hinab, welches nicht mehr Wert für das ganze Universum 
besitzt als die Ameise und die Eintagsfliege, als das mikro- 
skopische Infusorium und der winzigste Bazillus« (W. 282). 

Nun, ich meine, wenn irgendwo von anthropistischem 
Größenwahn die Rede sein kann, dann ist es bei Haeckel 
der Fall wegen seines Glaubens an die Allgewalt des In- 
tellekts, an die Großartigkeit des bisher in Sachen der Er- 
kenntnis Erreichten, an die Unbegrenztheit des Erreichbaren. 
Wie enge Schranken dem menschlichen Geist gesteckt sind, 
weiß er nicht und will er nicht wissen. Er sieht nur, welche 
Fortschritte unsere Zeit gegenüber früheren weniger be- 
günstigten aufzuweisen hat, und bedenkt nicht, daß auch 
heute noch und für alle Zeiten Hallers Wort gilt: »Ins Innre 
der Natur dringt kein erschaffner Geist, zu glücklich, wann 
sie noch die äußre Schale weist«. Und selbst von dieser 
äußeren Schale erkennen wir nur kleine Teile. Unendlich ist 
allein das für immer Verborgene. Unsere Welt, die Welt der 
Sinne, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der wirklichen Welt 

Die Erfolge der »exakten« Wissenschaften haben Haeckel, 
und mit ihm grosse Kreise unter den Gelehrten und noch 
mehr unter den Laien, stolz, selbstzufrieden und selbst- 
genügsam gemacht Ihr »anthropistischer Grössen wahn« 



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144 

würde rasch verfliegen, könnten sie sich entschliessen, mit 
Ernst erkenntnistheoretischen Betrachtungen ob- 
zuliegen. Dieselben machen bescheiden und sind ein Radikal- 
mittel gegen jede Überschätzung des Menschengeistes. 

Zugleich lehren sie aber auch, inwiefern Anthropozen- 
trismus und Anthropomorphismus berechtigt sind. Mein 
geistiges Ich, mein Bewußtsein ist der einzige Punkt, an 
dem ich das Innere der Welt erschaue. Die ganzen Natur- 
wissenschaften zeigen mir nur die äussere Schale. Alles 
also, was ich über das wahre Wesen des Universums 
(sowie der einzelnen Dinge und Wesen in ihm) annehmen 
und glauben, hoffen und träumen kann, sind nur Analogie- 
schlüsse auf Orund des Psychischen in mir. Und so gewiß 
eine Erscheinung etwas voraussetzt, was erscheint, so gewiß 
das Universum mehr ist, als bloß meine Vorstellung, so 
gewiß bin ich auch gezwungen, bei der Betrachtung von 
mir auszugehn, mein geistiges Ich in den Mittelpunkt zu 
rücken und von ihm auf das andere zu schließen. 

Und eben diese Tatsache, daß der Anthropozentrismus, 
so betrachtet, nicht zu vermeiden ist, daß wir bei allem 
Erkennen an unsere subjektiven Erkenntnis bedingun gen 
wie an Ketten gebunden sind: sie entzieht jedem Oroßtun 
völlig den Boden. Die Erkenntnis der Notwendigkeit des 
:»Anthropismus<s: bedeutet das Ende des :»anthropistischen 
Größenwahns«. In letzteren verfällt dagegen gerade der, 
welcher glaubt, ersterem entrinnen zu können. 



»Ich mußte das Wissen aufheben, um zum Glauben 
Platz zu bekommen«, sagte Kant 1787 in der Vorrede zur 
zweiten Auflage seiner Kritik der reinen Vernunft. Hätte er 
in diesem Jahrhundert den Materialismusstreit mit durchlebt, 
hätte er Büchners »Kraft und Stoff« und jetzt Haeckels 
»Welträtsel« gelesen: er würde sich wundem, wie schwer- 
hörig die Kulturmenschheit geworden ist. 

Und erschiene er heute noch einmal, so könnte er nur 
wiederholen, was seine Kritik der reinen Vernunft lehrte und 



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145 

was ich im ersten Abschnitt dieses Kapitels ausführte: jen- 
seits unserer BewuBtseinswelt sei für die Wissenschaft leerer 
Raum, und wer sich von der kleinen Insel der Erfahrung auf 
den »weiten und stürmischen Ozean« des Transzendenten 
hinauswage, könne das nur im Olaubensschifflein, auf eigene 
Gefahr, tun. Und was Haeckel selbst betreffe, so sei auch 
er der Ansicht, daß der Verfasser der »Welträtsel« durchaus 
keinen Grund habe, auf den »Glauben« zu schmähen und über 
die Gläubigen zu spotten, sintemal er selbst eine ganz be- 
sonders gläubige Natur sei und sein Glaube ihn nicht nur 
zum Materialisten mache, ihn nicht nur zu Unduldsamkeit 
und Verketzerung, zu Wissenshochmut und Größenwahn 
verleite, sondern ihn auch in der strengen Wissenschaft dazu 
führe, die Grenzen zwischen Theorie und Tatsachen zu ver- 
wischen und jener zuliebe diese zu vergewaltigen oder zu 
übersehn. Auf Haeckel passe durchaus sein Wort: »Der 
Dogmatismus der Metaphysik, d. i. das Vorurteil, in ihr ohne 
Kritik der reinen Vernunft fortzukommen, ist die wahre Quelle 
alles der Moralität widerstreitenden Unglaubens, der 
jederzeit gar sehr dogmatisch ist« 

Die Kritik der reinen Vernunft ist in vielen Zehntausenden 
von Exemplaren verbreitet, auf den Universitäten wird sie in 
Vorlesungen und Übungen traktiert. Schon im voraus war 
Haeckels materialistische Metaphysik durch sie als absurd 
erwiesen. Die »Welträtsel« hätten also »von Rechts wegen« 
ein totgeborenes Kind sein müssen. 

Daß sie in Wirklichkeit großen Erfolg hatten, könnte 
man versucht sein, als schwerwiegendes Argument für 
Haeckels Ansicht geltend zu machen, nach welcher von 
Vernunft in der Weltentwicklung nichts zu spüren ist. 

Doch wie alles in der Welt hat selbst dieser Erfolg 
sein Gutes. Bestünde es auch nur darin, daß er weitere 
Kreise zur Selbstbesinnung anr^ Dazu möchte das Schluß- 
kapitel einen Beitrag liefern. 



A dicke 8, Kant contra Haeckel. 2. Aufl. 10 

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Fünftes Kapitel. 
Der Erfolg der Welträtsel als Zeichen der Zeit 

Motto fflr die 180000 Käufer der »Weltritsel« : 

Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir 
sagen, wer du bist. 

Eines durfte nach den vorstehenden Ausführungen 
unzweifelhaft sein: innerem Wert verdanken die »Welt- 
rätsel« ihre weite Verbreitung nicht. Andere Faktoren müssen 
im Spiel sein. 

Da liegt es nahe, Haeckel als Vertreter von gewissen 
geistigen Bewegungen zu betrachten, die ihn auf ihren Schild 
hoben, weil er ihnen Herold zugleich und Vorkämpfer wurde. 

Und wirklich kann man vier Zeitströmungen namhaft 
machen, die alle bei den »Welträtseln« ihre Rechnung finden. 

Durch unsere Zeit geht eine Überschätzung der 
Naturwissenschaften, die von ihnen allein alles Heil 
erwartet, daneben aber auch ein philosophischer Zug, 
der seiner selbst noch nicht recht bewußt ist. Weit ver- 
breitet ist femer ein übertriebener Radikalismus 
gegenüber den Forderungen und Bedürfnissen 
des Oemüts, sowie eine starke antichristliche und 
noch mehr antikirchliche Tendenz. 

Allen vier Richtungen können die »Welträtsel« als Credo 
dienen. 

a) Überschätzung der Naturwissenschaften. 
Wäre Haeckel nicht ein berühmter Naturforscher: sein 
Werk wäre ohne jede Wirkung geblieben ! Aber es enthält 
eine, angeblich sogar »die« naturwissenschaftliche Welt- 



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147 

anschauung, und von der Naturwissenschaft erhoffen viele 
das neue Evangeh'um, sie soll und kann alle Rätsel lösen, 
sie vermag den Himmel auf Erden zu bringen. 

Es ist das eine Überschätzung, die nicht neu ist in der 
Geschichte. Und jedesmal war sie von einer Flutwelle des 
Materialismus begleitet. Drei klassische Zeiten des Materia- 
lismus gab es bisher. Ob eine neue im Anzug ist? 

Der Materialismus des Altertums (vertreten von 
Demokrit, Epikur, Lucrez) war eine große Errungenschaft- 
er bedeutete nicht weniger als die Auffindung der richtigen 
naturwissenschaftlichen Auffassungsweise und Methode. An 
die Stelle von Wunder, Zufall, Einfluß von Göttern und 
Dämonen trat der allgemeine Kausalzusammenhang, an die 
Stelle phantastischer Möglichkeiten der Versuch anschaulicher 
Konstruktion auf Grund von Bewegungsvorgängen, Erklärung 
des Zusammengesetzten aus dem Einfachen. 

Daß man diesen großen Gewinnst überschätzte, daß man 
eine (innerhalb der Erscheinungswelt berechtigte) natur- 
wissenschaftliche Forschungsmethode zu einer 
metaphysis^chen Welttheorie erweiterte und meinte, 
alle Probleme aus der Welt geschafft zu haben, war un- 
wissenschaftlich, aber für jene Zeiten begreiflich. Man stand 
im Anfang des Philosophierens, und der fundamentale Unter- 
schied zwischen Physischem und Psychischem war noch 
nicht in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt. 

Die neuere Naturwissenschaft knüpft inGassendi 
sofort an den Atomismus des Altertums an, und gleich in 
ihren Anfängen finden sich materialistische Regungen. Doch 
konnten sie keinen großem Umfang annehmen: die Ge- 
bundenheit der Gemüter durch die Kirche war zu groß. 

Vom 16. bis 18. Jahrhundert ist die Entwicklung der 
Naturwissenschaft ein ununterbrochener Triumphzug mit 
immer wachsenden Erfolgen. Man sollte erwarten, daß als- 
bald auch eine Überschätzung eingetreten wäre. Es war 
nicht der Fall, und der Grund dafür ist in den allgemeinen 
Kulturverhältnissen zu suchen. Erst in die 2. Hälfte des 

10* 



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148 

18. Jahrhunderts fällt die zweite klassische Zeit des Materia- 
lismus. Frankreich mit seinen radikalen Strömungen ist das 
Heimatsland, Lamettrie und Holbach sind die Fuhrer. Und 
auch diesmal ist ^s begreiflich, daß die mechanistische 
Anschauungsweise, die so große Resultate aufzuweisen 
hat, überspannt und in eine Metaphysik verwandelt 
wird. Es wäre ein Wunder von Selbstbeherrschung und 
Selbstbeschränkung gewesen, hätte man die Klippen ver- 
mieden. Nur durch Irrtum geht der Weg zur Wahrhdt: 
auch die Neuzeit mußte den Materialismus erst mit Konse- 
quenz entwickelt sehen, bevor seine Absurdität nachgewiesen 
werden konnte. 

Hundert Jahre später eriebte er in Deutschland seine 
Blüte. Erst in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. 
Jahrhunderts wurden bei uns einerseits die radikalen Strö- 
mungen, anderseits (nach dem langen Zwischenspiel der 
spekulativen Philosophie) die Erfolge und Einflüsse der 
Naturwissenschaften mächtig genug, um die dritte klas- 
sische Periode des Materialismus herbeizuführen. 

Auch jetzt wieder gaben besonders bedeutungsvolle 
Fortschritte der Naturwissenschaft, speziell der Geologie und 
Oehimphysiologie, den Anlaß zur Entwicklung. Auf beiden 
Gebieten waren wichtige Rätsel gelöst. Das berauschte die 
Köpfe: man meinte, die naturwissenschaftliche Methode zeige 
den Weg auch zu den verborgensten Geheimnissen. Das 
Wesen und die Entstehung des geistigen Lebens schien 
plötzlich klar vor Augen zu liegen. Aber diesmal durfte man 
nicht mehr die Entschuldigung anführen, die Altertum und 
18. Jahrhundert mit Recht für sich in Anspruch nehmen 
konnten. Kant war inzwischen aufgetreten und hatte, ener- 
gischer als je zuvor geschah, auf die Ursprünglichkeit und 
schöpferische Tätigkeit der psychischen Faktoren hingewiesen. 
Mit Kants Waffen wurde der Materialismus niedergekämpft 
Und er schien besi^: aus ernsten wissenschaftlichen Wer- 
ken war er schon geraume Zeit verschwunden. 

Da veröffentlichte Haeckel 1892 sein »Glaubensbekennt- 



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149 

nis«, 18QQ seine Welträtsel, und der Totgeglaubte ersteht 
zu neuem Leben, oder besser: in ernste wissenschaftliche 
Diskussion wagt sich von neuem hinein, was inzwischen 
bei den dunkeln Existenzen der Halbbildung sein Leben 
gefristet hatte. Auch diesmal ist es ein großer Erfolg der 
Naturwissenschaft, der den Glauben an ihre Allgewalt ent- 
stehen läßt Darwinismus oder allgemeiner: Evolutionstheorie 
ist das Zeichen, in dem man aller Feinde und Schwierig- 
keiten Herr zu werden hofft. Und wieder einmal macht 
man aus bloßen Forschungsprinzipien und aus Begriffen, die 
nur zur Konstruktion der Erfahrungswelt bestimmt sind, eine 
transzendente Metaphysik, wieder einmal glühen die Menschen 
»wie von neuem Wein«: sie fühlen »Mut, sich in die Welt 
zu wagen«, und glauben, mit ihrem bischen Naturwissen- 
schaft das ganze All umfassen und erfassen, des Himmels 
und der Erde Rätsel lösen, Gottes und des Menschen Wesen 
ergründen zu können. Und auch von ihnen gilt dann das 
Sprüchlein, mit dem Goethe die gelehrten Herren charak- 
terisiert : 

»Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfem; 
Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar; 
Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr; 
Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht; 
Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht« 

Doch solche Überschätzung der Naturwissenschaften ist 
bisher stets nur eine vorübergehende Strömung gewesen. 
Dem Rausch folgte noch jedesmal die Ernüchterung. So 
wird es auch diesmal sein. 

Was kann die Philosophie tun, um diese Entwicklung, 
um den Durchbruch der Vernunft zu beschleunigen? 

Sehr viel! 

Man hört heutzutage so oft von einer naturwissenschaft- 
lichen Weltanschauung im Gegensatz zu den philosophischen 
oder gar theologischen reden. Daß ein solcher Gegensatz 
konstatiert werden kann, fällt zwar nicht allein, aber doch 
zum guten Teil den Philosophen zur Last. Von jeder 
philosophischen Weltanschauung sollte es ganz selbstver- 



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150 

ständlich sein, daß sie auch zugleich eine naturwissenschaft- 
liche ist, jede Philosophie sollte den engsten Anschluß an die 
exakten Wissenschaften suchen. Wo sie die von den letz- 
teren gefundenen Tatsachen leugnet oder verdreht oder 
zu umgehen sucht, da ist sie ohne weiteres im Unrecht 
Ldder haftet der Philosophie von ihrer spekulativen Periode 
her immer noch ein gewisser mystischer Oeruch nach Phan- 
tasterei, Willkür, apriorischer Konstruktion und Wirklichkeits- 
flucht an. Und auch unter ihren heutigen Vertretern sind 
noch manche, die sich in Gegensatz zu den Naturwissen- 
schaften stellen, statt engste Fühlung zu nehmen. Eine solche 
Gegensätzlichkeit ist das Törichtste, was sich denken läßt, 
und sie rächt sich schwer an beiden Parteien. Gegenseitige 
Annäherung und Anregung tut not. 

Und ist die Philosophie naturwissenschaftlich geworden, 
d. h. erkennt sie der Naturwissenschaft sichere Resultate voll 
an und versucht nicht ihre Kreise durch unfruchtbares Drein- 
reden zu stören, dann — aber nicht eher — kann sie auch 
verlangen, daß die Naturwissenschaft philosophisch werde, 
d. h. erkenntnistheoretisch denken lerne — und das wäre 
das Ende jedes Dogmatismus, also auch des Materialismus. 

b) Philosophische Tendenz. 

Doch soweit sind wir noch nicht. Vorerst philosophieren 
Leute wie Haeckel und Tausende seines Schlags noch munter 
darauf los, ohne sich um Erkenntnistheorie und kritische 
Selbstbesinnung zu bekümmern. 

Aber es ist schon ein gutes Zeichen, daß überhaupt 
philosophiert wird. Der Erfolg der »Welträtsel« ist ein Zeug- 
nis dafür, daß ein gewisser philosophischer Zug durch unsere 
Zeit geht, daß sie voll Sehnsucht ist nach einer neuen Welt- 
anschauung. Und unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, 
ist die Verbreitung des Werks sogar etwas Erfreuliches. 

Es klingt freilich sonderbar: Haeckel, diese philosophische 
Null, als Stiller philosophischer Bedürfnisse! Aber daß über- 



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151 

haupt Mangel empfunden wird, ist schon etwas Großes. Es 
bedeutet einen Anknüpfungspunkt, das Verständnis kann 
wachsen, der Geschmack sich verfeinem und der philoso- 
phische Trieb in gesundere Bahnen gelenkt werden. 

Zunächst aber fühlen viele Tausende sich noch am 
wohlsten bei einer Philosophie, die in Wirklichkeit keine 
Philosophie ist. 

Was ist es denn nun, wodurch die »Welträtsel« dem 
philosophischen Gaumen der Massen so sehr munden? Ich 
meine: ein Dreifaches. 

Einmal ist es der angebliche Monismus. Man ver- 
langt nach Einheit der Erkenntnis, nach allumfassenden 
Prinzipien, wie Haeckels Substanz- und biogenetisches Ge- 
setz sie darstellen. Das Detail allein ist man satt, von den 
Einzeltatsachen soll der Weg zum Ganzen gefunden werden. 
Und da kommt Haeckel in weitestem Maße entgegen. Eine 
einheitliche Weltanschauung wie die seine ist so einfach, so 
übersichtlich, so leicht begreiflich. Gern wendet man sich 
von der verwirrenden Mannigfaltigkeit der Erfahrung ab, um 
sich an seinen handlichen Schematen und Entwicklungsreihen 
zu erfreun. 

Da bleiben — das ist das zweite — keine Schwierig- 
keiten mehr. Es ist ja auch so unbequem für den viel- 
beschäftigten Leser, Rätseln nachsinnen zu müssen. Wie 
viel angenehmer ist es, wenn einem die Lösungen gleich 
fertig geboten werden, dazu noch mit der nachdrücklichen 
Versicherung, es seien die endgültigen, einzig möglichen. 
Haeckel versteht es so nett, die eigentlichen Schwierigkeiten 
zu umgehn. Statt der Probleme gibt er Schlagwörter, neue 
und alte, deutsche und namentlich fremdsprachliche in reicher 
Auswahl. Und wie sagt doch Goethe? »Mit Worten läßt 
sich trefflich streiten. Mit Worten ein System bereiten. An 
Worte läßt sich trefflich glauben!« Überhaupt das Glauben! 
Haeckel selbst entpuppte sich ja als ein Erzgläubiger, und 
groß ist er auch in der Kunst, Glauben zu verbreiten. Es 
geht eine Art suggestiver Kraft von ihm aus, sein Dogma- 



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152 

tismus steckt an. Er wiederholt seine Glaubensartikel so 
ofty bis schließlich das Gegenteil die Leute unmöglich dünkt 
Und darum fühlt der Haeckelianer sich bei seinem Meister 
so sicher und geborgen, der Besitz der Wahrhdt ist ihm so 
unzwdfelhaft Nur selten stört in den »Welträtseln« dne 
Einschränkung, ein »vielleicht«, ein »nach meiner Ansicht« 
den reinen Genuß derer, die es vor allen Dingen nach einem 
festen Boden unter. den Füßen verlangt 

Drittens endlich muß diese Leser, die von Haeckel 
philosophieren lernen möchten, die Verschwommenheit und 
Unklarheit der Terminologie in hohem Maße anheimeln. Es 
ist ganz so, wie sie es »von zu Hause her« gewohnt sind. 
Feste, wissenschaftlich bestimmte Begriffe bedeuten für 
manche einen unangenehmen Zwang. Es ist ihnen unbe- 
quem, daß sie sich bei den einzelnen Worten nicht dies und 
jenes und noch einiges andere mehr denken dürfen, sondern 
immer gerade das im Auge haben sollen, was der Verfasser 
meint Ein Hund, der auf Spaziergängen an der Leine ge- 
führt wird, mag ähnliche Pein fühlen. Bei Haeckel sind sie 
dieser Qual völlig enthoben, so schwanken und schillern 
seine Termini. Gerade wegen der Unklarheit erscheint solchen 
Leuten alles klar: sie lassen sich vom Strom mühlos treiben, 
lesen in den einen Satz dies hinein, aus dem andern jenes 
heraus, bis sie endlich bei der Schlußbetrachtung der »Welt- 
rätsel« angelangt sind. Da öffnen sich ihnen alle Himmel, 
denn der große Mystagog gibt jetzt auch sein letztes Ge- 
heimnis preis, nämlich wie man in weniger als 24 Stunden 
ein Philosoph von — Haeckels Gnaden werden kann. Er 
weist »versöhnlich« darauf hin, daß der schroffe Gegensatz 
zwischen Monismus und Dualismus »bei konsequentem und 
klarem Denken sich bis zu einem gewissen Grade mildert, 
ja selbst bis zu einer erfreulichen Harmonie gelöst werden 
kann. Bei völlig folgerichtigem Denken, bd gleichmäßiger 
Anwendung der höchsten Prinzipien auf das Gesamtgebiet 
des Kosmos nähern sich die Gegensätze des Theismus und 
Pantheismus, des Vitalismus und Mechanismus bis zur Be- 



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153 

rührung.« Im »reinen Monismus« sollen alle jene »an- 
scheinenden O^ensätze«, zu denen auch noch der zwischen 
Idealismus und Realismus tritt, »ausgeglichen« werden. Also 
so wird man Philosoph! Wie wohl muß sich doch jeder 
Konfusionarius fühlen, wenn er hier liest, daß eben das, 
was er bisher seiner Natur gemäß mit Notwendigkeit, aber 
doch nur unter leisen Gewissensbissen betrieben: die Ver- 
mengung aller Begriffe und Prinzipien in einen unterschieds- 
losen Brei, der Höhepunkt konsequenter Philosophie und 
sogar des reinen Monismus sei! 

c) Übertriebener Radikalismus gegenüber den 
Forderungen des Gemüts. 

Die Kreise, in denen die »Welträtsel« Anklang und Ver- 
breitung gefunden haben, suchen in einem übertriebenen 
Radikalismus des Denkens ihre Größe. Radikal sind sie 
auch gegenüber den Forderungen und Bedürfnissen des 
Gemüts in Fragen dfer Weltanschauung. Warum? 

Bei vielen ist es sicher nur Sache der Mode: in ihren 
Kreisen ist es so Sitte, es dünkt sie modern und Zeichen 
eines Starkgeistes, wenn sie auch in Wirklichkeit als Mode- 
narren und Herdenmenschen von nichts weiter entfernt sind 
als davon, ein Starkgeist zu sein. Und modern? Der Mate- 
rialismus hat es nie anders gemacht. 

Die selbständig Denkenden zeigen, so paradox es klingt, 
gerade darin ihren Idealismus, daß sie aus ihrer Welt- 
anschauung jeden Idealismus verbannen möchten. Es steht 
a priori für sie fest, daß bei dem heutigen Stande der Natur- 
wissenschaften von etwas Göttlichem, von Unsterblichkeit, 
von Sinn und Vernunft in der Welt nicht mehr die Rede 
sein kann, daß also der Materialismus mit seinem krassen 
Absprechen und Verneinen (vgl. S. 13/14) auf jeden Fall recht 
hat. Da gilt es denn nach ihrer Meinung nur, aus der ge- 
schaffenen Sachlage die Konsequenzen ziehen und der Wahr- 
heit die Ehre geben. Wer noch weiterhin an den herkömm- 
lichen Religionsvorstellungen festhält, wer Trost und Halt 



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154 

sucht in dem Gedanken an ein besseres Jenseits, ist auf 
jeden Fall ein Schwächling und deshalb verächtlich, und 
außerdem eins von beiden: entweder ein Betrogener oder 
ein Betrüger. Was wissenschaftlicher Evidenz entbehrt und 
nicht vom Intellekt streng bewiesen oder als Tatsache auf- 
gezeigt werden kann, ist für sie nicht vorhanden. 

Die Sittlichkeit und Tapferkeit treibt also nach 
der aufrichtigen Meinung dieser Leute zum Materialismus. 
Czolbe war tief davon durchdrungen. Er nimmt für seinen 
Sensualismus nicht größere :» Scharfsinnigkeit, wohl aber 
tiefere, echtere Sittlichkeit<3c in Anspruch. »Die Unzufrieden- 
heit mit der Welt der Erscheinungen, der tiefste Grund der 
übersinnlichen Auffassungen ist [nach ihm] kein moralischer, 
sondern eine moralische Schwäche<s:. Darum heißt es: mann- 
haft resignieren und sich mit dem Diesseits, so wie es ist, 
abfinden. Man »stehe fest und sehe hier sich um! Dem 
Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.« 

Diese weitverbreitete Anschauungsweise mit ihrer Sprödig- 
keit gegen berechtigte Gemütsbedürfnisse und ihrer Unter- 
schätzung des Geistigen ist zum Teil noch aus dem not- 
wendigen Rückschlag zu erklären, der gegen die spekulative 
Philosophie der Fichte, Schelling, H^el erfolgen mußte. 
Hegel hatte in apriorischen Konstruktionen das Wirkliche als 
das Vernünftige »erwiesen«, und seine Philosophie war in 
den Dienst des Staats gestellt als Hüterin des Bestehenden 
und der Autorität. Der nachkantische Idealismus hatte den 
Geist zu etwas Unbedingtem, von der Natur Unabhängigem 
erhoben. Jeder Überspannung aber folgt auf dem Fuß die 
entgegengesetzte Einseitigkeit. So fand und findet man denn 
eine gewisse Freude darin, den Geist samt seinen Ansprüchen 
zu verachten und herabzusetzen. Und das wird dauern, so 
lange bei Theologen und Philosophen das Gegenteil der 
Fall ist 

Manchen unter diesen Materialisten wird die Mutter 
Natur nur eine embryonale Gemütsausstattung mitgegeben 
haben. Kühle Verständigkeit, verbunden mit Trockenheit und 



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155 

Pedanterie, mit einer ausgesprochenen Richtung auf das 
Nächstliegende und Unfähigkeit zu höherem Gedankenflug 
mag ihnen eignen. 

Andere dagegen hat es sicher harte Kämpfe gekostet, 
bis sie sich zu der Höhe modernen »Freidenkertums« auf- 
schwangen. Auch Haeckel erzählt von »bittersten Seelen- 
kämpfen«, unter denen er zur Aufgabe des Glaubens seiner 
Kindheit gelangt sei (W. 461). Was sie tröstet bei diesem 
Ringen, ist das Bewußtsein der Pflichterfüllung: also wieder 
ihre ideale Gesinnung. 

Und etwas anderes wirkt vielleicht noch mehr: Stolz 
und Eitelkeit Sie fühlen sich als die Fortgeschrittenen gegen- 
über den in der Kultur Zurückgebliebenen, den Finsteriingen 
mit ihren vorsintflutlichen Ansichten über Gott, Unsterblich- 
keit und ein besonderes Seelenwesen. In diesem erhebenden 
Bewußtsein, wie sie es so herrlich weit gebracht, berauschen 
sie sich und finden darin Ersatz für alles, was sie aufgeben. 
Fortschritt und Geistesfreiheit: das ist ihre Losung. Diese 
Werte ersetzen ihnen alle übrigen Gemütsbedürfnisse; auf 
sie konzentriert sich die ganze Kraft ihres Fühlens. Als 
Verteidiger der Kultur, als Vorkämpfer der Wissenschaft be- 
trachten sie sich und sehen mit Verachtung auf den herab, 
der »auf breiter Bahn und in gewohntem Geleise seiner 
Seele heiligen Frieden sucht und zu finden glaubt« Sie 
sind die »Freien«, sie die »wahrhaft neuen Menschen«, ihnen 
gilt Haeckels Buch als eine »mutige Tat«, als ein »köstliches 
Erbauungsbuch«, »aus dem jeder redliche Denker[!] Kräftigung 
in seinem Wollen und neuen frischen Mut schöpfen kann, 
wenn er im Konflikt zwischen allen seinen persönlichen 
Interessen und der einen, großen Bekennerpflicht zu wanken 
und zu schwanken anfängt.«^) 

Nun, ihre Wahrheitsliebe und ihren Idealismus in allen 
Ehren: aber »Freie« sind sie nicht Wahrhaft frei ist kein 



1) Die Zitate entstammen Besprechungen der »Weltratsel« und 
finden sich in Schmidts Broschüre. (Vgl. das Vorwort) 



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156 

Dogmatiker, denn er steckt tief in den Banden seiner Dogmen. 
Und jeder, der nach Art dieser Leute den Wert eines Denkers 
an dem Radikalismus seiner Ansichten mißt, ist ein Dogma- 
tiker, und zwar ein echter. Es gibt keinen stärkeren, un- 
bedingteren Glauben als die starre absolute Verneinung eines 
an sich Möglichen. 

Und Vorkämpfer der Wissenschaft? Wissenschaft gibt 
es auch anderswo, und anderswo ist sie sogar reiner, echter, 
freier von Tendenz und Vorurteil als bei ihnen. Wenn sie 
ans Ruder kämen, sie, die das Recht freier Meinungs- 
äußerung so gern im Munde führen — ob es unter ihrem 
Regime »Andersgläubigen« besser ginge? Ob nicht Unduld- 
samkeit und Unterdrückung noch größer würden? 

d) Antichristliche resp. antikirchliche Strömung. 

Als ein ganz besonderes Zeichen von Mut und Wahr- 
heitsliebe gilt jenen »wahrhaft neuen Menschen« die Oppo- 
sition gegen Kirche und Christentum. Und daß Haeckel 
hier die schärfsten Töne anschlägt, hat sicher nicht zum 
wenigsten geholfen, sein Werk populär zu machen. 

Diese tiefgehende antichristliche und noch mehr anti- 
kirchliche Strömung ist ein sehr ernstes Zeichen der Zeit 
Das Christentum ist der Kulturmenschheit so lange Jahr- 
hunderte die Quelle religiöser Gefühle, Gesinnungen und 
Gedanken gewesen. Warum soll denn jetzt plötzlich alles 
aus sein? Sprudelt die Quelle nicht wie früher? Oder hat 
die Menschennatur sich geändert? 

Ich meine: nicht das eine und nicht das andere. Noch 
immer sehnt sich das Endliche nach dem Unendlichen, noch 
immer bringt das Menschengemüt Gefühle hervor, in denen 
es sich in ein Verhältnis zum All setzt, noch immer gilt 
Augustins Wort: inquietum cor nostrum est, donec requiescat 
in te. Und noch immer könnte das Christentum diejenige 
Religion sein, welche den religiösen Bedürfnissen der Masse 
der Kulturmenschen (der Arbeiter wie der »Gebildeten«) am 
besten entspricht. 



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157 

Daß dies letztere für weite Kreise nicht mehr zutrifft, 
ist bedauerlich, nicht um des Christentums, wohl aber um 
jener willen. Und die Schuld ist zu einem guten Teil bei 
der herrschenden Orthodoxie, bei der Unduldsamkeit der 
Olaubenseiferer zu suchen. 

Man will nicht gestatten, daß das Christentum sich dem 
Oeist der Zeit anpasse. Und doch! wie oft hat es das 
schon ohne Schaden getan! Man will alles aufrecht er- 
halten, auch das was veraltet ist Und die Folge? Alles 
geht verloren. Naturwissenschaftlich denkende Menschen 
können sfch mit Wundem, mit Dogmen wie Dreieinigkeit, 
Oottessohnschaft etc. nun einmal nicht mehr befreunden. 
Nicht als ob sie die Unmöglichkeit dieser Annahmen demon- 
strieren und logische Widersprüche in ihnen nachweisen 
könnten ! Aber ihr Charakter, ihre Lebenstendenz drängt sie 
in eine andere Richtung. Da sollte man ihnen das Recht 
ihres Glaubens lassen und zugestehn, daß sie trotzdem noch 
Christen sein können. Statt dessen sucht man, meistens 
gewiß in aufrichtiger Überzeugung und bester Absicht, sie 
an Olaubensformen zu fesseln, die der Art früherer Jahr- 
hunderte gemäß waren. Wollen sie die nicht annehmen, so 
wird das Anathema ausgesprochen. Und was erreicht man? 
Nur das eine, daß die »Gebildeten« und ebenso die Arbeiter 
sich immer mehr von der Kirche, und weil diese von den 
staatlichen Autoritäten mit dem Christentum identifiziert wird, 
auch von letzterem entfernen. 

Und zu der Unduldsamkeit kommt die Verfolgungssucht. 
Statt die Wissenschaft sich selbst und ihrem Gewissen zu 
überlassen, möchte man ihr von Staats wegen Richtung und 
Ziele vorschreiben. Man tastet die Freiheit der Forschung 
und Lehre an, und noch mehr als man wagt, möchte man 
wagen können. Die schlimmsten Absichten, Bosheit und 
Gewissenlosigkeit werden den Gegnern untergel^, wo es 
sich in Wirklichkeit nur um Verschiedenheit der Standpunkte 
handelt 

Und da wundert man sich noch, wenn, wo Wind gesät 



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— 158 — 

wurde, Sturm geemtet wird, wenn die Opposition g^en die 
Kirche wächst? und die Angriffe sich häufen? und der Ton 
gemeiner, das Niveau der Kämpfe niedriger wird? Bevor 
man andere beschuldigt und über den Verfall von Zucht und 
Sitte klagt, sollte man an die eigene Brust schlagen und sich 
der eigenen Schuld bewußt werden. Sobald Freiheit des 
Glaubens herrscht und keiner mehr versucht, dem andern 
Dogmen wie das der Dreieinigkeit, aufzuzwingen, werden 
auch Angriffe, wie die Haeckels, Saladins, aufhören. Ist kein 
Gegner mehr da; so ist der Streit eben beendigt. Sobald 
das Christentum dogmatische Formeln als etwas Nebensäch- 
liches und Wechselndes betrachtet und seine Tore weit auf- 
tut, statt überall Schlagbäume, Wegesperren und Zollstätten 
für die Gedanken zu errichten, wird es auch wieder werbend 
wirken wie früher. An Stelle des bisherigen Dogmenzwanges 
möge der freie Glaube an religiöse Wahrheiten treten, die 
man wert hält, weil man ihre beseligenden Wirkungen an 
sich selbst verspürt hat, ohne daß eine äußere Autorität 
erforderlich wäre, sie zu verbürgen. 

Aber so lange die Orthodoxen verketzern und verfolgen, 
auf die Wissenschaft schmähen und ihr die Wege der 
Forschung vorschreiben möchten, müssen sie auf die er- 
bittertste Gegenwehr gefaßt sein und können sich nicht 
wundem, wenn viele meinen: je schärfer die Opposition g^en 
die Kirche, desto größer die Offenheit und Ehriichkeit. Ein 
Mann, der radikal vorgeht wie Haeckel, ist der Masse dann 
immer am willkommensten, weil sie in ihm ihren natürlichen 
Führer gegen »heuchlerische Unterdrücker« sieht. 

Aber, fragt man vielleicht, ist nicht die Entfremdung der 
Religion g^enüber schon zu groß und zu weit vorgedrungen? 
ist eine Umkehr, eine Wendung zum Besseren überhaupt noch 
möglich? 

Allerdings kann man darauf hinweisen, wie stark der 
Atheismus schon unter den Massen verbreitet ist Aber ich 
glaube, er ist nur eine vorüberrauschende Woge. Ihr starkes 
Anschwellen deutet nicht auf eine Änderung der innersten 



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159 

Menschennatur: sie ist eine Folge und B^leiterscheinung 
der allgemeinen politischen und Kulturverhältnisse. Die 
Sozialdemokratie ist als N^ationspartei groß geworden, 
darum mußte sie sich auch zur radikalsten, am meisten 
negierenden Weltanschauung bekennen. Kirche und Christen- 
tum sind oft in den Dienst von Parteibestrebungen getreten: 
die Sozialdemokraten verallgemeinern es natOriich und be- 
haupten, das Christentum sei an sich kulturfeindlich, wider- 
strebe Freiheit und Fortschritt und stehe im Klassenkampf 
auf selten der Gegner. So wird die Religion betrachtet und 
verworfen als das, was sie nicht ist und nicht sein soll: 
als Beschützerin irgend welcher sozialer Formen oder gar 
Mißbräuche. 

Und in derselben antichristlichen Richtung wirkt das, 
was ich oben schon besprach : die Überschätzung der Natur- 
wissenschaft und der augenblicklich als modern geltende 
Radikalismus gegenüber den Bedürfnissen des Gemüts. 

Aber alles das sind nur vorübergehende Erscheinungen. 
So sehr sie gerade jetzt die Blicke auf sich lenken : sie sind 
doch nicht in dem bleibenden Wesen des Menschen, sondern 
in den wechselnden Verhältnissen des Tages begründet. 

Schon sieht man das Morgenrot einer neuen Zeit auf- 
leuchten. Der Marxismus ist ein Sprößling der spekulativen 
Philosophie. Und wenigstens die geistigen Führer der Sozial- 
demokratie besinnen sich auf diesen Ursprung: sie verlassen 
den Materialismus und suchen sich an Kant zu orientieren. 
Kant aber bedeutet Selbstbesinnung und wissenschaftliche 
erkenntnistheoretische Betrachtung in philosophischen Dingen. 
Und wo wahre Wissenschaft ist, da ist auch für den Glau- 
ben Platz. 

Und die Massen? Kant werden sie freilich nie ver- 
stehn lernen. Aber wenn erst von oben, von den Führern 
her, ein anderer Wind weht, dann stellen sie auch bald ihre 
Segel nach diesem Winde. Zudem : sie sind Menschen, Durch- 
schnittsmenschen. Und der Durchschnittsmensch kann sich 
beim Atheismus auf die Dauer nie wohl fühlen, dazu ist er 



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160 

eben zu sehr Mensch. Für »auserlesene« Geister mag der 
Atheismus etwas sein; für die Massen nicht. Und je mehr 
sich die Sozialdemokratie ausbreitet, desto zahlreicher werden 
auch die Stimmen derer, die mit dem Wort, daß Religion 
Privatsache sei, Ernst gemacht wissen wollen, die gute Sozial- 
demokraten sein, zugleich aber auch an ihren Oott glauben 
wollen. 

So kundigt sich eine neue Zeit an, in der auch die, 
welche sich jetzt mit ihrem Atheismus so sehr brüsten, 
wieder den Zug zum Unendlichen, zur Religion verspüren 
werden. Dann erst werden die Würfel fallen, dann erst wird 
es sich entscheiden, ob das Christentum auch noch die 
Religion der Zukunft sein soll. 

Kann die Kirche sich nicht entschließen, ihrer Engherzig- 
keit Valet zu sagen und die zerfallende Schale zu opfern, 
um den wertvollen Kern zu retten; will sie auch weiterhin 
noch mit Seelsorge Olaubensgericht und Inquisitionstribunal 
verbinden, und versuchen, die freie geistige Entwicklung zu 
hemmen: dann wird der Bruch ein endgültiger sein, sie ent- 
fremdet sich die Massen wie die »Gebildeten« vollends, das 
Christentum bleibt nur die Weltanschauung einer kleinen 
Minorität, und viel Schönes und Gutes geht verioren. 

Gibt die Kirche dagegen der Wissenschaft, was der 
Wissenschaft ist, nimmt sie jeden auf, der sein Herz mit 
Ewigem füllen möchte, dessen Seele dürstet nach Gott, dem 
lebendigen Gott (eineriei wie er sich ihn denke), säet sie 
Liebe und nicht Haß, auch nicht in harten Worten und ver- 
letzenden Urteilen, beschränkt sie sich darauf, für die Seelen 
zu sorgen statt über sie herrschen zu wollen: dann wird 
ihr Mahnruf nicht ungehört verhallen, und das Christentum 
wird wieder werden, was es schon so oft war: eine reine 
Quelle von Frieden und Glück, eine Macht der Kultur und 
des Fortschritts. 



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Verlag von Reuther & Reichard in Berlin W, 9, 

J. G. Fichte. Dreizehn Vorlesungen 

gehalten an der Universität Halle von Dr. F, Medicus, 

Privatdoz. a. d. Univ. Halle. Mk. 3.—, geb. Mk. 3.80. 
Fichte ist der Philosoph der Persönlichkeit, und deshalb ist er recht 
eigentlich dazu bestimmt, dem gegenwärtigen Zeitalter ein Führer zu werden. 
Er entdeckt das Wesen der Persönlichkeit in der »Ueberzeugung«, deren un- 
bedingtes Recht den schwankenden »Meinungen« gegenüber klargestellt wird. 
Durch seine Ueberzeugung allein entreisst sich der Mensch der 
Macht des Zufälligen, durch seine Ueberzeugung gehört er einer übersinn- 
lichen Ordnung an. Persönlichkeit ist nicht eine abstrakte Formel, son- 
dern Leben und Schaffen. Darum hat der Verf. die Lebensgeschichte Fichtes 
innigst mit der Darstellung der philosophischen Lehren verschmolzen und ist das 
Biographische dadurch selbst ein Mittel der philosophischen Interpretation geworden. 

Personalismus und Realismus 

von H« Dreyer, Pfarrer in Camburg a. S. Mk. 2.—. 

Eine systematische Entwicklung des Persönlichkeitsbegriffs, welche bei 
dem wachsenden Kreis derer Interesse finden dürfte, die über die anfänglichen 
Schwierigkeiten der Kantischen Philosophie glücklich hinweggekommen sind. — 
Eine besondere Note erhält die Arbeit durch weitgehende Verwertung Ooethe- 
scher Gedanken. 

Das Historische in Kants Religionsphilo- 

Zugleich ein Beitrag zu den Untersuchungen 
über Kants Philosophie der Geschichte von 

Dr. E. TrOeltSChy Prof, der Theologie in Heidelberg. Mk. 3.—. 

„Das Resultat von T.s Untersuchung ist der Nachweis, dass K.s Religionslehre 
nicht bloss von dem geschichtslosen Sinn ganz frei ist, in dem sie gewöhnlich auf- 
gefasst wird, sondern dass sie im Gegenteil schon ganz die Konsequenzen der 
religionsgeschichtlichen Betrachtung zieht: »das Historische dient nicht zur De- 
monstration, sondern zur Illustration«. — Tr.'s Buch ist wohl das Beste, was 
über Kants Religionsphilosophie und Philosophie der Geschichte 
in den letzten Jahren geschrieben worden ist." [Theol. Jahresber. 1905.J 

Die Grundlagen der Geschichtswissen- 

Schaft ^'"^ erkenntnistheor.-psycholog. Untersu- 
' chung von Dr. Ed- Sprangen 

„Die vorliegende Schrift .... zeugt von einer seltenen Reife des Urteils 
und einer ziemlich umfassenden Belesenheit namentlich auf dem viel 
angebauten Felde der Geschichtsphilosophie; auch gereicht ihr eine recht ge- 
schmackvolle Darstellungsweise nicht zum Nachteile .... Wer das 
moderne historische Bewusstsein in seine Weltanschauung aufnehmen will, muss 
es ganz in dem Umfang anerkennen, wie es sich nach den gültigen Ergebnissen 
der letzten positiven Forscher gestaltet hat und darf nicht gleichzeitig das Rational- 
Ueber(oder Un)historische wollen: Das ist ungefähr der Leitgedanke der Unter- 
suchung. Wo sie sich mit andersgerichteten Ausführungen von Lamprecht, 
Wundt oder Sigwart, von Rickert oder Münsterberg abzugeben hatte, 
berührt sie wohltuend durch die vornehme Art der Polemik. . . ." 

[Ht. Wissensch. Beil. der Leipz. Zeitung.] 



Sophie. 



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Verlagj^on Reuther & Reichard in Berlin V/.9. 

Kritik des sittlichen Bewusstseins 

vom philosophischen und historischen Standpunkt 

von LiC. Dr. W. Koppeltnann, Professor am königl. Oym. 

ntsium in Mfinster. Mk. 6.—, geb. Mk. 7. — . 

„Das vorliegende Buch ist eine der besten Leistungen auf dem Gebiete 
der philos. Ethik." [Prof. O. Ritschi in der Theol. Lit.-Zts:.] 

,,Der Verf., der sich hauptsächlich von Schiller, Kant und den Haupt -Evan- 
gelien beeinflusst fühlt, geht wieder auf den Kantischen Begriff der unbedingten 
Verpflichtung zurfick. Die sittliche Orundpflicht ist die Wahrhaftigkeit, auf sie 
gründen sich alle übrigen Pflichten. Diesen Grundgedanken weiss der Verf. in 
lebhafter Auseinandersetzung mit den bedeutendsten modernen 
Ethikern und mit Herbeiziehung einer Menge anschaulicher Bei- 
spiele in einer ffir jeden Gebildeten verständlichen Sprache durchzuführen. 
IMes Werk bildet somit ebie wertvolle Ergänzung und Kritik der mo- 
dernen Ethik." [Ut. Zentralblatt] 

Luther und Kant 

von Dr. B, BaUChy PHvatdoz. der Phüos. a. d. Univ. HaUc. Mk.4.— . 

„Verf. hat mit seiner Schrift nicht nur eine gute komparative Arbeit 
für die Geschichte der Philosophie geschaffen, er hat auch etwas ge- 
leistet, wofür der Ethiker und der Religionsphilosoph dankbar sein wird." 
[Vierteljahrsschrift für wissensch. PhUosophie XXIX, 2.] 

„Nach einer orientierenden Einleitung stellt der Verf. erst die sittlich-religiftse 
Welt- und Lebensanschauung Lufliers vom philosophischen Standpunkte, dann 
diejenige Kants dar und zieht dann den Vergleich zwischen beiden; dadurch ge- 
vdnnt der Lehrer einen tiefen Einblick in Luthers Religion und fai Kants Philosophie, 
worin der hohe Wert des Buches beruht." [Pädag. Jahresber. Bd. 57.] 

Das sittliche Leben, 

Eine Ethik auf psychologischer Grundlage von 
Dr. H. Schwarz, Prof a. d. umv. HaUc. Mit einem Anhang: 
Nietzsches Zarathiistralehre. Mk. 7.—, geb. Mk. 8.—. 

„Wer dem Verfasser folgt, wird sich überall durch reiche Ausbeute an- 
regender Oedanicen und vielfache Klärung der Begriffe bek>hnt finden. 
Auch der Anhang wird manchen willkommen sein. Er erörtert die 
begrifflichen Grundlagen der Zarathustra-Dichtung, welche hinter dem symbolischen 
und rhapsodischen Ausdruck ganz verborgen liegen, und sucht zu zeigen, dass 
hier im Gegensätze zu der späteren »Herrenmoral« eine Entwicklungsmoral gelehrt 
werde, deren Prinzip »das über sich hinaus Schaffen« mit ethischer Gesinnung 
durchaus vereinbar sei." [Prof. Fr. Jod 1 in der Wiener Neuen Freien Presse.] 

Philosophia militanSa «eaen KlertfoKsiims 

U. HatUtaIi$mtl$. Sünf Ab^anbl. D. Dn ^r.poidfeit, Prof. 

d. pi)iL a. 6. Unto. Berlin. Stoeitt, bur^gef . Hufl. tTtit. 2. - , 9eb.Ittit.3. ~ . 
3nbalt: 1. Dos füngfte Ke%eraeri(i)t über Me moöeme pi)iIofopI)ie. 2. Kant, 6cr 



Pltttofopb des proteftontismus. 3. Xat^olijisntus unö tDijfenfc^ft 4. 5i(^te im Hanq>f 
um Me 5rei^e{t öes Denkens. 5. €mft Qaecftel als pi)ttofopI). 

,,PauIfen f^reibt etnen vortrefflichen, leisten Stil mit geiftoollen tDen« 
bungen unb fein angebra^ten Sitaten. Deshalb mirb ieben (Bebilbeten biefes fi)m« 
pat^iK^ ausgeftotteteBüi^Iein {ntereffieren." [prof.€.KüIpe in b. BaIt.ntonatf(^rift] 



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Verlag von Reuther & Reichard in Berlin W, 9. 

Die Philosophie in der Staatsprüfung, 

Winice ffir Examinatoren und Examinanden. 

Zugleich ein Beitrag zur Frage der philos. Pro- 

paedeutik. Nebst 340 Thematen zu Prüfungsarbeiten von 

Dr. H. Vaihinger, Professor a. d. Univ. Halle. Mk. 2.—. 

„Das Buch ist mit warmer Begeisterung ffir wahres Wissen und 

allgemeine Bildung geschrieben, und kann wegen des gereiften, anf 

langjähriger Erfahrung beruhenden Urteils nicht warm genug empfohlen 

werden. Es hat aber darfiber hinaus noch Wert, es wird so manchem Vorurteil 

begegnen und Aufklärung geben, was es denn um die Philosophie sei/* 

[Philos. Wochenschrift I, 5.] 

Lehrbuch der philos> Propaedeutik 

von R. Lehmann, Prof.a.d.Univ. BerUn. Mk.3.60, geb. Mk.4.50. 
„Ich wünsche, dass der Verf. Freude an dem Buch erleben möge, vor allem 
die Freude, dass es öfters in seine Hände zurückkehrt. Es gibt Lehrern und 
Schfilern in fasslicher Form eine Ffille wohlgewählter Tatsachen, 
Erklärungen und Fragen; neben den Bfichem von Höfler und Schulte-Tigges, 
. . . wird es sich besonders durch das Eingehen auf die letzten und all- 
gemeinsten Probleme, die doch auch die ersten und dem Interesse des Schülers 
nächstliegenden smd, empfehlen. [Prof. Dr. F. Pauls en i. d. Deutsch. IM. Zig,] 

€iite €r}ie^itit9$Ie^re ottf moöertter etunbla^t r>on 

Dr. ^. BüUntdltltt <Be^. Re9.«Rat u. profeffor o. 6. UnioerfitSt (Bdtthtgen. 

SiDcite, Derbeljerte Hufl. lltfi. 1.50. 

»Der Qdl^epunfet öer tmncnsbiI6ung ift, bafi 6er Ittenfc^ einen Cl^araftter 
iiaht," [Der Derf.] 

JAt in I^ol^em 6ra6e anregende S^rift fü^rt öem btnktnben Ccfer eine 
5ftII< tntereffonter tEatfad^en un6 treffenöer Beobad^tungen nor un6 
vermag gebttbcten €Item, Ctaie^cm unb Cef^rem I^of^enltu^en 3u gemä^ren." 

[<bi)mnafium.] 

Das Seelenleben des Kindes> 

Ausgewählte Vorlesungen von Dr. K. Oroos, Pro- 

fessor an der Universität Oiessen. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—. 

„In sehier liebenswürdigen Art und mit künstlerischem feinem Ver- 
ständnis fürt uns O. bi eüien Teil der allgemehien Psychologie efai, fai die 
iOnderpsychologle, die sdentia amabilis, wie er sie mit Stumpf so schön nennt. 
Er will kehl systemat Werk geben, sondern nur in ehiem allgemehien Teil emiges 
über das Wesen der Khiderpsychologie und die Lebensbedbigungen der lOndheit 
vorbringen und dann in ehiem speziellen Teil ausgewählte Ehizelfragen besprechen. 
Man mag mit manchen Ansichten des Verf. nicht eüiverstanden seüi — , man muss 
doch gestehen, dass Or.mit einer ganz aussergewöhnlichen Sicher- 
heit in sehr verwickelte Verhältnisse hineinleuchtet und dass das 
Buch allen, die sich mit der Jugend beschäftigen, hohen Ocnnss 
und viel praktischen Vorteil bringen kann.'< [Allgem. Lit. Blatt] 



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Verlag von Reuther & Reichard in Berlin W, 9. 

Itte^f^e als p^tlofop^ 

von Dr. Q. Dai^iltÜCty Profeffot 6er pi^ttofopl^ie an 6er Unioerfität I^oHe. 

Dritte,. oerme^rte, billige Hufl. lltfi. 1.-, geb. IHJt. 1.60. 

„— S^arf fin6 6ie Qauptfac^eti aus 6er Umgebung ^erausgeldft un6 
ganj in 6ie Sp^&re 6es Begrifflichen gehoben, befreit von allem, was 
an 6er Stelle, too fie in 6en Schriften ftef^en, von Iei6enf(^aftli(^er 
Erregung an i^nen haftet. 3n Mefer Darftellung i)erf(^tDin6et 6as ftp^oriftif(^e, 
6a$ Cprif(Qe un6 Spmbolifc^e ganj - alles ift (Begenftanb p^ilofop^ifc^er Betrachtung 
genK>r6en. (Es getofi^rt eiii geiftiges Pergitilgeit, 6iefe geor6nete tDelt ooit nielfdKt 
•fdoitleit ])ie? erftel^eit su fel^eit." - 

[®. oonteitner: ,,(Hit $fll)m 6iird) UltlMt'' i 6. H&ql Run6f(^u.] 

Imanuel Kant, seine geographischen und anthropo- 
logischen Arbeiten. Zwölf Vorlesungen 

von Dr. O. Oerland, Prof, a. d. Univ. Strassburg. Mk. 4.~. 

Hermann von Helmholiz in seinem Verhältnis 

zu Kant von Dr. AI. Riehl, Oeh. Hofrat, Prof. a. d. Univ. 

BerUn. Mk. —.80. 

Thomas von Aquino und Kant Ein Kampf 
zweier Welten von Dr. R, Eucken, oeh. Hofrat und 

Prof. d. Philosophie a. d. Univ. Jena. Mk. — .60. 

Rudolf Eukens Theologie mit ihrer philosophischen 
Grundlage von Dr. H. Pdhlmann, Mk. 1.50. 

Kant, ^et pbilofopl) ^e$ ptoteftaitti$mu$ 

von D. 3, naftaity or6. Prof. 0. 6. Unto. Berlin, mit. -.50. 

Kants Philosophie der Geschichte 

von Dr. F. MediCttS, PHvatdoz. a. d. Univ. HaUe. Mk. 2.40. 

Helen Kellen Entwicklung und Erziehung einer Taub- 
stummblinden als psycho!., pädag. u. sprachtheor. Problem von 

Dr. L. W. Stern, Privatdoz. a. d. Univ. Breslau. Mit einer Tafel. 
Mk. 1.80. 

Zu Kants Gedächtnis. Zwölf Festgaben zu seinem 
100 jähr. Todestage von O. Liebmann, W. Windelband, 
F. Paulsen, AI. Rieht, E. Troeltsch, F. Heman u. a. 
herausg. von Dr. H. Vaihinger, Prof., u. Dr. B. Bauch, 

Privatdoz. a. d. Univ. HaUe. Mit 4 Beilagen. Mk. 6.—. 

Schiller als Philosoph und seine Beziehungen 
zu Kant Festgabe der »Kantstudien«. Mit Bei- 
trägen von R. Eucken, O. Liebmann, W. Windelband, 
J. Cohn, F. A. Schmid, Tim Klein, B. Bauch und 
//. Vaihinger herausgegeben von H. Vaihinger und 

B. Bauch. Mit 3 Schillerporträts. Mk. 3.—. 

Dieterichsche Univ.-Buchdruckerei (W. Fr. Kaestner) Göttingen. 



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ADICKES, Erich 

Ksnt contra Haeckel 



K3i>.9 
A235ka 

1906 



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